Baskisch, die einsamste Sprache Europas

Alle europäischen Sprachen sind miteinander verwandt. Alle? Nein. Mitten in den Pyrenäen wird seit Jahrtausenden eine Sprache gesprochen, die mit keiner anderen Sprache der Welt verwandt ist. Die Basken waren schon Europäer, als wir Einwanderer vor 5.000 Jahren in der Steppe unsere Wagen beladen haben.

Skript

Ich habe als erste Fremdsprache Englisch gelernt und würde mir ein C2 geben. Die nächste Sprache war Latein und die Note in der Schule war durchgängig eine Vier. Gaius Iulius Caesar würde mir wahrscheinlich die Stufe A1 geben. Hodie Marcus in Colosseo est. Ubi est Cornelia? Cornelia stat et expectat. Marcus gaudet. Gibt es noch etwas unter A1?

Dann bin ich nach Italien gezogen und sechs Monate Babbel haben mich nur unzureichend darauf vorbereitet, welche Dokumente ich für die Nazionalizzazione unseres Autos brauche. Vier „Z“, mehr als Atzventzkrantz!

Auch jetzt dümpele ich auf B2 rum, was gut genug ist, um sich durchzuschlagen, aber nicht genug, um mit der Pizzafachverkäuferin über die etymologische Herkunft des Worts „Pizza“ zu diskutieren. Was für mich schade ist, aber für die Pizzafachverkäuferin wahrscheinlich hochwillkommen.

Erstaunlicherweise hilft mir das Englische im Alltag viel mehr als das Lateinische. Denn Englisch ist zwar offiziell eine germanische Sprache, aber in Wirklichkeit ist es ein Eintop aus Angelsächsisch, Normannisch und Dänisch, gewürzt mit einer Prise Keltisch.

Linguistik ist so spannend! Wie diese europäischen Sprachen alle zusammenhängen und doch so verschieden sind! Italienisch, Französisch, Rumänisch, Portugiesisch, Spanisch – alles in einigen Jahrhundert aus dem Lateinischen gewachsen.

Jetzt stelle Dir einmal vor, ein Linguist zu sein und alle europäischen Sprachen zu kennen. Auch Romani, Isländisch oder Shelta. Da sitzt Du, vor sagen wir einmal zweihundert Jahren und da fällt Dir auf – die sind ja alle verwandt!

Du nimmst das deutsche Wort „Mutter“, legst es neben das englische „mother“, das lateinische „mater“, das Sanskrit „mātṛ“ — und du siehst sofort: Das ist eine Familie. Entfernte Cousins, aber eindeutig verwandt. Du kannst das mit fast jeder Sprache zwischen Reykjavik und Kalkutta machen. Deutsch, Französisch, Russisch, Griechisch, Persisch, Hindi — alles hängt irgendwie zusammen. Alles geht zurück auf eine gemeinsame Ursprache, die wir heute Proto-Indoeuropäisch nennen.

Diese Wurzel vereint ganz Europa. Ganz Europa? Nein. Ein von unbeugsamen Basken bevölkertes Land hört nicht auf, den Indoeuropäern Widerstand zu leisten.

„Mutter“ heißt dort ama. „Wasser“ heißt ur. „Stein“ heißt haitz. Nichts davon erinnert an irgendetwas. Kein Anschluss. Nirgendwo.

Du versuchst es trotzdem. Vielleicht Georgisch? Da gibt es auch eine seltsame Grammatik, und im Kaukasus gab es sogar ein antikes Königreich, das „Iberia“ hieß — wie die iberische Halbinsel. Verlockend. Aber nein: Die Ähnlichkeiten sind oberflächlich, die Methoden der Vergleiche halten keiner Prüfung stand. Sackgasse. Berbersprachen aus Nordafrika? Sackgasse. Andere kaukasische Sprachen? Sackgasse. Jede Tür, die du öffnest, führt in eine Betonmauer.

Baskisch ist mit keiner bekannten Sprache auf der Erde verwandt. Nicht mit einer einzigen. Wie kann das sein, mitten in Europa?

