Es heißt ja immer noch, die Deutschen hätten kein Humor. Besonders von angelsächsischer Seite. Ich möchte heute, chronologisch sortiert, die vier wichtigsten humoristischen Köpfe der Nachkriegsgeschichte vorstellen. Können wir was dafür, dass die im UK und in den USA keiner kennt?
Skript
Es heißt ja in den Ländern Angelsachsiens immer noch gerne, die Deutschen hätten keinen Humor. Wie Mr. Williams gerade erklärt hat. Man könnte jetzt argumentieren: Warum interessiert uns deren Urteil?
Und die Antwort wäre: Weil sie unsere Kultur geprägt haben. Darum glauben wir das selber. „So etwas wie Monty Python, das gibt’s halt in Deutschland nicht“, habe ich wirklich oft gehört. Ob man aber umgekehrt auf alles, was Jerry Lewis oder Benny Hill so produziert haben, stolz sein muss, kann man diskutieren.
Aber ich erkenne das grundlegende Problem durchaus an. Es könnte damit zusammenhängen, dass wir hier 1.000 Jahre wirklich nichts zu lachen hatten und damit meine ich 1933-1945.
Man kann sich nicht vorstellen, dass irgendwann auf den Nürnberger Parteitagen zu hören gewesen wäre: „Sie da! Gefreiter! Erzähle er dem Führer einen Scherz! Aber zack zack!“.
Und vor dem Führer war der Kaiser, da war die Gesellschaft auch durchmilitarisiert, die knapp 20 Jahre dazwischen haben halt nicht gereicht, um bei unseren Nachbar*innen anzukommen. Tucholsky, Kästner, Ringelnatz oder aber Trakl – das ist zu spezifisch deutsch, um sich gut übersetzen zu lassen.
Nach 1945 gab’s auch erst einmal nicht viel zu lachen. Erst das Fressen, dann der Humor, wie Bert Brecht nicht gesagt hat. Zusätzlich gehört zu Humor erst einmal die Fähigkeit, über sich selber zu lachen, und das haben ja schon unsere Nachbar*innen für uns erledigt.
Trotzdem. Es gibt einen spezifischen deutschen Humor und ich möchte das an viereinhalb historischen Beispielen darlegen, die im UK und den USA halt nicht bekannt sind.
Beginnen wir mit Heinz Erhardt. Der steht als erster wieder in den Trümmern und dichtet gar lustige Reime. Wie Ringelnatz und Morgenstern, vielleicht nicht so absurd, aber auch nicht ohne Biss.
Ich finde solche, die von ihrem Geld erzählen
und solche, die mit ihrem Geiste protzen
und solche, die erst beten und dann stehlen,
ich finde solche, Sie verzeihn, zum Kotzen.
Dem kann man sich nur anschließen. Erhardt sticht auch aus der Masse, denn der deutschen Nachkriegshumor sonst ist Klamauk. Da verkleidet sich Heinz Rühmann als Charleys Tante und das ist lustig. Deutschland mochte seine Clowns.
Eine Kerze also für Heinz Erhardt, der den Humor über die schwierigen Jahre gerettet hat und die zweite Kerze für Loriot.
Der musste sich langsam vom Klamauk hocharbeiten und viele seiner frühen Werke passen noch sehr gut in die Zeit, aus der sie stammen. Die knollennäsigen Herrn mit Melone waren durchaus Kinder der Fünfziger, aber sein Humor wird immer feiner und spitzer
Alle haben ihren Loriot-Klassiker, ich muss keine Beispiele nennen. Dann lasse ich das auch. Meiner Meinung nach, gibt es niemanden, der humoristisch gesehen, feinmechanisch genauer war als Loriot. Er ist die Atomuhr des Lachens. Beim Humoristischen ist das Timing wirklich alles. Das ist keine platte Floskel.
Auf eine gewisse Weise ist das also auch ein spezifisch deutscher Humor. Witz als Ingenieurskunst. Lachen durch Technik. Präzision statt Improvisation. Das klingt abwertend, aber so darf Kunst auch sein. Das ist eben Mondrian statt Pollock. Pachelbel statt Miles Davis.
Dann stand auf einmal, vielleicht als Antwort auf all die Perfektion, ein junger Mann mit langen, dünnen Haaren und einer Gitarre vor den Deutschen und stolperte sich durch sein Programm. Stottern, verhaspeln oder Wiederholungen trieben sein Tempo nur an.
