Ein Mann mit zehn Geboten, fünf Sprachen und null Skrupel. Was hat der Eiffelturm mit einer Mahagoni-Kiste zu tun – und warum war „korrupter Beamter“ die glaubwürdigste Rolle, die Hochstapler Viktor Lustig je gespielt hat?
Skript
Heute geht es um Regeln. Zehn Stück. Zehn Gebote, wenn man so will.
Gebot Nummer eins: Sei immer ein geduldiger Zuhörer. Nicht schnelles Reden bringt den Erfolg, sondern geduldiges Zuhören.
Nummer zwei: Zeige niemals Langeweile.
Nummer drei: Warte, bis dein Gegenüber seine politische Meinung preisgibt. Dann teile sie.
Nummer vier: Dasselbe gilt für Religion.
Fünf: Sprich niemals über Krankheiten.
Sechs: Stelle keine persönlichen Fragen. Wenn du alles richtig machst, erzählen die Leute dir freiwillig alles.
Sieben: Gib niemals an. Lass deine Bedeutung leise für sich sprechen.
Und die letzten drei? Die sind fast schon banal. Acht: Sei immer gepflegt. Neun: Sei immer ordentlich gekleidet. Und zehn – die Regel, an der laut ihrem Erfinder die meisten scheitern: Bleibe nüchtern.
Das sind die zehn Gebote. Für Hochstapler.
Verfasst von einem Mann namens Victor Lustig.
KI: Ist das der Bruder von Peter Lustig von Löwenzahn?
Nein. Lustig – und ja, die hießen beide wirklich so – wurde 1890 in Hostinné geboren, einem Städtchen in Böhmen, das damals Arnau hieß und zu Österreich-Ungarn gehörte. Sein Vater Ludwig war Tabakwarenhändler und zeitweise sogar Bürgermeister der Stadt, aber kein guter Mensch: Er schlug seine Frau und auch seine Kinder.
Irgendwann landete Victor auf einem Internat in Dresden, wo er Englisch, Französisch, Italienisch und Ungarisch lernte. Er war schnell im Kopf und schon als Teenager gelangweilt von allem, was nach bürgerlichem Leben aussah.
1909, mit neunzehn, war er an der Sorbonne in Paris eingeschrieben. Aber statt Vorlesungen zu besuchen, lernte Victor Lustig lieber Billard, Poker und Bridge spielen. Um Geld. Das war lukrativer als Jura.
KI: Bridge als Einstiegsdroge
Das nächste berufliche Umfeld wurden Ozeandampfer auf dem Weg von Europa nach Amerika. Victor gab sich als Musikproduzent am Broadway aus und überzeugte solvente Reisende, in seine nicht existierenden Produktionen zu investieren. Das war ein gemütliches Geschäftsmodell: angenehme Gesellschaft, gutes Essen, und am Ende stieg man in New York mit dem Geld anderer Leute aus.
Nach dem Ende der Ära der Luxusdampfer versuchte er sich mit mittelmäßigem Erfolg als Bankbetrüger, bis er die sogenannte „rumänische Kiste“ erfand. Eine Box aus Mahagoni, so groß wie ein großer Koffer, mit Schlitzen, Kurbeln und Stellrädchen. Victor Lustig behauptete, diese Maschine könne jeden Geldschein kopieren und die Seriennummer ändern – man brauche nur sechs Stunden Geduld.
Die Vorführung lief so: Er bat sein Opfer um einen echten Geldschein. Meistens einen Hunderter – die Leute wollten ja voreinander angeben. Dann schob er den Schein zusammen mit einem leeren Blatt Spezialpapier in die Maschine. Er stellte die neue Seriennummer ein. Sechs Stunden müsse man jetzt warten, erklärte er bedauernd. In der Zwischenzeit ging man gemeinsam essen, ließ den Raum von einem der Anwesenden abschließen und bewachen. Nach sechs Stunden kehrte man zurück und Viktor kurbelte den Originalschein heraus – und aus einem anderen Schlitz eine perfekte Kopie – bloß mit der anderen Seriennummer.
Man ging zur Bank und ließ sich die Echtheit des neuen Scheins bestätigen – schon war die Maschine verkauft. Preis: Zwischen 5.000 und 30.000 Dollar. Jetzt hatte Viktor bequeme sechs Stunden, um sich zu verdünnen, bevor der Kunde merkte, dass die Maschine nicht funktionierte.
Denn natürlich war die Kopie keine Kopie. Es war ein zweiter echter Schein, den Lustig vorher in die Maschine gelegt hatte und dessen Nummer er kannte.
KI: Ich frage lieber nicht nach, warum die Kiste rumänisch ist, sonst erklärst Du das glatt noch.
