Als Londons Bevölkerung sich unerwartet verdreifacht, ändert sich nichts an der Trinkwasser- und Abwasserversorgung. Die heißt: Themse. Aber die ist ein sehr träger Fluss. Als es im Sommer heiß wird, gärt der ganze Fluss wegen der Exkremente. Das ist der Große Gestank. Das ist die Kacke am Dampfen.
Skript
Im Deutschen Museum muss jede Münchner Schulklasse eine Vorführung anschauen, wo eine Person in einer Gitterkugel sitzt und dann Blitze in die Kugel einschlagen.
Natürlich glauben nicht einmal Zehnjährige, dass im Museum jeden Tag drei Physiker gegrillt werden, aber der Show-Effekt ist schon toll! Den Physikern passiert nichts, weil die Gitterkugel ein faradayscher Käfig ist. Wie der VW Käfer. Oder der Mercedes 230 SLK. Oder der Ferrari Testarossa – kurz: wie alle Autos.
Eben jener Michael Faraday hatte sich im Sommer 1855 ein Experiment ausgedacht. Er versenkte Stücke von Papier in der Themse, um zu messen, wie klar das Wasser ist. Keine zwei Zentimeter unter der Oberfläche war das Papier nicht mehr auszumachen.
Er schrieb in der Times: „An den Brücken stiegen dichte Nebel aus dem Wasser auf, der ganze Fluss, ist nichts anderes als ein offener Abwasserkanal.“
Die London City Press verkürzte den Artikel der Times treffend: „Es stinkt!“. Doch, das ist eine gute Überschrift, denn alle Einwohner*innen wussten sofort, was gemeint ist. Darunter berichtet das Blatt: „Wer den Gestank einmal eingeatmet hat, der vergisst ihn nicht und kann sich glücklich schätzen, wenn er lange genug lebt, um sich daran zu erinnern“.
Die Themse war außerdem für den Großteil der Bewohner die einzige „Frischwasserquelle“t. Das macht alles nur noch viel, viel ekliger.
Was war passiert? London war passiert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Bevölkerung verdreifacht – von einer Million auf drei Millionen Menschen. Und all diese Homo sapiens produzierten, na ja, das, was Menschen so produzieren. Dazu kamen Schlachthöfe, Seifensieder, Knochenkocher, Brauereien, Gerbereien – alles, was eine Industriestadt an Abfällen erzeugt. Das Ergebnis landete in der Themse. Täglich flossen rund 410.000 Kubikmeter Abwasser in den Fluss. Dem standen etwa 1,8 Millionen Kubikmeter Frischwasser gegenüber.
London schwamm, grob gerechnet, in einem Gemisch aus einem Teil Fäkalien und vier Teilen Wasser. Und das Zeug floss nicht einfach ab. Die Themse ist ein Tidenfluss. Bei Flut drückt die Nordsee das Wasser zurück, der Fluss steht still oder fließt sogar rückwärts. Das Abwasser pendelte zwischen den Ufern hin und her, Tag für Tag, Flut für Flut.
Und dann kam der Sommer 1858.
Im Juni kletterten die Temperaturen auf 34 bis 36 Grad. In London. Es regnete nicht. Das Wasser der Themse verdunstete, was den Kacke-Anteil noch weiter erhöhte.
Wegen des gesunkenen Wasserstands, lagerte sich die Kloake in dicken Schichten auf den Uferbänken ab. Dieser Schlamm heizte sich auf. Ärzte maßen Temperaturen von über 50 Grad im Flussbett. Denn: Der ganze Fluss begann zu gären.
Passagiere auf den Flussdampfern wurden vom Gestank so überwältigt, dass sie sich übergeben mussten. Manche wurden ohnmächtig an Land getragen. Fußgänger überquerten die Brücken mit dem Taschentuch vor dem Gesicht. Queen Victoria versuchte eine Vergnügungsfahrt auf der Themse und kehrte nach wenigen Minuten um.
Schon damals wurde ein Begriff für die Katastrophe geprägt: Der große Gestank.
Das war nicht das erste Mal, dass es zum Gestank gekommen war, aber so groß war noch kein Gestank. Das wird noch dramatischer dadurch, dass man damals an Miasmen glaubte. Alle erdenklichen Krankheiten übertrugen sich durch verseuchte Luft, so die gängige Vorstellung. Drei Cholera-Epidemien – 1831, 1848 und 1853 – hatten bereits über 30.000 Menschen getötet.