Da wurde gesungen, gereimt, vorgetragen oder improvisiert. Die Pointen flogen ungefähr zehn Mal so schnell wie bei Fips Asmussen, jeder Halbsatz könnte die nächste beinhalten. Das war Otto Waalkes. Etwas völlig Neues für den deutschen Humor und bald gestützt von wichtigen Köpfen der sogenannten Neuen Frankfurter Schule.
Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr schreiben für Otto und machen seinen ersten Film zum damals erfolgreichsten deutschen Film. 14,5 Mio. Kinotickets bei einer westdeutschen Bevölkerung von 64 Mio., das muss man erst einmal nachmachen.
Otto hat aber zu seinem Geblödel und dem guten, alten, deutschen Klamauk durch Gernhardt, Eilert, Knorr auch eine intellektuellere Ebene – und die kommt genauso gut an. Das deutsche Humorpublikum ist viel schlauer, als man glaubt.
So kannte damals jeder natürlich „Greif die Liane, Jane“, aber jeder kannte auch „Angenagter! Ihnen wird zur Last gelegt, Sie hätten an dem Mast gesägt“.
In den Neunzigern habe ich Otto und Robert Gernhardt übrigens kennengelernt. Wir hatten ihnen damals das Konzept einer Multimedia-CD-ROM vorgeschlagen. „Otto – Die CD-ROM“, so der halbgeniale Name, nach dem Bestseller „Otto – Das Buch“.
Und so saß ich auf einmal auf einem Dachcafé in Passau und diskutierte mit den beiden. Einen Screensaver mit fliegenden Ottifanten-Toastern hatte ich schon programmiert – das ist damals witziger gewesen, als es jetzt klingt und wir haben auch unsere Muskeln gezeigt, wenn es um die Videokompression ging – damals das Multimedia-Geheimnis schlechthin.
Leider ist unsere Firma pleite gegangen, bevor wir das umsetzen konnten.
Für mich der nächste wichtige Humordurchbruch ist nicht Harald Schmidt und „Schmidteinander“, was wirklich eine Würdigung wert ist – Chapeau! – und auch nicht RTL Samstag Nacht, noch einen Chapeau, sondern … Helge Schneider.
Das scheint mir wieder etwas sehr spezifisch Deutsches zu sein. Da ist dieser brillante Musiker, der sich nicht zu schade ist, aufzutreten wie ein Clown, aber er verweigert konsequent die Pointe. In seiner Maskerade steckt der Klamauk der Fünfziger wieder, die und dann … nichts. Käsebrot? Ist ein gutes Brot.
Speziell in seinen ersten Medienauftritten ist spürbar, wie weder Moderator*innen noch das Publikum etwas mit ihm anfangen können. Ja, wir müssen lachen, aber – hey – keine Ahnung, warum. Was ist da los?
Umso ehrenvoller ist es, dass diese Zweifel seinem Erfolg nicht im Weg stehen. So, jetzt nimm‘ einmal bitte diese Lyrics und erkläre einem Angelsachsen, warum das witzig ist:
Eine Katze will immer zu fressen.
Ich gebe ihr was, ich geb‘ ihr was zu fressen.
Sie bezahlt nichts dafür.
Und das ist gut.
Die Katze frisst mir die Haare vom Kopf.
Eine Katze frisst den ganzen Tag.
Damit es ihr gut geht, will sie fressen.
Ich stelle ihr was hin.
Sie isst es auf.
Platz 17 in den Singlecharts. Deutschland.
Seit dem Katzenklo sind die Dinge humortechnisch sogar besser geworden. Ich weiß gar nicht, was ich noch hervorheben soll.
Dittsche würde mir einfallen, aber das wäre ja nur noch ein Mann. Ach: International erfolgreicher ist Mizzi Meyer. Kennst Du nicht? Das ist der Künstlername von Ingrid Lausund. Die hat „Schotty“ erfunden. Das ist der „Tatortreiniger“. Eine besondere Perle, alle Drehbücher von Mizzi.
Den haben die Angelsachsen für ihr Fernsehen aus Deutschland importiert. Geht jetzt in die vierte Staffel.
Müssen die Deutschen doch irgendwie wenigstens ein bisschen Humor haben, oder?
Quellen:
Youtube: Intro: WHY GERMANS HAVE NO HUMOR?