Von Derrick zu Herbert Reinecker, von seinem Meisterspion Gimpel zum realen „Unternehmen Pastorius“ – so kann man im Internet von einem Kaninchenloch zum nächsten stolpern und am Ende von einer peinlich gescheiterten Sabotageaktion der Nazis zu erfahren.
Skript
Menschen, die wie ich veranlagt sind – keine Ahnung, wie viele das sind – haben ein Problem mit dem Internet. Nein, es sind nicht Fake News und es sind auch nicht die sozialen Medien. Für mich ist das Problem, dass das Worldwide Web ein Netz von Kaninchenlöchern ist. Rabbit Holes. Das ging mir übrigens vor dem Internet auch schon so. Wir hatten so einen Schuber mit Lexikonbänden von dtv – da konnte ich auch Stunden verbringen, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht.
Vorgestern hatte ich den Gedanken, ob es interessant wäre, eine Episode zu den ganzen Fernsehkommissaren zu machen. Früher, als es nur öffentlich-rechtliches Fernsehen gab, hatte ja jeder der beiden Sender eine ganze Handvoll an Polizeibeamten, die Woche für Woche einen neuen Fall lösten.
Und die waren alle erfolgreich. Und ich fand sie alle langweilig. Besonders langweilig fand ich immer Derrick. Also habe ich zuerst nach Derrick gesucht. Dort bin ich dann auf Herbert Reinecker gestoßen. Die Serie lief von 1973 bis 1998 und Reinecker schrieb dafür fucking 281 Folgen. Derrick, das ist die Serie mit „Harry, hol‘ schon mal den Wagen“.
Der Name Reinecker kam mir furchtbar bekannt vor. Er hat auch fast hundert Folgen für „Der Kommisar“ geschrieben, was erklärt, warum der auch so langweilig war.
Und: Er war ein Bilderbuchnazi. 1914 geboren, trat er mit 18 Jahren der Flieger-Hitlerjugend bei und wurde nach dem Abi 1935 Chefredakteur der westfälischen HJ-Zeitschrift „Unsere Fahne“.
Im Krieg wurde er Kriegsberichterstatter für eine Propagandakompanie der Waffen-SS in Rumänien, Russland, Flandern und Pommern. Lassen wir die Feinheiten weg. Wir können uns merken, dass er den letzten Leitartikel für die SS-Zeitung „Das schwarze Korps“ schrieb. April 1945, eine Woche, bevor die Rote Armee Berlin erreichte. Keine drei Wochen vor der Kapitulation.
Ich zitiere: „Der Arbeiter Adolf Hitler, ein Mensch gleichen Blutes wie wir, dass ist der Mann, dem Dank und Feier gilt. Er war arm wie der ärmste Deutsche an irdischem Besitz, an Titeln und Würden und staatlichen Prüfungen, er hatte nichts als seine unbändige Liebe zum Volke und seinen unerschütterlichen Glauben an seine Sendung, und er überwand damit das Kapital der ganzen Welt, die Lüge, die Heuchelei einer entarteten Gesellschaft und er setzte an deren Stelle die Großmacht des reinen Herzens.“
Das zu schreiben, während praktisch ganz Deutschland schon von den Alliierten erobert war, ist schon ein Zeichen von maximaler Verblendung, oder?
Dieser Reinecker, wahrscheinlich seit dem 8. Mai 1945, der Kapitulation, plötzlich ein lupenreiner Demokrat hat also nicht nur Derrick und den Kommissar geschrieben, sondern auch eine ganze Reihe an anderen Filmen. Darunter viele Edgar-Wallace-Krimis, aber auch den „Spion für Deutschland“, mit dem Alternativtitel: „Meisterspion Gimpel“. Das heutige Intro war der Trailer.
Um den Film komplett zu spoilern: 1944 schickt Hitler Meisterspione per U-Boot nach New York, damit die rausbekommen, wie weit die USA mit der Atombombe ist. Leider verpfeift Gimpels Mitspion ihn und erzählt alles brühwarm dem FBI. Gimpel kommt in den Knast, soll hingerichtet werden, wird gerade noch einmal begnadigt und als er, elf Jahre später, wieder freigelassen wird, hat seine amerikanische Geliebte auf ihn gewartet.
Held dieser Geschichte ist also ein Nazi-Spion, der auch noch ein Happy-End bekommt, obwohl sein Mit-Nazi ihn an den Geheimdienst eines demokratischen Landes verpfiffen hat. So viel dazu, wie gut wir in Deutschland das Dritte Reich verarbeitet haben.
Der Film ist an einen „sensationellen Tatsachenbericht“ angelehnt, heißt es in der Werbung. Und diese reale Begebenheit ist die sogenannte „Operation Pastorius“. Da öffnet sich das größte Kaninchenloch der Recherche.
