Das neue, alte Ewige Leben

Von den Neandertaler-Gräbern über die ägyptischen Pyramiden und das Mausoleum des ersten chinesischen Kaisers bis zu Peter Thiels Biotech-Investments: Der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit. Genauer: Wie die Menschheit mit Geld, Einfluss oder Macht. Wir Normalmenschen sind immer nur verreckt.

Skript

Wie schon ein paar Mal anerzählt, bin ich ja ein religiöser Mensch. Und gleichzeitig der Meinung, dass das kein Widerspruch zur Wissenschaftlichkeit ist.

Womit ich allerdings immer schon ein Problem hatte, ist das ewige Leben. Ich meine nicht nur das Leben nach dem Tod, das schon problematisch genug ist. Ich meine, dass alles mit dem Zusatz „ewig“ einfach keinen Sinn macht.

Die Vorstellung, mit dem Tod auch keine Person mehr sein zu müssen, finde ich tröstlich. „Person“ halte ich für eine evolutionär gut funktionierende Illusion. So wie Bewusstsein. Als Person auch noch ewig leben zu müssen, finde ich furchtbar.

Ich verstehe die Angst vor dem Tod. Aber Ewigkeit ist die Hölle.

Trotzdem fanden Menschen den Tod schon immer die maximale narzisstische Kränkung. Schlimmer als Akne oder sich beim Nasebohren zu verletzen.

Wir sind in Europa schon so lange an die Vorstellung vom Leben nach dem Tod gewöhnt, dass wir es auch unseren Vorfahren unterstellen.

Schon die Neandertalern hätten daran geglaubt. Weil sie ihre Toten bestatteten, möglicherweise schon vor 70.000 Jahren. In Shanidar im heutigen Irak hat man Gräber gefunden, bei denen Pollen im Sediment nahelegen, dass den Toten Blumen beigegeben wurden. Das ist ergreifend, keine Frage. Nur: Ist das schon Religion?

Leichen nicht einfach rumliegen zu lassen, ergibt schon hygienisch Sinn. Im Irak besonders. Sich von jemandem zu verabschieden, den man nie mehr so sehen wird, wie sie oder er war, macht auch Sinn. So ein Ritual braucht keinen Glauben an ein Jenseits. Es braucht nur Trauer.

Speziell den Ägyptern wird nachgesagt, sie wären vom ewigen Leben besessen gewesen. Pyramiden als Auferstehungsmaschinen, Mumifizierung, das Totenbuch mit seinen 42 Totenrichtern. Früher glaubte man sogar, Sklaven hätten sich an den Pyramiden zu Tode geschuftet, um so leichter ins Jenseits zu kommen. Nichts davon stimmt so richtig.

Die Pyramidenbauer waren keine Sklaven, sondern bezahlte Arbeiter mit Bierrationen und medizinischer Versorgung, wie Gräberfunde bei Gizeh zeigen. Und das Jenseits war zumindest im Alten Reich rein königliches Privileg. Spätestens ab dem Mittleren Reich wurde es demokratisiert – aber ausgerechnet in dieser Zeit tauchen die ersten ägyptischen Texte auf, die am ganzen Projekt zweifeln.

Da ist zum Beispiel der „Dialog zwischen einem Mann und seiner Seele“, rund 1.800 vor Christus. Der Mann will sterben, seine Seele redet ihm davon ab. Und dabei fällt der Satz:

„Die, die in Granit gebaut haben – ihre Altäre sind zerstört, wie die verlorenen Seelen, die am Ufer verdorben sind, weil sie keinen Erben hatten. Zu ihnen sprechen nur noch die Fische am Wasserrand.“

Pharaonen als Fischfutter. Das schreibt kein Gläubiger.

Noch deutlicher wird der sogenannte Harfner-Song, aufgezeichnet im Grab des Pharao Intef. Der Harfner singt bei der Totenfeier, was niemand auf einer Totenfeier hören will: „Ihre Wände sind verfallen, ihre Plätze gibt es nicht mehr, als hätten sie nie existiert.“ Und dann kommt der Refrain, den Horaz 1.500 Jahre später nochmal in die Welt setzen wird: Nutze den Tag den Du hast. Niemand kehrt zurück.

