Der achte Beatle

Im Juni 1964 sitzt ein junger Mann allein in einem menschenleeren Flughafen am anderen Ende der Welt. In seiner Tasche steckt eine goldene Uhr mit einer Gravur, die alles erklärt – und nichts. Die Geschichte des vergessenen achten Beatles – nach offizieller Explikatorzählung.

Skript

Ich habe gelesen, dass ungefähr die Hälfte aller Streams der Beatles von unter Dreißigjährigen gehört werden und die Generation Z das 2,3-fache an Beatles-Merchandise kauft als die Millennials, die immer noch mehr Geld dafür ausgeben als die Generationen vor ihnen.

Es besteht halt nicht mehr die Gefahr, die Musik der Eltern zu hören. Für Gen Z sind die Beatles die Musik der Groß- oder Urgroßeltern und das ist halt schon wieder vintage. Das sieht man auch daran, dass niemand so viele Langspielplatten kauft – also physische Vinylplatten – wie die Gen Z, obwohl 40 Prozent laut Umfrage nicht einmal einen Plattenspieler haben.

Also kann ich nach Feldwebel Pfeffers Einsamer-Herzens-Kapelle noch eine Beatles-Episode machen, dachte ich mir.

Sie beginnt mit der oft diskutierten Frage: Wer war der fünfte Beatle? Denn dieser Begriff taucht immer wieder auf und meistens ist damit George Martin gemeint, der die Beatles nicht nur produziert hat, sondern vieles an ihrem Sound erst möglich gemacht hat. Nicht nur technisch, sondern auch musikalisch.

Aber eigentlich sollte der fünfte Beatle ja auch ein Musiker sein. Und in ihrer ersten Formation – vor Ringo Starr – gab es Stuart Sutcliff und Pete Best. Das müssen dann Nummer fünf und sechs sein. Am anderen Ende der Karriere wäre noch Billy Preston zu nennen, der immerhin auf zehn Songs zu hören ist. Auch bei dem berühmten Dachkonzert ist er zu sehen. Das wäre Beatle Nummer sieben.

Aber es gibt, nach meiner Zählmethode, auch einen achten Beatle, der aber völlig vergessen ist.

Es gibt viele berühmte Fotos aus der Beatles-Zeit, aber eines liegt mir ganz besonders am Herzen. Es zeigt den Flughafen von Melbourne, menschenleer – alle Stühle unbesetzt, bis auf einen. Ein junger Mann sitzt darauf, in klassischem Beatles-Outfit, eine kleine Tasche lehnt an seinem Stuhl. Sein Blick ist auf irgendeinen Punkt in weiter Ferne gerichtet. Die Melancholie in diesem Bild lässt sich beinahe anfassen.

Er heißt Jimmie Nicol und er war 10 Tage lang ein Beatle.

Die Beatles-Hysterie begann spätestens im Oktober 1963. Im Februar 1964 steckten sich auch die amerikanischen Babyboomer an und sie hielt an, bis die Band 1966 mit dem Touren aufhörte.

Zu welchem Zeitpunkt das Management begriff, dass sie gerade die erste Boyband erfunden hatte, weiß ich nicht. Aber wie heute auch schrieb man ihnen feste Rollen auf den Leib.

John Lennon war der zynische Bad Boy, Paul McCartney der freche Bub, George Harrison war der mystische Träumer und Ringo Starr der sympathische Chaot. Siehe als Beleg: Alle Beatles-Filme.

Der Rubel rollte für die Plattenfirma und im Juni 1964 sollte die Welttournee beginnen, wichtigstes Ziel erst einmal: Australien. Der nächstgrößere englischsprachige Markt, aber noch nicht so groß wie Amerika.

Doch der „sympathische Chaot“ erlitt eine so heftige Mandelentzündung, dass er wegen eines Kreislaufzusammenbruchs ins Krankenhaus musste.
„Was tun?“, fragten sich George Martin und Brian Epstein, der Manager.

Da sagte Martin: „Weißt Du, ich produziere da noch eine Band. Das sind Sound-A-Likes. Die machen Singles, die genauso klingen wie die Beatles-Hits, aber urheberrechtlich gerade verschieden genug sind. Deren Drummer ist nicht schlecht und der hat alle Beatlesnummern auf dem Kasten.“

Also wurde Jimmie Nicol engagiert, um für Ringo Starr einzuspringen. In heutigem Wert sollte er für jeden Auftritt 50.000 Euro bekommen, so lautete der Vorschlag.

Natürlich sagte er zu! Er bekam einen Pilzkopf verpasst – diese Prinz Eisenherz-Frisur, die heute so brav aussieht, aber damals als ‚lange Haare‘ durchging – und er wurde in Ringos Klamotten gesteckt. Gut, eine Nummer zu klein, aber sind ja nur 10 Konzerte!

Vor dem Abflug probte die Band noch ein paar Stunden mit ihm, die Stimmung war angespannt. George, der ohne Ringo überhaupt nicht auftreten wollte, sprach in den 10 Tagen nicht eine Silbe mit Jimmie.