Die Amerikaner hatten im Zweiten Weltkrieg die berechtigte Sorge, dass deutsche Spione überall horchten, lauschten, vielleicht sogar mitentschieden. Allerdings hatte damals ein gutes Viertel der weißen Staatsbürger deutsche Vorfahren. Man konnte nicht alle in Lager stecken, so wie man das mit den Amerikanern mit japanischen Vorfahren gemacht hat.
Aber die tatsächliche Bedrohung war lächerlich. Es gab genau zwei Versuche, Spione per U-Boot in die Staaten einzuschleusen und beide Versuche sind kläglich gescheitert. Der Deckname des Versuchs, der im Film gemeint ist, war „Operation Pastorius“.
Acht Männer, deren größte Gemeinsamkeit war, dass sie schon in den USA gelebt hatten, aber während der großen Depression nach Deutschland zurückgekehrt waren, wurden ausgewählt.
Sie erhielten eine Spezialausbildung in Sprengstoff, Brandsätzen, Handgranatenwerfen, Schießübungen, Nahkampf, Sabotagetechniken und Geheimschriften. Und sie übten, wie man aus Artikeln eines normalen Drugstores Bomben bauen könnte.
Das Ziel war, Sabotageakte zu verüben, die der amerikanischen Kriegswirtschaft empfindliche Schäden zufügen sollten. Ziel sollten besonders Anlagen sein, die Aluminium verarbeiteten, ein Leichtmetall, das für Flugzeuge von entscheidender Bedeutung war.
Die Ausbildung endete mit einem Test. Man hatte einen Verschiebebahnhof und einen Rüstungsbetrieb nachgebaut und mit Wachmannschaften ausgestattet. Die Spione sollten diese Anlagen auskundschaften und sabotieren.
Obwohl zwei der acht Meisterspione versagten, legte am 28. Mai 1942 das U-Boot, das sie in die Staaten bringen sollte, in Lorien in der Bretagne ab. Am 14. Juni landeten vier Spione in Long Island, am 17. Juni die anderen vier in Jacksonville, Florida.
Der wahre Meisterspion Gimpel, den Reinecker meinte, hieß Georg Dasch. Dem war schon im U-Boot aufgefallen, dass der Großteil der 50.000 Dollar, den die Spione bekommen hatten, um ein Netzwerk an deutschstämmigen Informanten aufzubauen, Golddollarnoten waren, die schon seit 1933 kein Zahlungsmittel mehr waren.
Abgesehen davon gingen so viele weitere Dinge schief, dass man daraus durchaus eine Komödie schreiben könnte. So wurde die erste Gruppe schon ausgemacht, als sie mit ihrem Schlauchboot landeten. Ein Wachmann entdeckte die Meisterspione und sie versuchten, ihn zu bestechen. Doch die Summe war nicht genug. Der Bestochene entwickelte schon auf dem Rückweg Skrupel.
Dasch hatte seine Bedenken und die teilte er vorsichtig mit seiner Nummer zwei, Ernst Peter Burger. Der hatte, genau wie Dasch, die Nase von den Nazis gestrichen voll. Am nächsten Tag rief Dasch das FBI an, eine Woche später plauderten die beiden alle Details der Operation aus.
Alle acht Agenten wurden verhaftet. Bis auf Dasch und Burger wurden alle innerhalb einiger Tage hingerichtet. Der Meisterspion, der das Vorbild für Reineckers Gimpel werden sollte, kam tatsächlich 1948 wieder frei und wurde in die entstehende Bundesrepublik abgeschoben. Seine Spuren verlieren sich. Wir wissen, dass er 1991 in Ludwigshafen verstarb.
Auch Burger landete 1948 wieder in Deutschland und wurde als Hochverräter behandelt. Auch seine Spuren wurden verwischt. Er soll als Werkzeugmacher gearbeitet haben. 1972 ist er gestorben.
Und so bin ich aus dem Karnickelloch aufgetaucht. Mit einer Geschichte, die plausibel darstellt, dass es mit der Aufarbeitung des Dritten Reichs vor 1968 eher duster aussah. Ach, Kommissar Derrick, aus der langweiligen Krimiserie, wurde übrigens von Horst Tappert gespielt. Der war bei der SS-Panzergrenadier-Division Totenkopf in Russland. Da landete man nicht als Mitläufer.
Aber vielleicht wurde auch aus Horst Tappert über Nacht ein lupenreiner Demokrat. Selbst ein Explikator kann ja nicht in die Herzen anderer Menschen blicken.
Quellen:
Wikipedia: Herbert Reinecker
Wikipedia: Spion für Deutschland
Wikipedia: Unternehmen Pastorius
Youtube: Intro: Spion für Deutschland