Wir hetzen von Termin zu Termin und beklagen, keine Zeit zu haben. Aber was genau ist dieses Ding, dem wir hinterherlaufen? Ein kleines Metallteil in der Uhr hat unser Verhältnis zur Zeit für immer verändert, davor war sie „hemmungslos“.
Skript
Eine Frage, die ich mir gestellt habe, bevor ich den Explikator angefangen habe, war: Woher nehme ich die Zeit?
Tja, gute Frage: Woher nimmt man denn Zeit? Wie viel Zeit hat man denn so? Mit was verschwendet man Zeit? Kann man Zeit sparen?
Lustig ist, dass man in diesen Fragen „Zeit“ durch „Geld“ ersetzen kann und sie machen trotzdem Sinn. Woher nimmt man denn Geld und wie viel Geld hat man denn so und wie verschwendet man es und kann man Geld sparen? Das belegt: Zeit ist Geld.
Darum haben aus Zeit eine Ressource gemacht und ihren Wert von Tagen hinuntergerechnet auf Bruchteile von Sekunden. Bei den Winterspielen 1998 zum Beispiel hat Silke Kraushaar im Rennrodeln Gold gewonnen, weil sie 0,002 Sekunden schneller war als Barbara Niedernhuber. Stechmücken schlagen 500 bis 600 Mal pro Sekunde mit den Flügeln. Silke war einen vollständigen Stechmückenflügelschlag – auf und ab – schneller als Barbara.
Aber lassen wir uns einmal Zeit, um das mit der Zeit genauer anzuschauen. Wann ist sie ein knappes Gut geworden?
Schon im Alten Reich Ägyptens, vor ungefähr 4.500 Jahren, teilte man den Tag in 24 Stunden ein. 12 Stunden war es Nacht, 10 Stunden war es Tag, jeweils eine Stunde gab man der Sonne zum Auf- und Untergehen.
Je näher man dem Äquator ist, desto stabiler ist dieses Modell im Verlauf der Jahreszeiten. Die Griechen klauten dieses System bei den Ägyptern, die Römer klauten es den Griechen und so kam es in den Norden, von den Helvetiern bis zu den Pikten.
Auch im Mittelalter teilte man den Tag also in 24 Teile. Auch in Gegenden, wo der lichte Tag im Sommer sechzehn Stunden unserer modernen Zeit in Anspruch nahm und im Winter nur acht.
„Eine Stunde“ dauerte also im Winter 30 Minuten und im Sommer neunzig. Das hat aber niemanden in Wallung gebracht, denn „Minuten“ und „Sekunden“ waren noch harmlose Winkelgrade und dienten nicht der Zeitmessung.
Niemand scherte sich um die genaue Uhrzeit. Wenn die Sonne aufging, schlugen die Kirchenglocken zum Gebet, dann fing die Arbeit an. Wenn sie unterging, schlugen sie auch, dann war die Arbeit aus.
Die in historischen Romanen gerne zitierten Stundenkerzen, die richtige 60 Minuten hätten messen können, waren viel zu teuer, um weit verbreitet zu sein. 90 Prozent der Bevölkerung im Hochmittelalter verwendete im Alltag nicht einmal normale Kerzen, Licht gab die Feuerstellen und Binsenlicht. Das Mark der Binse in Schlachtfett gezogen und getrocknet.
Wie fühlt es sich wohl an, im Sommer drei Mal so viel Zeit zu haben wie im Winter?
Ob diese Zeitlosigkeit des mittelalterlichen Menschen so paradiesisch war, wie es für uns klingt, weiß ich nicht. Der große Unterschied scheint meiner Meinung nach zu sein, dass man im Sommer wohl mehr Raum hatte für Unterbrechungen. Egal, wie tief man im Schatz unserer Mythen, Legenden und Märchen gräbt, stets findet sich das Motiv, dass Fremde sich begegnen und sich Raum im Leben geben. Der Wanderer, der mit dem Bauern schwätzt; der Gast, der selbstverständlich bewirtet wird, oder die Nachbarn, die jederzeit das Haus betreten dürfen – ohne vorher anzurufen, oder den Anruf anzukündigen.
Sich Zeit nehmen, heißt, auch in sich selber Platz zu schaffen, für Andere und Anderes und mit dieser Gunst werden wir immer sparsamer. Wir wollen unser Innenleben gefälligst nach unserer eigenen Zeit und nach unseren eigenen Wünschen gestalten.
Wesen wie das Kaninchen in „Alice im Wunderland“, das unentwegt auf seine Uhr starrt, weil es immer zu spät ist, sind aber sicher eine Erfindung der Moderne. Mittelalterliche Protagonist*innen, die sich um eine bestimmte Uhrzeit am Stadttor treffen oder Fantasy-Abenteurergruppen, die nur fünf Minuten zum Ausrauben der Schatzkammer haben, sind moderne Erzähltricks, die unsere Zeitnot als Werkzeug benutzen, um Spannung zu erzeugen.
