Große Zahlen für Dummies. Wie mich.

Unbeschreiblicher Reichtum, gigantische Entfernungen oder längst vergangene Zeitalter beschreiben wir mit Zahlen, die so abstrakt sind, dass wir sie nicht fassen können. Hier drei anschauliche Methoden, die dabei helfen können. Benötigt werden Obst und Nüsse, sehr viele Klebepunkte und mindestens ein Pezziball.

Skript

Hallihallo und willkommen beim Explikator, der noch nie eine Summe auf dem Konto gehabt hat, die er sich nicht vorstellen konnte. Nun gibt es aber arme reiche Menschen, die so viel Geld haben, dass sie es sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen können. Für diese armen Billionäre habe ich mir eine Analogie ausgedacht. Wobei ich die deutsche Billion verwende und nicht die amerikanische Milliarde. Dann geht es noch um die Entfernungen in unserem Sonnensystem und um die Vergangenheit.

KI: Fangen wir doch beim Geld an. Das interessiert mich am meisten, weil ich ja keinen Lohn von Dir bekomme.

Gut. Fangen wir doch beim Geld an. Stellen wir uns vor, so ein armer reicher Mensch leistet bei der Geburt seines Kindes folgendes Gelübde: Mein geliebtes Kind! Weil Du gar kein Geld hast und ich zu viel Geld habe, überweise ich Dir für jeden Herzschlag einen Euro Taschengeld!

Nun liegt die Herzfrequenz bei Neugeborenen bei durchschnittlich 120 Beats per minute. Wie bei „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees oder „Rumor has it“ von Adele.

Somit hätte das Billionärskind schon nach 24 Stunden satte 172.800 Euro verdient. Ab jetzt gehen wir von einer Herzfrequenz von 70 aus, um die Rechnung zu vereinfachen. Nach nur elf Tagen ist das Baby bereits Millionär*in. Gratuliere!

Aber jetzt wird’s interessant: Wann ist es denn Milliardär*in? Das dauert 27 Jahre und fünf Monate. Da braucht es das Geld wahrscheinlich schon, um in sein erstes Start-up zu investieren.

Aber so reich wie Papa wird das Kleine nie. Drei Milliarden Herzschläge ist so die ungefähre Lebenserwartung eines Menschen. Dank Medizin und Hygiene. Andere Säugetiere könnten nur eine Milliarde umsetzen. Dafür würde die Etruskerspitzmaus das schon nach 18 Monaten erreichen.

Hätte der Billionär dieses Versprechen allen tausend seiner Kinder gemacht und diesen tausend Kindern zum 27. Geburtstag gesagt: Kommt mal in die Zeche Bochum oder in die Muffathalle oder ins Prinzregententheater und nehmt euer Geld mit. Dann wären die Veranstaltungsorte gestopft voll mit Milliardären. Tausend Leute gehen da rein. Im Raum wäre dann eine Billion Euro.

KI: Okay. Ich war noch nie in der Zeche Bochum oder in der Muffelhalle oder im Prinzregententorte. Kann ich mir nicht vorstellen. Wie machen wir das mit dem Sonnensystem?

Dafür brauchen wir ein Fernglas, einen Pezzi-Ball, ein Senfkorn, zwei Blaubeeren, ein etwas größeres Pfefferkorn, eine Mandarine und zwei Walnüsse. Eine Stunde Zeit bräuchten wir auch.

Zuerst ruhen wir uns auf dem Pezziball aus und erklären, dass die Sonne jetzt der Pezziball. Nur nicht so groß. Nicht so heiß. Jetzt gehen wir schnurstracks gerade aus und nach 42 Metern legen wir das Senfkorn aus. Das taufen wir Merkur. Nach 80 Metern legen wir die erste Blaubeere aus. Die nennen wir Venus. Bei 110 Metern folgt sie zweite Blaubeere, namens Erde. Mit einer feinen Nadel (0,3 Millimeter) piksen wir ein Loch in die Blaubeere. Das ist Deutschland.

