Aluhut tut gut

Die US-Regierung steuert Hurrikane in politisch unliebsame Bundesstaaten. Am 12. August wird die Schwerkraft für sieben Sekunden aussetzen. Und die schrumpfende Erde macht die Menschen aggressiv. Über die Psychologie von Verschwörungsmythen kann man sich lustig machen — oder man schaut mal nach, wo man selbst einen Aluhut trägt.

Skript

Ja, Xavier Naidoo hat eine neue Erkenntnis. Man kann sich gut über Verschwörungsmythen amüsieren, weil einige so abwegig sind, als hätte sie jemand unter Einfluss von LSD geschrieben. Das macht allen Spöttern Spaß und bekräftigt meist die Anhänger. Ein Beleg, dass die meisten nur Sheeple sind.

Aber auch ich habe über Jahre geglaubt, dass bestimmte Nagetiere Hühnereier bemalen und für die Kinder in Garten und Parks verteilen. Ganz sicher habe ich mich nicht gefragt, was der tiefere Sinn ist und wer am Ende davon profitiert. Wahrscheinlich die Ostereierfarben-Hersteller, deren Umsätze den Rest des Jahres durchwachsen sind. Oder die amerikanische Regierung.

Die hat bei ihren Bürgern keinen besonders guten Ruf. Na ja, auch im Rest der Welt ist der Ruf gerade nicht der beste. Doch, dass sie tatsächlich künstlich Orkane herstellt, um sie in unliebsame Bundesstaaten zu lenken – das mag man zuerst gar nicht glauben. Wenn man von Abertausenden von Menschen absieht, die das glauben. Diese Überzeugung war 2024 so verbreitet, dass die amerikanische Wetterbehörde einen Flyer veröffentlichen musste: Wir waren das nicht. Kein Mensch war das. Kein Mensch kann das.

Aber natürlich führt auch die NASA grundsätzlich Böses im Schilde. Sie plant das geheime Projekt „Anchor“, von dem kaum jemand gehört hat – weil es geheim ist, wahrscheinlich. Am 12. August lässt sie zwei Gravitationswellen kollidieren. Und natürlich: Das setzt die Erdanziehung aus! Exakt sieben Sekunden lang wird der ganze Planet schwerelos sein!

Als mir ein Freund erklärte, dass die Welt so spürbar aggressiver wird, weil der Planet zu schnell schrumpft, habe ich so lachen müssen, dass ich meine Vorspeisenplatte in Bier ertränkt habe. Unser Kontakt ist danach spürbar ausgedünnt. Das hatte ich nicht gewollt.

Dabei ist das erst mal nur ein Alltagsmythos — eine griffige Erklärung für etwas Komplexes, die gut klingt, aber nicht stimmt. Wir alle hängen solchen Mythen an. Rotwein hat wichtige Antioxidantien. Die Lunge erholt sich vollständig, wenn ich morgen mit dem Rauchen aufhöre. Wir nutzen nur zehn Prozent unseres Gehirns. Zucker macht Kinder hyperaktiv. Das glaubt fast jeder, keines davon stimmt so, wie wir denken.

Der Schritt vom Alltagsmythos zum Verschwörungsmythos ist dabei erschreckend kurz. Man nehme einen Mythos – und füge hinzu: „Und die Wissenschaft, Regierung, Militär, weiß das auch, hält es aber vor uns geheim.“ Zack. Fertig.

Das ist der Grund, warum wir alle Mythen anhängen: Große und komplexe Dinge verständlich erklären. Das fällt mir besonders auf, wenn Laien, wie ich, über Wirtschaft diskutieren. Das läuft meist auf: „Der Wirtschaft geht es so schlecht, weil die Regierung dies, aber eigentlich braucht es jenes!“ Mit diesem Schema lässt sich Neoliberalismus genauso darstellen wie Sozialismus. Beides klingt überzeugend.

„Die Regierung“ glaubt seit Ende der Siebziger, dass nur stetiges Wachstum den nötigen Wohlstand generieren kann — weil es nach dem Zweiten Weltkrieg ja prima funktioniert hat. Inzwischen zeichnet sich ab, dass eine Wirtschaft wachsen kann, sich der Wohlstand aber so ungerecht verteilt, dass der soziale Frieden langfristig gefährdet ist.

