Die guten alten Aliens

Seit wann gibt es in unserer Kultur eigentlich die Vorstellung von Außerirdischen? Wer hat sich die ersten Aliens ausgedacht und wie sahen sie aus? Eine kurze Reise von den Pilzmännern bis zu dem heutigen Archetyp: Den „kleinen Grauen“.

Skript

Gestern habe ich ja über Alf geredet und mir gedacht: Aliens mit Fell – das ist ja eine Seltenheit. Mir fallen sonst nur die Mausbiber bei Perry Rhodan ein.

Dann habe ich mich gefragt, seit wann wir uns überhaupt Außerirdische vorstellen? Und ob das schon immer diese kleinen Grauen waren, mit den Vampir-Kinderköpfen?

Well, welcome to My Alien-Rabbithole!

Außerirdische können eigentlich erst beschrieben werden, wenn Menschen wissen, dass sie auf einem Planeten leben und es andere Planeten gibt. Das schließt auch die Schöpfungsmythen aus, in denen die Welt von fremdartigen Lebewesen geschaffen wird, die meist als Götter oder Göttinnen verehrt werden. Und die Prä-Astronautik.

Die Vorstellung, dass die Erde ein Körper im Weltall ist, und dass auch die anderen Planeten solche Körper sind, ist nicht so alt. Anaxagoras stellte diese Behauptung um 450 v.u.Z. auf, und machte sich damit zum Uropa der Astronomie. Das ist natürlich unvorstellbar revolutionär, doch damals war es sozusagen Blasphemie. Die Planeten waren Götter. Punkt. Er musste ins Exil gehen für diese Theorien, wo er schließlich verhungerte.

Das macht aber Raum für die „Wahren Geschichten“ des Lukian von Samosata. Geschrieben sechshundert Jahre nach Anaxagoras im Römischen Reich unter Kaiser Marc Aurel. Es bestand keine Gefahr mehr, so schnell religiöse Gefühle zu verletzen. Der Pantheon war sowieso unüberschaubar geworden.

Laut den „Wahren Geschichten“ brachen Lukian und Freunde auf eine Reise auf, um westlich von Gibraltar nach neuen Kontinenten zu suchen. Ein Unwetter lässt sich auf einer unbekannten Insel stranden, ein Wirbelsturm trägt sie in sieben Tagen auf den Mond.

Und auf dem Mond herrscht Krieg. Der König des Monds führt gegen den König der Sonne Krieg um die Eroberung der Venus. Die Freunde begegnen den Pilzmenschen; Menschen mit Hundeköpfen, die auf fliegenden Eicheln reiten und Zentauren aus Wolken. Praktischerweise sprechen alle fließend Griechisch. Diese laufenden Pilze mit Armen und Gesicht – das sind die allerersten Außerirdischen in der menschlichen Literatur.

Ob es auch Science Fiction ist, ist strittig. Die „Wahren Geschichten“ sind eine Satire auf das Römische Reich und benutzen dazu eine Parodie der klassischen Heldengeschichten. Es fehlt manchen Sci-Fi-Fans hier auch die Science. Aber wir suchen ja nur Aliens.

Dann müssen wir aber 1.400 Jahre warten, bis Johannes Kepler seine Kurzgeschichte „Somnium“ fertig geschrieben hat. Ja, genau der berühmte Astronom Johannes Kepler schrieb 1609 eine Geschichte, in der er vom Mond und dessen Einwohnern fantasierte.

Auf dem Mond, mit seinen Gebirgen und Ozeanen, leben riesenhafte Schlangen, die eine dicke, schwammartige und poröse Haut haben, die sie vor Hitze und Kälte schützt. Sollten sie einen Sonnenbrand bekommen, können sie Haut abwerfen und sich in Höhlen oder in den Ozeanen wieder regenerieren.

Sie leben als Nomaden auf dem Mond und vermehren sich, in dem sie Schalen verstreuen, die wie Tannenzapfen aussehen. Die brechen nach einiger Zeit von selber auf und bringen die nächste Generation Schlangen auf die Welt … äh, auf den Mond.

Wieder müssen wir lange warten, bis wieder Außerirdische auftauchen, die nicht einfach nur Menschen sind. Bis 1887, um genau zu sein, als Joseph Henri Honoré Boex seine Kurzgeschichte „Les Xipéhuz“ schreibt.