Die Antwort liegt ungefähr 5.000 Jahre zurück. Zu dieser Zeit passieren auf der Welt gleichzeitig erstaunliche Dinge: Am Euphrat entstehen die ersten Städte, die Sumerer erfinden die Schrift. Und irgendwo, nördlich des Schwarzen Meeres, setzt sich ein Volk in Bewegung. Wir kennen seinen Namen nicht. Wir kennen seine Sprache nicht — jedenfalls nicht direkt. Aber wir kennen seine Nachkommen, denn das sind wir.

Diese Menschen aus der Steppe sind die Sprecher des Proto-Indoeuropäischen. Wir wissen erstaunlich viel über sie, obwohl kein einziges Wort von ihnen schriftlich überliefert ist. Forscher haben ihre Sprache aus den Gemeinsamkeiten ihrer Nachkommen rekonstruiert — und dabei herausgefunden, dass sie Pferde domestiziert hatten, Räder kannten und wahrscheinlich zu den ersten gehörten, die auf Wagen durch die Steppe zogen.

Mit denen überrollten sie Europa und Indien. Jede Sprache, die vorher in Europa gesprochen wurde, verschwindet. Jede. Wir wissen nicht, wie diese Sprachen klangen, wie sie aufgebaut waren, wie viele es gab. Sie sind weg. Komplett.

Außer einer.

In den Pyrenäen, in einem zerklüfteten Landstrich zwischen dem heutigen Spanien und Frankreich, überlebte eine Sprache dieses Massensterben. Die Berge waren steil genug. Die Täler isoliert genug. Die Menschen dort stur genug. Und so sprachen sie einfach weiter, was sie schon vorher gesprochen hatten.

Diese Sprache wird heute noch gesprochen. Rund 750.000 Menschen benutzen sie im Alltag. Du kannst in San Sebastián in ein Café gehen und eine Sprache hören, deren Wurzeln in eine Zeit reichen, als es noch keine Griechen gab, keine Römer, keine Kelten, keine Germanen. Während am Euphrat die ersten Städte gebaut wurden, sprachen Leute in den Pyrenäen bereits eine Vorform dessen, was dort heute noch gesprochen wird.

Es gibt eine Geschichte über das Baskische, die das illustriert. Sie stammt aus dem Jahr 2021. Archäolog*innen graben bei Pamplona eine kleine Bronzehand aus, 2.100 Jahre alt. Als sie den Dreck abpinseln, finden sie eine Inschrift. Fünf Wörter, geritzt in die Rückseite der Hand. Ein völlig unverständlicher Satz. Doch einer der Anwesenden kommt aus dem Baskenland und erkennt das erste Wort: Sorioneku. In heutigem Baskisch: Zorioneko. „Glück bringend“. Zori heißt Glück, on heißt gut und das Suffix ist das Partizip der Gegenwart.

Jetzt mag man denken, 2.100 Jahre ist ja nicht so irre lang. Darum habe ich hier ein Beispiel. Deutsch vor 1.000 Jahren: [.]

Bis zu diesem Fund dachte man, die Vaskonen — die Vorfahren der Basken — hätten gar nicht geschrieben. Die Hand von Irulegi bewies das Gegenteil und wurde nebenbei zum ältesten bekannten Schriftzeugnis der baskischen Sprache.

Was erzählt uns das alles? Vielleicht vor allem dies: Unser Bild von Europa ist jünger, als wir denken. Griechen und Römer, Germanen und Kelten — das ist nur die zweite Schicht. Die erste ist fast komplett verschwunden, überschrieben von einer Sprachfamilie, die aus der Steppe kam und alles verdrängte. Was davor war, wissen wir nicht. Außer in einem kleinen Winkel der Pyrenäen, wo eine Sprache sich weigerte zu sterben.

Die Basken waren schon vorher da. Und sie sind immer noch da. Vor der Schrift, vor den Römern, Griechen, Kelten, vor Stonehenge und vor den Pyramiden gab es Baskisch. Und es gibt immer noch Baskisch. Möge es noch 5.000 Jahre so bleiben!

Quellen:

Youtube: Der Sprachgeschichtler: So klingt Althochdeutsch

Intro: Testimonies of Basque sociolinguistic dynamics

Wikipedia (en): Basque language

Brittanica (en): Basque language

Smithsonian: Words Etched Into an Ancient Bronze Hand Hint at the Mysterious Origins of the Basque Language

Pyrenean Experience: The Stone-age Roots of the Basque Language