Dreizehn Meter lang, neun Tonnen schwer, die stärkste Beißkraft aller Zeiten – und winzige Ärmchen. Die Wissenschaft rätselt seit über hundert Jahren, was der T. Rex mit seinen lächerlichen Ärmchen sollte. Von Dinosaurier-Kuhkippen bis zur Amputations-Prophylaxe: Die Erklärungsversuche sind fast so unterhaltsam wie das Problem selbst.
Skript
So wie im Intro hat der Tyrannosaurus wahrscheinlich wirklich gebrüllt. Eher wie mein Opa beim Mittagsschlaf als die Version von Stephen Spielberg.
Vor „Jurassic Park“ war „Dino-Park“, denn so hieß das Buch, aus dem der Film wurde, in Deutschland. Das Buch war auch schon ein Bestseller. Ich habe dort zum ersten Mal von der „Chaostheorie“ gehört und ich habe zum ersten Mal davon gehört, dass Dinosaurier eher Vögel waren als Reptilien.
Ein Tyrannosaurus Rex kam im Buch auch schon vor, bei Stephen Spielberg wurde er aber – nach den Velociraptoren – zum internationalen Filmstar.
Das führt uns direkt zu einer der populärsten Fragen der Wissenschaft: Nein, nicht warum es mehr Materie als Antimaterie gibt, sondern: Was zum Teufel soll der Tyrannosaurus Rex mit diesen lächerlichen Ärmchen?
Die tyrannische Echse, Spitzname König, war dreizehn Meter lang. Sie wog neun Tonnen. Der Schädel alleine maß anderthalb Meter, die Zähne waren so groß wie Bananen und die Beißkraft wahrscheinlich die höchste, die es je bei einem Landtier gab.
Aber die Arme waren kürzer als die eines ausgewachsenen Menschen. Anders ausgedrückt: Hätte dieser ausgewachsene Mensch Tyrannosaurus-Arme wären die nicht einmal fünfzehn Zentimeter lang. Kann man sich nicht die Nase putzen mit und auch nicht die Fusseln aus dem Bauchnabel popeln.
KI: In ihrer weisen Voraussicht hat Mutter Evolution dem Tyrannosaurus auch keinen Bauchnabel gegeben. Und Erkältungs-Viren sind erst 300.000 Jahre alt.
Aber fangen wir vorne an, und vorne heißt: 1874. Ein Student namens Peter T. Dotson findet in Colorado einen Zahn. Einen einzelnen Zahn. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, was das für ein Tier war. Erst 1900 stolpert Barnum Brown in Wyoming über die ersten Knochen eines Skeletts. Zwei Jahre später findet er in Montana ein weiteres, und 1905 gibt Henry Fairfield Osborn, damals Präsident des American Museum of Natural History, dem Tier seinen Namen: Tyrannosaurus Rex. Er hatte aber auch mit dem Gedanken gespielt, dass vielleicht „Dynamosaurus imperiosus“ passender wäre. Hieße dann nicht mehr „T-Rex“, sondern „D-Imp“. Underwhelming.
Anfangs wusste man nicht, wie die Arme aussahen. Osborn kannte nur den Oberarmknochen und gab seinem ersten ausgestellten T.-Rex-Skelett – 1915 war das – kurzerhand längere, dreifingrige Arme, wie man sie vom Allosaurus kannte. Sah imposant aus. Man kann das im ersten King-Kong-Film von 1933 sehen.
Erst 1989 fand man mit dem „Wankel Rex“ in Montana das erste vollständige Armpaar. Die Reaktion der Paläontologie war wahrscheinlich: Oh. Oh nein.
KI: Und seitdem rätselt die Wissenschaft, was die Ärmchen für eine Bedeutung hatten.
Genau. Dazu gab es mindestens acht Theorien. Fangen wir an mit:
Theorie 1: Die hat uns Professor Osborn geliefert, der ja nur den Oberarmknochen zur Verfügung hatte. Die Ärmchen waren Teil des Liebesspiels des Tyrannosaurus, meinte er. Da paaren sich also zwei neun Tonnen schwere Tiere, indem sie sich an den Stummelärmchen festhalten, so Mr. Dynamosaurus.
Theorie 2: Barney Newan war 1970 der Meinung – immer noch mit der etwas größeren Armlänge in der Vorstellung, dass die Arme nur dazu da gewesen wären, dem T-Rex beim Aufstehen zu helfen, wenn er mal gestolpert und auf die Nase gefallen ist. Denn sonst hätte sich das Tier nicht umdrehen können, wenn es mal auf dem Bauch lag.
Theorie 3: Gregory S. Paul meinte 1988 – ein Jahr vor dem Fund von „Wankel Rex“, wir sollten uns nicht so viele Gedanken über die Ärmchen machen. Die seien einfach Rudimente. Wie die Flügel bei Kiwis – also nicht die Früchte, sondern die Vögel. Oder die Ohr-Muskeln beim Menschen.