Das änderte nichts an der Tatsache, dass Jimmie Nicol, von dem niemand jemals gehört hatte, von heute auf morgen ein Weltstar war. Vor dem Abflug gab die Band noch eine improvisierte Pressekonferenz, bei der Ankunft in Sydney wurde Jimmie schon ein Sack mit 5000 Liebesbriefen in die Hand gedrückt – so war die Beatlemania!

Jimmie sagte dazu: „Am Tag zuvor war ich ein hässlicher junger Mann. Mädchen interessierten sich einen Dreck für mich. Und jetzt saß ich mit den Beatles in einem Auto und da draußen waren Hunderte von hübschen Mädchen, die sterben würden, nur um mich einmal zu berühren. Das war sehr, sehr seltsam und machte mir eine Heidenangst.“

10 Tage führte er das Leben eines Beatles. Abends ein Konzert – ein bisschen mehr als eine halbe Stunde – danach Party, Feiern, mit John ein Ausflug ins Bordell, Psychopharmaka zum Wachwerden und zum Schlafenkönnen – und keinen Schritt mehr gehen können, ohne polizeiliche Begleitung, weil man sonst von den Fans in souveniertaugliche Fetzen zerrissen würde.

Eines Morgens rüttelt jemand Jimmie wach. Es ist Brian Epstein, der Manager. Er flüstert: „Hey, Jimmie! Ringo ist schon wieder da. Komm, ich bringe Dich zum Flughafen. Die anderen lassen wir noch ihren Rausch ausschlafen!“
Am Flughafen bekommt Jimmie noch eine sauteure Schweizer Armbanduhr geschenkt, auf deren Rückseite graviert ist: „Von den Beatles und Brian Epstein – in Anerkennung und Dankbarkeit“.

Dann steckt Epstein ihm noch zehn 50-Pfund-Noten und das Ticket für den Flieger nach England in die Manteltasche, dreht auf dem Absatz um – und das war’s.
Jetzt ist Jimmy kein Beatle mehr. Sondern?

Das ist die Melancholie in dem Foto. Dieses „Wer bin ich jetzt?“.
Das muss eine besonders bittere Geschmacksnote von Einsamkeit sein, stelle ich mir vor, oder?

Nun, die Plattenfirma versucht, aus seinem kurzzeitigen Ruhm noch schnell Kohle zu machen, zwei Singles unter seinen Namen kommen noch in die Plattenläden. Aber da bleiben sie auch stehen, keiner kauft sie. Nicht einmal heute haben sie nennenswerten Sammlerwert – online habe ich sie für durchschnittlich acht Euro gefunden.

Die umgerechnet 500.000 Euro hat er in weniger als einem Jahr durch, denn den von den Beatles erlernten Lebensstil behält er erst einmal bei.

Bis zu seiner Rente hat er sein Geld mit Wohnungsrenovierungen verdient, heute ist er 81 Jahre alt. Immer wieder haben Journalisten ihn gesucht und nicht gefunden. In seinem letzten Interview, 1987, hat er gesagt:
„Das Schlimmste, was mir im Leben widerfahren ist, war es, für Ringo einzuspringen.“

Doch der Jimmie auf dem Foto, der mit der goldenen Uhr, alleingelassen im menschenleeren Flughafen, am anderen Ende der Welt, der weiß das noch nicht.

Komische Sache, das mit der Berühmtheit, oder? Heute gibt es Berühmtheiten, die dafür berühmt sind, dass sie berühmt sind. Laut CNBC wollen 41 Prozent der Erwachsenen berühmt sein, bei der Gen Z sind es 57 Prozent. Das sind aber nur die Menschen, die das auch zugeben. Viele schämen sich wahrscheinlich und verneinen die Frage lieber.

Dabei würde ich das niemandem wünschen. Je mehr Menschen einen kennen, desto weniger kennt man die Menschen, die einen kennen. Darum sind die meisten Begegnungen asymmetrisch. Die Menschen wissen etwas über Dich, aber Du nichts über sie.
Als Berühmtheit bist Du dann nach einiger Zeit kein normaler Mensch mehr, sondern eher die Leinwand für das Gefühlskino Deiner Fans und Hater.

Dann passt Dein Bild von Dir mit dem Bild auf dieser Gefühlsleinwand nicht mehr zusammen. Bin jetzt ich gemeint oder mein berühmtes ich? Im Prinzip geht es berühmten Menschen genau wie Jimmie Nicol auf dem Foto: Wer bin ich jetzt, bitte schön?

Also: Falls Du zufällig auch reich und berühmt werden willst, wünsche ich Dir trotzdem, dass Du allerhöchstens wohlhabend und, sagen wir einmal, in einschlägigen Kreisen bekannt wirst!

Quellen:

Das Bild, das ich meine – Alchetron: Jimmi Nicol

Youtube: Das Fangeschrei aus dem Intro. Keine Beatles-Fans, sorry.