Die Marx Brothers

Das größte Komiker-Trio der Filmgeschichte waren die Marx Brothers, die aber so langsam vergessen werden. Aber Harpo, Chico und Groucho haben es verdient, immer wieder neu entdeckt zu werden.

Skript

Ich verehre Laurel & Hardy, habe ich ja schon erzählt. „The Music Machine“, der Kurzfilm, in dem sie ein automatisches Piano ausliefern müssen, dürfte der Höhepunkt des Slapsticks gewesen sein. Gab ja sogar einen Oscar.

Die zwei haben den Übergang zum Tonfilm mit Bravour hingelegt und erlebten ihre größten Erfolge in den Dreißigern. Charlie Chaplin verweigerte sich dem Ton, Buster Keaton schaffte den Sprung nicht. Das öffnete die Bühne für Comedy-Acts wie die „Three Stooges“, die sich auf die schmerzhafte Variante des Slapsticks verlegten.

Die haben ihre Beliebtheit über die Jahrzehnte bewahrt, weil sie im amerikanischen Fernsehen eigentlich nie abgesetzt wurden. 2012 gab es sogar eine Neu-Verfilmung. Der deutsche Untertitel: „Drei Vollpfosten drehen ab“ macht deutlich, dass die Stooges bei uns nicht so besonders bekannt sind.

Das Trio, das aber wirklich von der Vergessenheit bedroht ist, sind die Marx Brothers. Und das ist schade, denn sie waren die größten Anarchisten unter den Komikern.

Und: Die Geschichte dieser echten, leiblichen Brüder ist auch ein typisches Stück Mediengeschichte. Sie fängt in Europa mit einem schlechten Zauberer und einer mittelmäßigen Harfinistin an, die schon im Kaiserreich als Bühnenkünstler arbeiten, geht weiter mit ihrer Tochter Minnie, die in Dornum, Ostfriesland geboren wird und mit ihrem elsässischen Mann in New York ihr Glück versucht.

Das erste Kind stirbt kurz nach der Geburt, das zweite wird 1887 Leonard getauft und Arthur, Julius, Milton und Herbert folgen noch in regelmäßigen Abständen. Wir kennen sie in dieser Reihenfolge als Chico, Harpo, Groucho, Gummo und Zeppo. Ja, nur Jungs, keine Schwester.

Sie wachsen in der Upper East Side auf, in einem bunten Chaos hauptsächlich italienischer, irischer und deutscher Einwanderer. Das ist eine raue Gegend und es war sicher kein Kinderspiel fünf quicklebendige Jungs dort aufzuziehen. Chico hat gesagt, seine Spielsucht war schon mit 12 Jahren in voller Blüte.

Minnie, von den Jungs abgöttisch verehrt, zwingt alle Jungs, Instrumente zu lernen und nimmt sie auch in ihr geliebtes Vaudeville mit. Als die Zensuren aller Jungs – mit Ausnahme von Groucho – nicht mehr in den Griff zu bekommen waren, beschließt sie, die Jungs persönlich ins Showbusiness zu holen. Als ihre Managerin, da hat sie sie wenigstens unter Kontrolle.

Das Vaudeville-Theater muss man sich wie eine Mischung aus Variete, Zirkus, Kleinkunst, Kabarett und derbem Theater vorstellen, wo sich stundenlang eine Nummer an die andere reihte. Man zahlte einen geringen Eintrittspreis und ging und kam einfach, wie man wollte. Zwischendurch konnte man sich auch etwas zu essen holen oder zu trinken. Rauchen und sogar Unterhaltungen während der Vorführung waren selbstverständlich.

Die Brüder waren jung uns süß – sahen sich auch sehr ähnlich – und begannen als Family-Act hauptsächlich Gesangs- und reine Musikauftritte zu absolvieren, mit mittlerem Erfolg. In einer amerikanischen Kleinstadt – jeder der Brüder gibt in seiner Biographie einen anderen Ort an – kam es zu einem Zwischenfall. Jemand kam ins Theater und rief „A runaway mule!“ – „Ein Maultier geht durch!“, was das komplette Publikum dazu brachte, sich das einmal anzuschauen. Leer war das Theater.

Als sich die Gäste wieder einfanden, sahen sie einen wütenden Groucho, der sie mit spitzen Bemerkungen über ihr Verhalten, ihre Stadt und den Landstrich beschimpfte. Chico wollte das durch eine völlig überdrehte Klaviernummer auffangen und Harpo schlüpfte unter einen Teppich und kroch blind über die Bühne.

