Warum tragen Filmbösewichte eine Narbe im Gesicht? Die Spur führt zu deutschen Studentenverbindungen, einem bizarren Ehrenzeichen – und einem Hutmachersohn, der Hollywood beibrachte, wie man glaubhaft böse wirkt.
Skript
Es gibt Menschen, die quasi am ganzen Körper tätowiert sind, aber darauf achten, keine sogenannten Jobstopper zu tragen. Das sind Tattoos, die nicht durch die Standard-Bürokleidung bedeckt werden. Hände, Hals, Nacken oder aber das Gesicht bleiben bürotauglich untätowiert.
Ich habe eine ganze Menge an Narben gesammelt, aber keine Jobstopper-Narben. Glück gehabt, dass ich keine Narben im Gesicht habe. Im Film bedeutet ein Schmiss – eine Narbe im Gesicht –, dass man auf der falschen Seite von Recht und Gerechtigkeit steht.
Die Wurzel dieses modernen Symbols stammt aus deutschen Landen und hatte eigentlich eine andere Bedeutung. Der „Schmiss“ war ein Ehrenzeichen. Ein Männlichkeits-Symbol und sowohl für das Militär als auch für die Hochschulen eine Eintrittskarte in die bessere Gesellschaft.
KI: Mein Name ist Ernst Stavro Blofeld, wo ist bitte meine Professur?
So in der Art. Wir reden von der Mensur.
Im Deutschland des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine sehr spezifische Männerkultur an den Universitäten. Frauen konnten ja nicht studieren. Und wenn man junge Männer lange genug in einen Raum sperrt, kommt oft etwas Gefährliches dabei heraus.
Die Studentenverbindungen waren an den Unis der Mittelpunkt des sozialen Lebens außerhalb des Unterrichts. Und viele Studentenverbindungen waren schlagende Verbindungen – nicht, weil sie andere Verbindungen vermöbelt haben, sondern weil sie sich gegenseitig mit dem Schläger bearbeiteten.
Es entwickelte sich die streng regulierte Mensur. Die scharfen Klingen, die dabei verwendet wurden, nennen sich Schläger. Die beiden Duellanten tragen Schutzkleidung am Körper, den Händen und später auch eine sogenannte Paukbrille und einen Nasenschutz. Als Zielfläche übrig bleibt der Rest des Gesichts.
Bei diesen Duellen stellen sich die beiden Studenten gegenüber auf und bewegen sich keinen Schritt. Dann wirbeln sie die Klingen auf Kopfhöhe gegeneinander, in einem vorgegebenen Rhythmus. Das hat gar nichts von D’Artagnan und den drei Musketieren oder von Ben Kenobi und Darth Vader. Ich habe ein Video verlinkt – es lässt sich schwer beschreiben.
Am Anfang wurden Duelle beim ersten Treffer abgebrochen. Aber mit der Erfindung der Paukbrille 1857 wurden schwere Augenverletzungen seltener – und die Kämpfe länger. Mit den Fortschritten der antiseptischen Medizin sank das Infektionsrisiko. Die Folge: Mehr Runden, mehr Treffer, mehr Schnitte. Aus der Schnittwunde wird eine Narbe und diese Narbe heißt Schmiss.
KI: Verstehe. Der Schmiss gehört also als Foto in den Wikipedia-Artikel „Toxische Männlichkeit“.
So ist es! Im Kaiserreich entwickelte sich der Schmiss zu dem Erkennungszeichen des deutschen Akademikers. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler nannte ihn die „narbige Visitenkarte“. Ein Mann mit Schmiss hatte bewiesen, dass er Schmerz ertragen konnte, dass er sich nicht duckte, dass er dazugehörte. Unabhängig davon, ob er Hochadel war oder Provinzstudent. Blut, Narben, Tapferkeit, beruflicher Erfolg.
Darüber hinaus glaubten die Studenten auch, dass Frauen Männer mit zerfetzten Gesichtern generell für erotischer hielten. Wie zu erwarten, fanden sich auch männliche Wissenschaftler, die das gerne bestätigten.
Es wird geschätzt, dass im Kaiserreich jährlich rund 12.000 sogenannte Bestimmungsmensuren gefochten wurden. Samstags stand praktisch jeder Aktive einer schlagenden Verbindung auf der Mensur, wenn er medizinisch dazu in der Lage war.
Natürlich gab es auch Studenten, die das Statussymbol wollten, aber nicht die Schmerzen und nicht die anderen Burschen. Einige haben ihren Arzt gebeten, ihnen einen schönen Schnitt zuzufügen, andere haben sich selbst geschnitten. Das hieß es zum Beispiel von Franz Burda. Und ich bin hin- und hergerissen, ob ihn das sympathischer macht oder nicht.