Hier begegnet ein Nomadenstamm, tausend Jahre vor Babylon, auf einer Lichtung plötzlich Außerirdischen. Halb so groß wie Menschen gleichen diese Wesen bläulichen, durchsichtigen Kegeln, deren Oberfläche ziselierte Streifenmuster aufweist. Die Spitze der Kegel zeigt nach oben, nahe der Basis leuchtet in ihnen ein blendender Stern, hell wie die Sonne am Mittag.

Sie kommunizieren untereinander, indem sie mit den Strahlen dieser Sterne Muster auf die Hüllen der Artgenossen malen. Das macht die Kommunikation mit den Menschen praktisch unmöglich, es kommt zu Kämpfen und am Ende sind die Kegel ausgerottet.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Es ist, als ob Darwins Arbeiten die Autor*innen erst auf die Idee gebracht hätten, dass sich außerirdisches Leben komplett anders hätte entwickeln können.

So sind auch die Aliens in H.G. Wells „Krieg der Welten“ ganz anders als in den Verfilmungen. Wir schreiben 1889, nebenbei erwähnt. Die Marsianer sind Wesen, die nur aus einem körperlosen Kopf mit schnabelartigem Mund bestehen, der von Tentakeln umgeben ist. Sie pflanzen sich ungeschlechtlich fort und ernähren sich von frischem Menschenblut, dass sie den Opfern mit Pipetten entnehmen und sich in ihre Körper injizieren.

Es folgen die insektenähnlichen Seleniten aus „Die ersten Menschen auf dem Mond“ (1901), die flamingoähnlichen Tweel mit ihren Schnabel-Rüsseln aus „Eine Mars-Odyssee“ (1934) und ein intelligenter Stern in „Star Maker“ (1937).

Das Kino und das Fernsehen verändern die Aliens. Aus schlicht finanziellen Gründen können Außerirdische jetzt nur noch Humanoide sein, denn statt CGI und KI gab es nur Latex und Kostüme.

Darum sind Klingonen, Vulkanier, Ferengis, Kardassianer und alle anderen Außerirdischen bei Star Trek eigentlich Menschen. Klar, es gibt in der Serie auch Energiewesen oder Horta, die lebende Pizza – aber es dominiert das Alien aus der Maske. Das gilt auch für Wookies, Ewoks, Mon Calamari, Jawas, Tusken oder Togruta bei Star Wars.

Dabei war schon 1961 etwas passiert, dass unsere Vorstellung langsam ändern sollte. Im September wurden Betty und Barney Hill auf einer einsamen Autofahrt von Außerirdischen entführt. Es wurden die seltsamsten Experimenten an ihnen durchgeführt. Unter anderem die berühmte Analsonde.

Na ja, das haben sie auf jeden Fall einem Dozenten für Astronomie erzählt, während sie ihm in ihrem Haus in New Hampshire Kaffee reichten. Nachdem die Geschichte an die Öffentlichkeit geriet, reagierten die beiden 1969 mit einem Buch, das in den USA zum Bestseller wurde. Seitdem häufen sich die Berichte von Entführungen, dokumentiert sind mehrere tausend Fälle.

Die Entführer wurden vom Ehepaar Hill als kindsgroße, grauhäutige Wesen mit dünnen Gliedmaßen beschrieben. Sie hätten übergroße Schädel, große Augen, fast keine Nasen und nur einen Schlitz statt eines Mundes. Anders ausgedrückt: Die Hills haben den modernen Archetyp des Aliens erfunden oder beschrieben.

Es gibt Variationen. Bei „Mars Attacks“ sind sie grün und E.T. hat keine Beine, aber innerhalb dieses kleinen Spielraums sind die Beispiele endlos: Unheimliche Begegnung der Dritten Art, Akte X, Signs – Zeichen, Stargate SG-1, die Vree aus Babylon 5, Paul, American Dad, Resident Alien, Communion, Dark Skies oder sogar South Park.

Wer weiß, wie Aliens tatsächlich aussehen? Keiner. Momentan wären wir ja schon happy, wenn auf dem Mars tote Bakterien gefunden würden.

Aber: „Die Wahrheit ist irgendwo da draußen“

Quellen:

BBC.com: The weird aliens of early science fiction

Wikipedia (de); Somnium (Kepler)
https://de.wikipedia.org/wiki/Somnium_(Kepler)

Wikisource (de): Wahre Geschichten

MIT press: Alien Dreams: The Surprisingly Long History of Speculation About Extraterrestrials

Astronomy.com: ‘Astronomical Dream’: Johannes Kepler wrote the first science-fiction story

Wikipedia (en): J.-H. Rosny aîné

Youtube: Intro: Going on an Alien Hunt | The Kiboomers Kid Songs and Nursery Rhymes