Theorie 4: Jack Horner argumentierte 1994, dass die nutzlosen Arme ein weiteres Indiz für seine These seien, dass die großen Raubtiere in Wirklichkeit die Aasfresser unter den Dinos waren. Ein weiterer Beleg seien die kleinen Augen und das große Riechzentrum im Gehirn. Thomas Holtz hat diese These aber 2008 widerlegt: Denn es gibt direkte Beweise für Angriffe: Ein Edmontosaurus mit einer verheilten Bisswunde am Schwanz. Ein Triceratops-Schädel mit ähnlichen Verletzungen. Andere Überlebende von T.-Rex-Attacken.
Theorie 5: Kenneth Carpenter und Matt Smith waren 2001 der Meinung, dass die Arme zwar kurz waren, aber, biomechanisch durchgemessen, nachweislich stärker als beim Menschen. Der Bizeps alleine konnte 200 Kilogramm heben. Und an den Knochen fanden sich Stressbrüche und verheilte Verletzungen – Zeichen, dass die Arme massiver Belastung ausgesetzt waren. Carpenters Theorie: Der T. Rex hat seine Beute mit den gewaltigen Kiefern gepackt und sie dann mit den Armen an seinen Körper gedrückt, damit sie nicht entkam.
Theorie 6: Steven Stanley Beitrag zur Debatte stammt von 2017: Er meinte: Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt. Die Krallen sind zehn Zentimeter lang. Die konnten tiefe Wunden reißen, wenn der T-Rex sich auf seine Beute legte oder setzte oder sie mit den Kiefern festhielt. Nahkampfwaffen.
Theorie 7: Kevin Padian vermutete 2022, dass die kleinen Ärmchen ein Überlebensvorteil waren. Die Tyrannos jagten in Gruppen. Wenn sich dann das Rudel über die Beute hermachte, wären lange Arme wahrscheinlich schon einmal aus Versehen abgebissen worden. Als Stummel konnten sie den Reißzähnen des Nachbarn nicht in die Quere kommen.
Die momentan am meisten vertretene Theorie stammt von John Hutchinson. Er meint: Die Arme sind gar nicht geschrumpft. Der Rest des Körpers ist gewachsen. Kopf, Kiefer und Beine wurden priorisiert, die Arme mussten nicht mitwachsen. Kein aktiver Selektionsdruck auf kürzere Arme, sondern Ressourcen-Umverteilung im Wachstum.
Das ist ein bisschen wie die Rudiment-Theorie. Bei Paul sind die Arme ein Relikt (etwas Altes, das überflüssig wurde). Bei Hutchinson sind sie ein Nebenprodukt der Spezialisierung. Paul fragt: Warum funktionieren die nicht mehr? Hutchinson fragt: Warum hätten die mitwachsen sollen?
KI: Wow. Das ist die moderne Version von Occam’s Razor: Von mehreren möglichen Erklärungen für denselben Sachverhalt ist die langweiligste meist die wahrscheinlichste. Gibt’s auch etwas Interessantes zum T-Rex?
Wie wäre es mit dem Ende ohne Zähne? W. Scott Persons und Philip Currie haben 2010 gezeigt, dass der Schwanz des T. Rex viel muskulöser war als bisher gedacht. Am Schwanzansatz saß ein gewaltiger Muskel – der Musculus caudofemoralis – der den Oberschenkel beim Laufen nach hinten zog. Der T. Rex hatte, wenn man so will, ordentlich Pferdestärken unter der Haube. Zusammen mit den massiven Oberschenkelmuskeln war er schnell genug, um alles zu erwischen, was auf seinem Speiseplan stand.
KI: Also sind die kleinen Ärmchen am Ende gar nicht das Entscheidende?
Der T-Rex hat alles auf eine Karte gesetzt: Kopf und Kiefer. Die stärkste Beißkraft aller Zeiten. Zähne, die Knochen zermalmen konnten. Binokulares Sehen wie ein Raubvogel. Er hatte nicht zu kleine Arme. Er hatte einfach zu viel von allem anderen.
Wir können unsere Witze über den T-Rex machen, aber – zumindest wenn es um den Erfolg in Hollywood geht – ist Spezialisierung eben doch die bessere Strategie als der Versuch, alles können zu wollen. Die in Relation kürzesten Arme und absolut der längste Nachruhm der Geschichte.
KI: Gut. Dann kannst Du ja jetzt „Vielen Dank fürs Zuhören“ sagen.
Was mir aufgefallen ist: In dieser Sendung haben wir zehn Forscher zitiert – zwischendurch waren es sogar 14. Alles männliche Paläontologen. Interessant, oder? Laut der „Paleontological Society“ sind weltweit 48 Prozent der Studierenden Frauen, in Deutschland liegt der Frauenanteil bei den Professuren bei 13,3 Prozent. Das nennt man „Leaky Pipeline“ – aber das ist eine andere Sendung.
Quellen:
Riley Black: „Tyrannosaurus Didn’t Have the Nerve to Run Fast“,
Riley Black: „Tyrannosaurus Had Extra Junk in the Trunk“
Mark Strauss: „Tyrannosaurus Rex: Armed and Dangerous“
Riley Black: „Tyrannosaurus: Hyena of the Cretaceous“
Wikipedia (englisch): „Tyrannosaurus“