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Einige Schweden hatten ein Datum in ihrer Geburtsurkunde stehen, dass es ihnen unmöglich machte, jemals Geburtstag zu feiern. Schuld hatten Julius Caesar, Papst Gregor XIII., schlampige Drucker und, wenn man es genau nimmt, unsere Umlaufbahn um die Sonne.
Skript
Heute geht es um ein Datum, das es eigentlich überhaupt nicht geben kann und das es doch gab.
Denn es gab ein paar arme Schweden und Schwedinnen, für die das Geburtsdatum 30. Februar 1712 in den Annalen eingetragen wurde. Und das lag nicht daran, dass der Pfarrer mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte, sondern daran, dass man in Schweden ein paar Reformen verschlafen und eine so richtig … verkackt hatte.
Für diese armen Schwedinnen und Schweden war es also ein Leben lang nicht möglich, ihren Geburtstag zu feiern, denn dieses Datum gab es nur ein einziges Mal. Und schuld daran hatte niemand anderes als Gaius Julius Caesar.
Denn schon die alten Römer hatten ein Problem mit ihrem Kalender und das nicht erst seit 154 vor unserer Zeitrechnung, als sie Neujahr auf den ersten Januar gelegt haben. Dadurch wurde der Monat mit dem Namen „Siebter“, der September, auf einmal der neunte Monat. Und der Achte, der Oktober, der Zehnte und der neunte, der November, der elfte und der zehnte, der Dezember, der zwölfte.
Auch schon unschön, aber das zugrundeliegende Problem, das Problem aller Kalender ist ein ganz anderes.
KI: Was, bitteschön, ist das Problem aller Kalender?
Das Problem war und ist, dass die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde nicht mit der Umlaufbahn um die Sonne synchronisiert ist. Darum machen die Tage zusammen nie ein Jahr aus, sondern immer etwas mehr oder weniger.
Denn ein Jahr hat ganz genau 365,24219 Tage. So genau wusste das aber der Julius nicht, der fand, dass 365 und ein viertel Tag schon genau genug ist. Das bedeutet, dass es reicht, alle vier Jahre einen Tag mehr zu haben. Den 29. Februar – auch schon ein problematisches Datum, um Geburtstag zu haben.
In Wirklichkeit fehlen so aber jedes Jahr immer noch 0,00781 Tage oder 11 Minuten. Das ist jetzt nicht viel, würde man meinen, aber das addiert sich auch.
KI: Okay. Ich sehe schon. Eine Geschichtsfolge. Jetzt erklärst Du als nächstes den gregorianischen Kalender, stimmt’s?
Genau. Ostern fällt auf den Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang. Das hatten die Christen schon im vierten Jahrhundert so festgelegt. Und der kleine Fehler von Julius führte im 16. Jahrhundert schon zu einer spürbaren Verschiebung. Das Osterfest vagabundierte durch das Jahr. Nicht in dem Tempo, in dem es der Ramadan im muslimischen Kalender tut, aber früher oder später würden die Kleinsten ihre Ostereier wohl im Hochsommer suchen müssen.
Gregor führte drei Dinge ein:
- In allen durch 100 teilbaren Jahren entfällt der 29. Februar
- In allen durch 400 teilbaren Jahren entfällt aber dieses Entfallen.
Und 3: Wenn man am 4. Oktober 1582 ins Bett ging und dann wieder aufwachte, dann war der 15. Oktober. Scha-wupps! Nicht, weil man so lange geschlafen hat, sondern weil der Stellvertreter Gottes auf Erden das so festgelegt hat. Amen! Ja, dadurch fallen einmalig auch elf Geburtstage weg, aber Schwamm drüber.
Durch diese Regelung ist das gregorianische Jahr im Schnitt 365,2425 Tage lang. Die Abweichung sind nur noch 27 Sekunden. Anders ausgedrückt: Alle 3.226 Jahre muss ein Extra-Tag gestrichen werden. Das wird uns dann im Jahr 4808 beschäftigen. Könnt ihr euch schon darauf vorbereiten, fällt noch einmal ein Geburtstag weg.