Kommen wir zu seinem Meisterstück. Paris. 1925. Victor sitzt in einem Café und liest Zeitung. Da steht ein Artikel über den Eiffelturm: baufällig sei er, teuer im Unterhalt, ständig muss er entrostet und gestrichen werden, und eigentlich hätte er schon 1909 abgerissen werden sollen. Die Pariser mochten das Ding ohnehin nicht besonders – bei seiner Errichtung hatten sich praktisch alle wichtigen Künstler Frankreichs dagegen zusammengetan.
In diesem Moment hatte Victor Lustig eine Idee.
Er ließ sich gefälschtes Briefpapier des Postministeriums drucken – das war damals für öffentliche Gebäude zuständig. Dann lud er die fünf größten Schrotthändler von Paris zu einem vertraulichen Treffen ins Hôtel de Crillon ein. Eines der nobelsten Hotels der Stadt, direkt an der Place de la Concorde.
Dort stellte er sich als stellvertretender Generaldirektor des Ministeriums vor und erklärte den Herren die Lage: Der Eiffelturm sei zu teuer, die Regierung habe beschlossen, ihn abzureißen, und die rund 7.000 Tonnen Eisen sollten als Altmetall verkauft werden. Das Ganze müsse selbstverständlich streng geheim bleiben, bis alle Details geklärt seien. Man wolle schließlich keine öffentliche Aufregung, bevor der Vertrag stehe.
Die Schrotthändler konnten ihr Glück kaum fassen. 7.000 Tonnen Eisen – das war ein gewaltiges Geschäft.
Lustig beobachtete seine fünf Kandidaten genau. Und er fand sein Opfer: André Poisson. Der jüngste und unsicherste der Händler. Ein Neuling in der Pariser Geschäftswelt, der den Etablierten unbedingt zeigen wollte, was er konnte.
Lustig bat Poisson zu einem privaten Treffen. Dort wurde er vertraulich. Er klagte über sein bescheidenes Beamtengehalt, das eigentlich nicht zu seinem Lebensstil passe. Poisson – vertraut mit der Realität korrupter französischer Beamter – verstand sofort: Hier wurde ein Schmiergeld erwartet. Und paradoxerweise war es gerade diese Bestechlichkeit, die Poisson überzeugte. Ein korrupter Beamter war echt. Ein ehrlicher wäre verdächtig gewesen.
Poisson bezahlte das Schmiergeld und den Kaufpreis. Lustig nahm alles und floh nach Österreich.
Dort wartete er. Scannte die französischen Zeitungen. Tage. Wochen. Nichts. Kein Wort. Poisson hatte tatsächlich den Mund gehalten. Er war zu stolz – oder zu beschämt – um zur Polizei zu gehen und zuzugeben, dass er auf so einen Betrug hereingefallen war.
Also ging Victor zurück nach Paris und verkaufte den Eiffelturm ein zweites Mal. An einen anderen Schrotthändler. Diesmal allerdings ging das Opfer zur Polizei. Die Geschichte landete in der Presse, und Lustig floh in die USA.
KI: Der Mann, der den Eiffelturm zwei Mal verkaufte
Dort hätte die Geschichte enden können – als die eines genialen, aber letztlich harmlosen Gauners. Tat sie aber nicht.
1930 ging Lustig eine Partnerschaft mit dem Apotheker William Watts und dem Chemiker Tom Shaw ein. Gemeinsam begannen sie, Falschgeld zu produzieren. Ihre gefälschten Hundert-Dollar-Scheine waren so gut, dass auch Bankbeamte sie nicht erkannten. Lustig organisierte ein Netzwerk aus Kurieren, die das Geld unter die Leute brachten, ohne zu wissen, dass es gefälscht war. Fünf Jahre ging das so, die Summen waren gewaltig.
„It was Beauty that killed the beast“, heißt es bei King Kong. Lustigs Geliebte erfuhr, dass er ein Verhältnis mit einer jüngeren Frau hatte. Und sie rief anonym beim FBI an und verpfiff ihn. Aus. Ende.
15 Jahre Alcatraz für die Geldfälschung. Fünf Jahre extra für eine 27 Tage dauernde Flucht. Am 11. März 1947 starb er dort an einer Lungenentzündung. Auf seiner Sterbeurkunde stand als Beruf: „Lehrling als Verkäufer und Geldfälscher“ und nicht „Con Artist“.
KI: So wie in Chilli – Con carne?
Con, das steht für „confidence“ – Vertrauen. Ein Hochstapler ist ein Vertrauenskünstler. Jemand, der dich davon überzeugt, dass du ihm vertrauen kannst. Davon handeln Victors 10 Gebote: Hör zu. Sei gepflegt. Gib nicht an. Bleib nüchtern. Die meisten Regeln sind gute Ratschläge für erste Dates oder Vorstellungsgespräche.
Der Unterschied zwischen einem Hochstapler und einem charmanten Gesprächspartner ist manchmal nur die Absicht.