Streng verboten war es auch, vorhandene Wunden so zu behandeln, dass sie beeindruckendere Narben produzierten. Das wiederholte Auseinanderziehen der Wundränder zum Beispiel, oder das Einreiben mit Salz. Die Tatsache, dass es verboten war, belegt, dass es praktiziert wurde.
KI: Bizarr genug, aber wie wird man vom Burschen zum Oberbösewicht?
Ich habe eine Theorie. Und die basiert auf dem Erfolg eines Mannes namens Erich von Stroheim. Ein Wiener, der als Erich Oswald Stroheim auf die Welt kam und eine Ikone des Stummfilms wurde. Adelig war er nicht, sein Vater war Hutmacher. Das „Von“ legte er sich bei der Einwanderung zu.
Er erfand sich eine neue Persona für den Film. Ein preußischer Aristokrat mit stramm sitzender Uniform und mit einer Narbe am Auge, die mit Schminke absichtlich hervorgehoben wurde. Ab 1919 verkörperte er diesen kalten, aber irgendwie auch eleganten deutschen Offizier. Universal nannte ihn „The Man You Love to Hate“ – den Mann, den man so gern hasst.
Er hatte verstanden, wie der Schmiss bei den Angelsachsen rezipiert wurde. In Deutschland ein Ehrenzeichen, außerhalb Deutschlands zumindest befremdlich. Schon in den 1880ern hatte Mark Twain mit einer Mischung aus Faszination und Entsetzen über die Mensur geschrieben. Für die Angelsachsen war die Gesichtsnarbe kein Zeichen von Tapferkeit, sie war Ausdruck einer Kultur, die Gewalt zelebrierte.
KI: Eine durchaus berechtigte Wahrnehmung.
Aber natürlich. Dann kam der Zweite Weltkrieg. Und plötzlich waren diese Narben nicht mehr nur ein filmisches Klischee – sie waren real. Viele hochrangige Offiziere der Wehrmacht und der SS hatten als Studenten in schlagenden Verbindungen gefochten. Otto Skorzeny, der meistgesuchte SS-Offizier Europas, trug einen gewaltigen Schmiss quer über die linke Wange.
Nach 1945 gab es kein Zurück mehr. Die Gesichtsnarbe war in der visuellen Sprache des Kinos endgültig auf der Seite des Bösen angekommen. In Blofelds Gesicht bei James Bond. Bei den Nazis in „Hogan’s Heroes“. Und irgendwann löste sich das Stereotyp von seinem Ursprung. Die Narbe brauchte keinen deutschen Offizier mehr. Sie wurde zum universellen Erkennungszeichen des Bösewichts.
Bis hinein in Zeichentrickfilme für Kinder. Im König der Löwen heißt der Bösewicht sogar Narbe – „Scar“ und er hat einen Schmiss. Oder Prinz Zuko in „Avatar“, dem Anime, nicht den James-Cameron-Filmen. Obwohl der Bösewicht bei James Camerons Avatar, Colonel Miles Quaritch, natürlich auch Narben im Gesicht hat.
Dann Darth Vader oder Kylo Ren, der Joker aus den Batman-Filmen – von Two Face ganz zu schweigen – oder Tony Montana, gespielt von Al Pacino, in dem Film „Scarface“. Narbengesicht.
Und bei James Bond hört die Liste mit Blofeld nicht einmal auf. Da wäre noch Alec Trevelyan (GoldenEye), Le Chiffre (Casino Royale), Raoul Silva (Skyfall) oder zuletzt Safin (Keine Zeit zu sterben).
KI: Schlüssige Beweisführung, denke ich.
Danke. Hat auch ein paar Ausreißer. Da wäre der lachende Mann von Victor Hugo, Bill Sykes aus Dickens‘ Oliver Twist oder „Das Phantom der Oper“ von Gaston Leroux. Aber die Literatur ist dem Film ja immer ein bisschen voraus.
In weniger als hundert Jahren wurde dasselbe Zeichen – eine Narbe im Gesicht – vom Türöffner in die bessere Gesellschaft zum visuellen Kürzel für den Schurken.
Und der Mann, der diese Umwertung in Gang gesetzt hat, war ein Wiener Hutmachersohn, der sich in Hollywood als preußischer Graf ausgab.
Manchmal schreibt die Kulturgeschichte bessere Drehbücher als Hollywood. Oft. Meistens. Fast immer.
Quellen:
Das Youtube-Video von der Mensur: Mondo Di Notte Mensur
Wikipedia (de): Schmiss
BPB: Burschenschaften – Geschichte, Politik und Ideologie
Planet Wissen: Studentenverbindungen und ihre Rituale
Encyclopedia.com: Stroheim, Erich von
AV Club: The Erich Von Stroheim Collection
West Cork People: The Original Fight Club