KI: Papst Gregor war sicher keine Schwede.
Da wollte ich gerade draufkommen, nur die Ruhe! Die Idee der wissenschaftlichen Berater von Papst Gregor war also prima, aber wurde nur schleppend umgesetzt.
Man muss das so rein menschlich verstehen. Wir jammern ja auch zwei Mal im Jahr, weil wir die Uhr jeweils um eine Stunde verstellen. Ist ja jeder Publikation immer wieder einen Artikel wert. Man stelle sich nur vor, ein neuer Kalender müsste in der EU eingeführt werden. Das würde sich auch hinziehen.
Für Schweden und andere protestantischen Länder war das mit der Idee eines Papsts problematisch. Konnte ja keine gute Idee sein, wenn DER Katholik Numero Uno sie hatte.
Um 1700 war man in Schweden schon zehn Tage unsynchron zum Rest Europas, wenn man von Großbritannien oder Russland absieht. Um aber nicht gleich das Kind mit dem heißen Bade auszuschütten, hatte man eine schwedische Idee. Einen sanften Sonderweg.
Man würde einfach in den nächsten 40 Jahren alle Schalttage ausfallen lassen. Kein Drama, keine verlorenen Tage, alles schön langsam und geordnet.
Was könnte da schiefgehen, mag man sich fragen?
KI: Ja, ich mag. Was könnte da schiefgehen?
Tja. Zwei Dinge: Erstens führte Schweden gerade Krieg. Den Großen Nordischen Krieg, um genau zu sein. Das fällt schwerer, wenn man dauernd das richtige Datum mit seinen Gegnern, Nachbarn und den Schlaumeiern in der eigenen Truppe diskutieren muss.
Und zweitens vergaßen die Almanach-Drucker in den Jahren 1704 und 1708 schlicht, den Schalttag wegzulassen. Ups, sorry.
Das bedeutete: Nach zwölf Jahren war der Plan komplett im Eimer. Schweden hing jetzt zeitlich irgendwo zwischen dem julianischen und dem gregorianischen Kalender. Sozusagen in einer kalendarischen Niemandszone. Es hatte ein ureigenes Kalendersystem, das niemand sonst auf der Welt benutzte.
1712 sollte also eine Lösung her. Und die schwedische Regierung entschied: Wir machen rückwärts. Zurück zum julianischen Kalender, den alle kennen. Aber dazu musste man den 1700 weggelassenen Schalttag wieder einfügen.
1712 war sowieso schon ein Schaltjahr. Also fügte man nicht nur den üblichen 29. Februar ein, sondern gleich noch einen 30. Februar hinterher.
Boom. Schweden hatte einen Tag, den es nirgendwo sonst auf der Welt gab. Und die Kinder, die an diesem Tag geboren wurden, konnten niemals ihren Geburtstag feiern.
Übrigens: 1753 ergab man sich der Moderne und führte das gregorianische System ein. Dazu wurden elf Tage gestrichen, wie einst bei Gregor. Wenn man am 17. Februar 1753 ins Bett ging und dann wieder aufwachte, dann war der 1. März. Scha-wupps! History Repeats.
KI: Kalender sind hauptsächlich ein organisatorisches, kein naturwissenschaftliches Problem, oder?
Eben. Es ist in Wirklichkeit nicht so, dass das Universum sich unseren Maßstäben beugt. Es gibt „in Wirklichkeit“ gar keinen Meter, kein Kilogramm, keine Sekunde – es gibt nicht einmal Tage oder Jahre. Wir entwickeln Methoden, ebendiese Wirklichkeit zu quantifizieren, aber das funktioniert an den Rändern dieser Maßstäbe nur so mittelgut.
Und dieses „mittelgut“ hat immer auch Konsequenzen für Menschen. Wie für die Schwedinnen und Schweden, die an diesem einmaligen Tag geboren wurden. Am einmaligen 30. Februar 1712.
Quellen auf Anfrage, habe ich gerade verschmissen…