Ach, nebenbei: Ein Arzt namens John Snow hatte bereits 1854 nachgewiesen, dass die Cholera durch verseuchtes Wasser übertragen wurde, nicht durch schlechte Luft. Aber, ist ja nur Wissenschaft!
Der Notstand war dem Parlament auf jeden Fall bisher völlig egal gewesen, obwohl es am Themseufer liegt. Bislang haben die Abgeordneten sehr britisch einfach die Fenster geschlossen, aber das war nicht mehr genug.
Man hängte Laken vor die Fenster, getränkt in Chlorkalk. Der Gestank kroch trotzdem durch die Gänge und Korridore, und er schien sich dabei sogar zu verstärken. An manchen Sitzungstagen waren keine dreißig Abgeordnete anwesend. Im House of Lords empfahl Earl Grey – ja wie in Picards Tee. Hot war er auch – er empfahl seinen Kollegen einen Besuch in der Parlamentsbibliothek, er garantiere, sie hätten noch nie in ihrem Leben so etwas gerochen. Das Haus lachte. Aber das Lachen half nicht gegen den Geruch.
Die schönste Szene lieferte ein Ausschussraum des Unterhauses. Als der Gestank unerträglich wurde, stürmten die Abgeordneten aus dem Raum. Allen voran Schatzkanzler Disraeli, Taschentuch vor der Nase. Hinter ihm Sir James Graham, der von einem plötzlichen Hustenanfall geschüttelt wurde. Mr. Gladstone wirkte ebenfalls angegriffen. Und Mr. Cayley suchte Trost in Kaffee.
Man diskutierte ernsthaft, ob die Regierungsgeschäfte nach Oxford oder St Albans verlegt werden sollten. Brandy während der Sitzungen hatte sich als Behandlung durchgesetzt. Reden wurden gekürzt, Gesetzentwürfe vertagt, Widerspruch zurückgezogen. Der Gestank regierte.
Und der Gestank war jetzt im Parlament.
Innerhalb von 18 Tagen – einem Rekordtempo, das in der viktorianischen Bürokratie an ein Wunder grenzte – wurde ein Gesetz verabschiedet. Der Ingenieur Joseph Bazalgette bekam den Auftrag, London eine Kanalisation zu bauen. Sein Plan: ein unterirdisches Netz von über 1.800 Kilometern Abwasserkanälen, die das Abwasser nicht mehr in die Londoner Themse leiteten, sondern nach Osten. 14 Meilen flussabwärts von der London Bridge. Raus aus London.
Die Lösung war also, ganz nüchtern betrachtet: Wir leiten die ganze Scheiße zu den Nachbarn.
Denn da lebten auch Menschen. Engländer sogar. Keine Londoner halt. Zum Beispiel in Beckton und Crossness, wo jetzt Londons Abwasser aus dem Nichts in die Themse geleitet wurden.
Das Problem war nicht gelöst, es war verschoben. Erst als 1878 ein Ausflugsschiff genau dort sank und über 650 Menschen starben – auch am Abwasser – begann man, Klärwerke zu bauen. Und ab 1887 schippte man den Klärschlamm auf Lastkähnen in die Nordsee. Einhundertelf Jahre lang. Bis 1998. War übrigens echt eine tolle Idee von Maggie Thatcher, das Wasser zu privatisieren.
Zurück zu 1858: Verbaut wurden 318 Millionen Ziegel – ich rechne das nicht in bayerische Garagen um –, es verlangte 16 Jahre Bauzeit und umgerechnet über 500 Millionen Pfund nach heutigem Wert. Bazalgette wurde geadelt. Die Cholera verschwand aus London. Zeitgenössische Historiker sagten, er habe mehr Leben gerettet als jeder andere viktorianische Beamte. Also besonders Historiker, die nicht in Beckton und Crossness lebten.
Und sein Kanalisationssystem? Das ist im Kern heute noch in Betrieb, auch wenn das Abwasser außerhalb Londons mittlerweile geklärt wird – was man damals nicht so gut konnte. Der Rest landet immer noch im Meer.
Quellen:
Wikipedia (en): „Great Stink“
British Newspaper Archive: „This Pestilential Stream – Exploring the Great Stink of 1858“
Royal Museums Greenwich (Empfehlung): „Dickens and The Great Stink of 1858“
Englische Kampagne: Water – We Own It!
Youtube: Intro: „The Stinky Smelly Kids Song“