Die Erfolgs-Spirale: Slinky

Richard James fand zufällig eine Stahlspirale, die die Treppe runterlaufen konnte und verschwand dann nach Bolivien. Seine Frau Betty, die das Spielzeug auch benannte, übernahm die Firma und das Spielzeug und machte daraus ein Phänomen. Die Geschichte des Slinkys ist eigentlich ihre Geschichte.

Skript

Es gab Spielzeug in meiner Kindheit, dass verboten wurde, weil es zu gefährlich war. „Clackers“ hießen die zwei Kugeln aus Hartplastik, die an einen Ring gebunden waren. Man sollte sie dazu bringen, dass sie unterhalb und unterhalb der Handfläche gegeneinander klackten. Dazu musste man sehr mutig sein, weil der Weg zum Erfolg mit so vielen blauen Flecken gepflastert war, dass das auf deutsch „Klick-Klack-Bälle“ getaufte Spielzeug verboten wurde.

Und dann gab es Spielzeug, das nicht hielt, was es versprach. Und ich meine Dich, Slinky. Jawohl. Du schlappe Stahlspirale, die selber die Treppe herunterslinken können sollte. Klappt aber nicht so wie in der Werbung.

Auf einer normalen Treppe, so wie sie – nur als beliebiges Beispiel – in Häusern verbaut wird, gab der stolze Slinkybesitzer der Spirale einen Schubs und – ja, der Kopf des Slinkys neigte sich, landete auf der nächstniedrigen Stufe und er zog den Rest nach sich. Dann klappte der Rest, angetrieben vom Schwung, wieder um, aber landete nicht auf der übernächsten Stufe, weil die nächste ja zu tief war, sondern blieb am Rand hängen. Mit ein bisschen Glück beruhigte sich der Slinky dann. Mit ein bisschen Pech stürzte er ab und verhedderte sich unaufknotbar.

Ich habe ihm dann aus meinen Büchern eine passende Treppe gebaut. Da funktionierte er wie im Fernsehen. Es waren drei Stufen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Experiment mehr als einmal ausgeführt habe. Faszinierend, ja. Einmal. Vielleicht zwei Mal. Ich begann dann, den armen Slinky durch die Gegend zu slinken, was schnell zu Ergebnis zwei führte, dem gordischen Verheddern.

KI: Die traurige Geschichte eines überbewerteten Spielzeugs und eines ungeduldigen Jung-Explikators.

Du hast recht. Geduldigere Menschen als ich können die tollsten Tricks. „Slinky Josh“ hat einen Youtube-Kanal mit 1,5 Mio. Abonnenten. Er zeigt den Hard- und den Soft-Bounce, den Escalator, den Sphongle oder wie man das gordische Verheddern behebt. Chapeau!

Erfunden hat das Spielzeug natürlich ein Mann. Wir werden sehen, dass das in zweifacher Hinsicht nicht richtig ist. Aber folgen wir erst einmal den Spuren der Legende. Richard Thompson James war ein Schiffsbauingenieur und 25 Jahre alt, als er an Möglichkeiten arbeitete, um Schiffinstrumente so zu montieren, dass sie auch bei hoher See verlässliche Daten lieferten.

Als er so herumkramt, wirft er eine Spirale vom Arbeitstisch, die dann auf dem herumliegenden Material das typische Slinky-Verhalten zeigt. Das ist ja faszinierend, wird er sich gedacht haben und wahrscheinlich war sein Geduldsfaden von der Länge eher so wie der von Slinky Josh als meiner.

Er nimmt die Spirale mit nach Hause, um sie seiner Frau zu zeigen. „Ich glaube, wenn ich die richtigen Eigenschaften des Stahls und die richtige Spannung hinbekomme, kann ich es zum Laufen bringen“, sagt er. Betty ist skeptisch, aber Richard bringt eines Tages eine seiner Versionen mit und führt sie vor. Die Nachbarskinder sind völlig aus dem Häuschen. Alle wollen sie so eine Spirale haben und da denkt sich Betty: „Okay. Vielleicht doch keine schlechte Idee.“

„Slinky“ wäre genau der richtige Name, schlägt Betty vor und ich möchte wetten, dass diese Namenswahl Gold wert war. Das richtige Slinky-Verhalten lässt sich übrigens in einer Formel ausdrücken. „Die Funktion L in Abhängigkeit von k und m entspricht dem Quotienten aus Gewichtskraft und doppelter Federkonstante.“ Keine Ahnung, was das bedeutet. Florian Freistetter kann das erklären. Link auf Explikator.de.

Die beiden legen sich also eine Spulenwickelmaschine zu und melden die „James Spring & Wire Company“ an. 400 Spiralen wickeln sie, stecken sie in würfelförmige Pappboxen und Stempeln den Namen und das Logo darauf.