Das Ergebnis: Die Menschen schütteten sich aus vor Lachen! Seit diesem Tag, irgendwann zwischen 1910 und 1912 waren die Marx Brothers eine Comedytruppe.

Jetzt entwickeln sie auch ihre Archetypen. Groucho mit aufgemaltem Schnurrbart, wichitgtuerischem Gang und einer Zigarre im Mund, immer sarkastisch und wortgewaltig; Chico, der kleine Trickbetrüger mit italienischem Akzent und der stumme Harpo, der nur mit Pfiffen und Hupen kommuniziert. Zeppo, der privat als der witzigste der Brüder gilt, gibt in den Filmen den straight man, man könnte sagen, den Weißclown und obendrauf den cheesy romantic hero.

Bald wurde das Vaudeville zu klein und der Sprung zum Broadway gelang. Nach drei Musicals dort waren sie die bekanntesten Komiker der USA. Dann kam eine technische Neuerung ihrer Karriere zu Hilfe – der Tonfilm. Dort brauchte man Komiker, wie schon erklärt – also landeten die Brüder im Jahre 1929 in Hollywood.

Sie hatten 25 Jahre Bühnenerfahrung auf dem Buckel, ein reiches Repertoire an Sketches und waren alle schon über 40 – die Umsetzungen ihrer Broadway-Programme „Cocoanuts“ und „Animal Crackers“ waren Instant-Hits.

Dann kommt 1933 das erste Meisterwerk: „Duck Soup“ (bei uns: „Die Marx Brothers im Krieg“). In Europa erkrankte eine Nation nach der anderen am pompösen, heuchlerischen Faschismus und der Sehnsucht nach den alten, vorindustriellen Zeiten. Daraus machte die Slapstick-Truppe eine bittere, spitze Satire. Hier wurde übrigens die berühmte Spiegelszene geboren – kennst Du sicher, eigentlich ist der Spiegel kaputt, aber unser Held ahmt jede Bewegung des in den Spiegel Blickenden exakt nach – und ein Krieg wird beendet, indem der Gegner so lange mit Obst beworfen wird, bis er aufgibt.

Man wechselt, ab jetzt ohne Zeppo, zu MGM und die nächsten beiden Klassiker „A Night at the Opera“ & „A Day at the Races“ folgen. Ja, die Band Queen ihre Alben nach Filmen der Marx Brothers benannt.

„At the Circus“, „Go West“ und „The Big Store“ sind nicht mehr ganz so brillant und wiederholen viel Material. Wenn man zu viele Marx Brothers Filme hintereinander kuckt, spult man schnell die Piano- und Harfensolos vor. „Big Store“ ist erwähnenswert, weil es einem neuen Symbol des Kapitalismus gilt. Dem Kaufhaus. Man geht recht in der Annahme, dass es am Ende des Films komplett verwüstet ist.

So langsam nimmt man seinen Abschied und es ist nur Chico zu verdanken, der wegen seiner Spielsucht chronisch pleite ist und deshalb seine Brüder überredet, dass es noch zwei Filme gibt, nämlich „A Night in Casablanca“ & „Love Happy“.

Während der Prohibition, der großen Depression – der schwersten Wirtschaftskrise der USA und während Europa wegen der Nazis in seine größte Katastrophe marschiert, während dieser Zeit waren da Groucho, Harpo und Chico. Nichts und niemanden nahmen sie ernst, sie waren gleichzeitig bösartig und liebenswert, chaotisch und anarchistisch, musikalisch und derb und schufen einige der größten Filmkomödien.

Margaret Dumont muss auch erwähnt werden, denn sie war laut Groucho der fünfte Marx-Brother. In sieben Filmen des Trios spielte sie die noble, reiche Dame aus der Oberschicht, die von Groucho gleichzeitig bezirzt und veräppelt wurde. Bei einem Duo sind beide wichtig, oder?

Die Filme entsprechen sicher nicht den heutigen Sehgewohnheiten. Man sollte auch nicht vergessen, dass es sich um historische Filme handelt. Der erste Film ist beinahe hundert Jahre alt – der entspricht auch nicht mehr unseren gesellschaftlichen Gewohnheiten.

Dann kommt noch dazu, dass viele der besten Nummer – wie die erwähnte Spiegelszene – schon so oft kopiert wurden, dass man sie schon kennt.

Zum Abschluss möchte ich Groucho zitieren: „Hallo! Ich muss dann mal gehen!“

Quellen:

Wikipedia (en): Marx Brothers

Marx-Brothers.Org: The Marx Brothers Family

Wikipedia (de): Margaret Dumont

Youtube: Intro: Monkey Business 1931 Marx Brothers, full movie