Die Wirtschaftswissenschaft geht längst andere Wege — Postwachstumsstrategien wie die Donut-Ökonomie existieren. Aber das kommt bei Politikberatern nicht an. Man könnte sagen: Diese Wachstumstheorie ist ein Mythos, den Regierungen verbreiten, obwohl sie es besser wissen könnten.

Mir fallen auch Rollenbilder ein. Wir wissen wissenschaftlich, dass Neugeborene feste Bezugspersonen brauchen — aber nicht, dass es die Mütter sein müssen. Trotzdem fordern konservative Kräfte, dass Mütter zu Hause bleiben sollen. Weil „Mutter“ halt. Steckt ja schon im Wort. Ein kultureller Alltagsmythos, der sich hartnäckig hält.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass moderne Waschmaschinen Vibrationen erzeugen, die Mini-Löcher in die Raumzeit bohren – durch die bevorzugt einzelne Socken gesogen werden. Die Waschmaschinenhersteller wissen das natürlich, stecken aber mit den Sockenherstellern unter einer Decke. Harmlos. Die meisten Verschwörungsmythen sind das nicht.

Die meisten machen ja auch keine großen Probleme. Probleme entstehen vor allem durch Wut. Matthias Kathan von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg hat einen Satz formuliert, der das ganze Phänomen erklärt: „Wut ist einfacher zu fühlen als Angst.“ Wenn die Welt komplex und bedrohlich wird, ist Angst schwer auszuhalten. Aber Wut hat eine Richtung. Wut hat einen Feind. Wut gibt dir das Gefühl, handeln zu können. Wir gegen die da oben — Regierungen, Parteien, Waschmaschinenhersteller.

Wer im „Wir gegen die“ lebt, verschließt sich aber gesellschaftliche Beteiligungsräume. Warum wählen, wenn die Wahl manipuliert ist? Warum zum Arzt, wenn die Medizin eine Verschwörung ist? In Deutschland war das live zu beobachten: Die Chemtrail-Szene wurde in der Pandemie zum Kern einer Bewegung, die Covid für eine Erfindung hielt. Michael Wendler und Attila Hildmann prognostizierten in ihren WhatsApp-Gruppen: „Im September 2021 sind die Geimpftenalle tot!“ Der Termin wurde verschoben. Ein paar Mal. Heute ist die Theorie, dass der „Kill Switch“ von der Regierung eingeschaltet werden kann, sobald sie es will. Die Querdenker wählen heute bevorzugt AfD.

Bei großen Verschwörungen hilft ein einfacher Test: Wie viele Menschen müssten mitspielen, damit sie geheim bleibt? Watergate war eine Handvoll Leute. Eine gefälschte Mondlandung würde 400.000 NASA-Mitarbeiter erfordern, die ihr Leben lang schweigen. Von echten Verschwörungen wissen wir: Alles über 125 Mitwisser fliegt unter Garantie auf.

Der wichtigste Selbst-Schutz ist die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen zu überprüfen. Nicht die der anderen — die eigenen. Das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen, das reflexhafte Misstrauen, der Kampf-oder-Flucht-Mechanismus: Das steckt nicht nur in denen, die an abschaltbare Schwerkraft glauben. Das steckt in uns allen.

Übrigens: 2005 haben vier MIT-Studenten getestet, ob Aluhüte funktionieren. Sie bauten drei Helmtypen — den „Classical“, den „Fez“ und den „Centurion“. Ergebnis: Die Folie schirmte die meisten Frequenzen ab. Ein bisschen. Aber sie verstärkte ausgerechnet die Frequenzbänder für GPS und Satellitenkommunikation — meist von Regierungen betrieben.

Quellen:

Die Orkane: NOAA: Fact Check – Debunking Weather Modification Claims

Ufuq.de: Daniel Can, Matthias Kathan: „Wut ist einfacher zu fühlen als Angst“

Popular Mechanics: Joshua Pease: „How You’ve Been Conditioned to Love Conspiracy Theories“

Chapman University: Was Amerikaner fürchten: Chapman University Survey of American Fears

University Oxford: David Robert Grimes: „On the Viability of Conspiratorial Beliefs“

MIT: Ali Rahimi et al.: „On the Effectiveness of Aluminium Foil Helmets: An Empirical Study“

Tagesschau: FES-Studie zu Verschwörungserzählungen und AfD-Wählerschaft

Planet Wissen: „Bekannte Verschwörungstheorien“

Intro: Die Verschwörungstheorie hinter Xavier Naidoos Kinderchips