Aber die Zeitlosigkeit der Menschen endet, wie wir wissen.
Sie enden mit der Hemmung der Zeit. Und das nicht nur im bildlichen Sinn, sondern – ganz konkret – im mechanischen Sinn. In mechanischen Uhren ist ein kleines Metallteil verbaut, dass man „Hemmung“ nennt. Es schaut ein bisschen aus wie eine geschweifte Klammer und wird von einem Zahnrad im Sekundentakt hin- und hergeschaukelt.
Die Hemmung unterteilt die Sprungkraft der Feder in genau gleichgroße Häppchen Zeit. Damit schafft sie ein Verständnis der Natur, welches nicht mehr unserer Wahrnehmung entspricht. Mit der Verbreitung mechanischer Uhren in Kirchtürmen oder spätestens mit der Verbreitung mechanischer Uhren in den Westentaschen umtriebiger Händler haben sich Tag und Nacht der Hemmung zu beugen.
Die 24 Stunden einer Erdumdrehung werden in exakt gleich große Stücke zerlegt. Wer ab dann in der Vorstellung lebt, dass der Tag mit Sonnenaufgang beginnt, hat sich getäuscht: Ein Tag beginnt in der Sekunde nach der Mitte der Nacht. Logisch. Der Sonnenaufgang selber hat sich zu unterwerfen und findet an jedem Tag zu einer anderen Uhrzeit statt. Widernatürlich, aber ungeheuer praktisch.
Die Hemmung, diese winzige Mechanik, hat unser Verständnis von Zeit vollständig verändert. Wir haben keine Zeit mehr, weil die Zeit uns hat. Gleichmütig schreitet sie in messbaren Schritten durch unser Leben und wir hecheln hinterher. Sie ist eine Naturgewalt und nicht mehr der Raum, in dem wir uns entfalten.
Wir unterscheiden ja tatsächlich die Fortschrittlichkeit einer Kultur an ihrer Pünktlichkeit. Je nachlässiger Termine eingehalten werden, desto rückständiger sei die Gesellschaft. Wie lange haben sich die Deutschen über die Unpünktlichkeit ihrer südlichen Nachbarn amüsiert? Man muss der Deutschen Bahn wirklich dankbar sein, dass sie diese deutsche Tugend in den Augen der Welt demontiert hat.
Seit es die Hemmung der Zeit gibt, verändert sich sogar der Raum um uns. Wir messen Entfernungen nicht mehr im Raum, sondern in Zeit: „Rom ist von Florenz vier Stunden entfernt“, können wir behaupten, ohne dass uns jemand auf die komplette Sinnlosigkeit dieser Aussage hinweist.
Die Händlerklasse, im Mittelalter noch notwendiges Übel, herrscht mittlerweile, dank der Hemmung und der Termine. Sie hat uns überzeugt, dass materieller Wohlstand gleichbedeutend mit Zufriedenheit ist und dieser ist nur zu erreichen, wenn man seine Zeit zu einem Handelsgut macht. Lohnarbeit bedeutet, Lebenszeit gegen Materielles zu tauschen. „Time Management“, ein modernes Freizeithobby, bedeutet, Lebenszeit optimal auszunutzen. „Carpe diem“ ist zu einer Drohung verflacht, denn es bedeutet heute „Nutze Deine 24 Stunden maximal aus“ und nicht mehr, so wie von Horaz beabsichtigt und wörtlich so geschrieben: „Pflücke den Tag wie eine reife Frucht“.
Die Wahrheit ist, dass ich mir das Zeitempfinden eines mittelalterlichen Menschen nicht ausmalen kann, ich bin zu sehr „Kind meiner Zeit“. Ich weiß nicht, wie es war, als die Zeit hemmungslos war. Ich habe aber das Gefühl, dass unser Modell weniger menschenwürdig ist.
Mein persönlicher Rat wäre: Verwende die Zeit nicht möglichst effektiv und zielgerichtet. Verschwende die Zeit!
Das Gefühl: „Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergeht“ ist fast immer ein Hinweis darauf, dass wir etwas getan oder gelassen haben, was uns ganz gegenwärtig gemacht hat. Wir haben – für eine gewisse Zeit – nicht an die Zeit gedacht.
Der Auslöser dieses Gefühls kann ein gutes Gespräch, ein fesselndes Buch oder ein Film gewesen sein. Oder eine Tätigkeit. Vielleicht im Garten oder beim Musizieren oder Schreiben. Vielleicht beim Wandern, Laufen, Fahrradfahren.
Manchmal kann man auch beim Löcher-in-die-Luft-starren die Zeit vergessen. Oder bei einer guten Podcast-Episode.
Verschwende die Zeit auf die Zeitlosigkeit.
So. Jetzt muss ich aber. Ich habe noch einen Termin.