Und das war, wohlgemerkt, im Königsgrab. Im allerheiligsten Raum der Unsterblichkeitsindustrie saß ein Harfner und sagte: Vergesst den Quatsch.

Was die normalen Ägypter übrigens wirklich geglaubt haben – das wissen wir nur in Bruchstücken. Sie haben Amulette getragen, Bes und Taweret angerufen, die Hausgötter für Geburt und Kinder. Sie haben Briefe an Verstorbene geschrieben, mit Bitten und mit Vorwürfen. Das ist nicht das Totenbuch, das ist Volksglaube. Und der sah vermutlich überall auf der Welt ähnlich aus und tut es noch heute. Die große Theologie war immer eine Sache der Elite.

Die wohl prächtigste Nach-Tod-Residenz dieser Art baute sich ein Mann, den wir heute als den Ersten Kaiser von China kennen: Qin Shihuangdi. Sein Mausoleum ist ungefähr so groß wie Oxford. Die berühmte Terrakotta-Armee ist nur die äußere Bewachung. Was in der zentralen Grabkammer steckt, weiß niemand genau, weil sich bis heute niemand reintraut. Der Han-Historiker Sima Qian berichtet hundert Jahre später von Flüssen aus flüssigem Quecksilber, die einen Nachbau des Reiches darstellen. Moderne Bodenradarmessungen bestätigen tatsächlich erhöhte Quecksilberwerte.

Dort wollte er sein ewiges Leben leben. Denn er war natürlich nicht sterblich, auch wenn er an seiner eigenen Quecksilber-Therapie verstarb. Dieses ewige Leben galt natürlich nicht für die Abertausend, die er während seiner Herrschaft auf dem Gewissen hatte. Die waren Menschenmaterial, und hatten keine Mitfahrgelegenheit in die Ewigkeit.

Alles historische Beispiele, klar. Aber es ist wieder so weit. Wir haben schon wieder Individuen erlaubt, zu reich und zu mächtig zu werden. Und die planen nun wieder ihre Unsterblichkeit. Der eigene Tod ist nur ein logistisches Problem.

Peter Thiel hat in Unity Biotechnology investiert. Jeff Bezos bei Altos Labs. Larry Ellison hat über eine Milliarde Dollar in die Longevity-Forschung gepumpt. Sergey Brin finanziert Calico. Bryan Johnson dokumentiert öffentlich, wie er täglich über hundert Pillen schluckt und sich Plasma von jüngeren Spendern transfundieren lässt.

Wenn Du jede Stunde Millionen an Zinsgewinn machst, warum solltest Du Dich mit etwas so Organischem wie dem Tod zufriedengeben?

Offiziell ist das natürlich alles „für die Menschheit“. Inoffiziell ist es ein Hofalchemisten-Programm für vier Dutzend Milliardäre, die sich eine solche Therapie leisten können und denen jetzt schon normale Menschen völlig egal sind.

Elon Musk hat behauptet, den Welthunger zu beenden. Die WHO hat gesagt: Okay, kostet nur die Kleinigkeit von 25 Mrd. Dollar. Bislang ist nicht ein Dollar geflossen. Wir sind den Billionären völlig egal.

Aber nehmen wir mal an, es klappt. Du wirst unsterblich, unverletzbar, ewig gesund. Gratulation.

In zehn hoch hundert Jahren treibst Du dann völlig allein durch ein lauwarmes Universum, in dem keine Sonne mehr scheint, keine Sterne mehr leuchten, die letzten Schwarzen Löcher verdampft sind. Nichts, niemand, nirgendwo. Nur Du und Deine sehr guten Biomarker.

Viel Spaß.

Man muss an gar nichts glauben, um zu merken: Der Tod macht das Leben erst sinnvoll. Nicht weil er schön ist, sondern weil er das Leben beendet.

Ewigkeit ist die Hölle.

Quellen:

History Today „Life after Death in Ancient Egypt“

Cambridge: „New Neanderthal remains associated with the ‚flower burial‘ at Shanidar Cave“

Archive.org: Qin Shihuangdi / Quecksilber-Mausoleum

UNESCO: Beschreibung des Mausoleums mit aktuellem Forschungsstand
https://whc.unesco.org/en/list/441/

MIT Technology Review zu Altos Labs (Bezos)

Youtube: Intro: The TRUTH About LIFE AFTER DEATH