Es gelingt ihnen, das Kaufhaus „Gimbels“ in Philadelphia dazu zu überreden, ihr Produkt für einen Dollar pro Stück zu verkaufen. Die bescheidenen Pappwürfel liegen im Regal und verkaufen sich – überhaupt nicht. Über Gimbels sollte ich auch mal eine Episode machen. Ihr kennt sicher aus den amerikanischen Medien die Thanksgiving Parades mit den großen Floaties – eine Erfindung der Gebrüder Gimbel!

KI: Zurück zum Misserfolg des Slinkys.

Richard ist von den Umsatzzahlen folgerichtig nicht überzeugt und es gelingt ihm, den Filialleiter zu überreden, dass er persönlich vorführen darf, wie ein Slinky funktioniert. Dafür installiert er auf einer Theke eine Rampe mit genau der richtigen Steigung, oder, besser: mit genau dem richtigen Gefälle und, so will es die Legende, in 90 Minuten sind die 400 Slinkys ausverkauft. Voilà! Der Beginn eines Massenphänomens.

Besonders, als Jesus Christus sich in den Geschäftsverlauf einmischt. Denn der holt Richard zu den „Wycliffe Bible Translators“, einer fundamentalistischen evangelikalen Bewegung. Und „fundamentalistisch“ definiere ich als „Verbalinspitation“. Das ist die Vorstellung, dass jedes Wort der Bibel wörtlich wahr ist. Ich könnte sofort eine Stunde darüber monologisieren, warum die Bibel sich an welcher Stelle selber widerspricht.

KI: Bitte nicht!

Okay. Richard setzt sich also nach Bolivien ab, um auf den Pfaden des Messias zu wandeln und lässt Betty, sechs Kinder und die beinahe insolvente Firma zurück. Die Gewinne hatte er nämlich in die Sekte gesteckt. Das mit dem Gebot der Nächstenliebe erlaubt ja, wie man aus der Kirchengeschichte weiß, eine sehr breite Auslegung. Schließlich sind sogar Scheiterhaufen ein Ausdruck der Nächstenliebe, weil die Hexen ja sonst in die Hölle kommen würden.

KI: Wie kann man nur aus einem so harmlosen Spielzeug ein theologisches Thema machen!

Ich kann aus allem ein theologisches Thema machen! Aber, Du hast ja recht. Betty wollte nicht mit den Kindern nach Bolivien, sondern ließ sich lieber scheiden und übernahm die Firma. Das war 1960 und wäre in Deutschland damals schwierig möglich gewesen. Da durften Frauen ohne Zustimmung ihres Gatten ja nicht einmal ein Konto eröffnen.

Betty verlegt die Firma nach Holidaysburg in Pennsylvania und investiert zum ersten Mal in Werbung, jetzt, wo die Gewinne nicht mehr zu den Bibelübersetzern abflossen. Der Fernsehspot, mit dem die heutige Sendung angefangen hat, wird in Amerika Kult. Der Song wurde schon von Ren & Stimpy, Jim Carrey und Eddy Murphy parodiert.

Zum Original-Slinky kamen schon früh andere Versionen. Helen Herrick Malsed aus Washington hatte einen Brief geschrieben und Zeichnungen von Slinky-Spielzeugen beigelegt. Der Slinky-Dog kam schon 1950 auf den Markt. Das ist dieser halbierte Hund, dessen Vorder- und Hinterteil mit einer der Spiralen verbunden sind. Helen erhielt jährlich an die 70.000 Dollar Tantiemen für die Idee.

1995 hat Bettys Firma den Hund überarbeitet, denn – ausgestattet mit einem Südstaaten-Akzent – er hatte eine tragende Rolle in Toy Story eins bis wie viele Versionen auch immer zu spielen.

Betty blieb CEO, bis sie 2008 an Herzinsuffizienz verstarb. 90 Jahre alt wurde sie.

Betty, die dem Spielzeug ihren Namen gab und für den Erfolg verantwortlich ist, hat im Laufe ihrer Karriere 300 Millionen Stahlspiralen an das Kind gebracht. Auch heute verkauft sich das Original 250.000 Mal jährlich. Allerdings muss man mittlerweile dafür elf Euro berappen.

Vielleicht war ich ja wirklich zu ungeduldig. Jetzt, als alter Mann …

Quellen:

Youtube: Original slinky commercial

Youtube-Kanal: Slinky Josh

Wikipedia (en): Slinky

Yahoo!Finanzen: Skurrile Geschäftsideen mit Erfolg: Die Geschichte des Slinky

Astrodicticum simplex (Florian Freistetter): Das faszinierende Slinky-Experiment (Spannend, keine Formeln. Versprochen.)