Der Mars, das Pfefferkorn folgt bei 115 Metern. Damit verlassen wir die habitable Zone. Im übertragenen Sinne! Für den Spaziergang wird kein Raumanzug gebraucht, auch wenn er das Ergebnis unvergesslicher machen würde.

Jetzt folgt ein längerer Spaziergang, denn die Orange liegt 400 Meter vom Pezziball entfern und heißt Jupiter, der Saturn liegt in Form der Mandarine bei 730 Metern. Erst nach einem Marsch von 1,5 Kilometern können wir die erste Walnuss ablegen und Uranus taufen und bei 2,3 Kilometern erreichen wir die Umlaufbahn der zweiten Walnuss. Die heißt Neptun.

Vom Neptun aus können wir mit dem Fernglas kucken, welche Planeten wir noch sehen können. Die Uranus-Walnuss vielleicht, die Saturn-Mandarine – aber sonst nur den Pezziball. Senfkorn Merkur sicher nicht. Und trotzdem können wir alle echten Planeten mit unseren Superferngläsern sehen. Und sogar fotografieren!

KI: Jetzt habe ich irgendwie Hunger bekommen! Können wir schnell die Geschichte abhandeln?

Du hast Hunger?

KI: Das sagt man so. Ich sage das immer nur so. Eigentlich ist mir langweilig.

Okay. Vergangenheit. Jetzt erklären wir den Pezziball zu einem Lebewesen. Nennen wir dieses Lebewesen „Plopp“. So ein Plopp kann fünfzig Jahre alt werden, dann verschwindet er und ploppt genau in der gleichen Form noch einmal auf – mit allen Erinnerungen. Ein Plopp ist außerdem unverletzlich und unsterblich.

Doch bei jedem neuen Plopp hat der Plopp immer einen neuen gelben Punkt, immer Kante an Kante zum Punkt vom vorletzten Plopp. Dafür verwenden wir Klebepunkte mit einem Zentimeter Durchmesser. Am besten in Gelb – Pezzibälle sind ja meistens grün. Für den besten didaktischen Effekt halten wir 17.000 Klebepunkte vorrätig – es gibt Päckchen mit 6.000 Klebepunkten für sechs Euro.

Kleben wir einen Klebepunkt auf den Plopp, dann haben wir das Jahr 1976. Da können sich die Älteren noch erinnern. Da wurde zum Beispiel der erste Apple-Computer gebaut. Die Viking-Sonde landet auf dem Mars. Sarah Chalke wird geboren. Das ist Elliott aus Scrubs.

Zwei Punkte und wir sind bei 1926. Es gibt keinen Fernseher und im Kino keinen Ton und keine Farbe. Dafür gibt es noch keine Nazi-Regierung. Leslie Nielsen wird geboren, bei uns hauptsächlich für „Die nackte Kanone“ bekannt.

Aber jetzt sollten wir etwas schneller kleben. Fünf Klebepunkte bedeuten die Französische Revolution, bei elf Klebepunkten wird Amerika entdeckt, bei 25 wird Karl der Große gekrönt. Für Jesus Christus brauchen wir 41 Punkte, für die Pyramiden 91.

Das klingt viel, aber schaut nicht nach viel aus, wenn wir sie aneinanderkleben. Wie schon gesagt: Wollen wir den Plopp voller Punkte machen, sind es über 17.000, was mit 888.000 Jahren ungefähr die Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens abdeckt.

Aber kleben wir noch etwas weiter: 107 Punkte für die Erfindung der Schrift, 240 Punkte für das Ende der Eiszeit und 380 für die Höhlenmalerei von Lascaux. Das ist immer noch eine kleine Fläche auf dem riesigen Plopp. Nicht einmal zwei Prozent der Gesamtoberfläche. Der Ball ist die gesamte Geschichte des Homo sapiens und diese zwei Prozent der Teil, den wir gut kennen.

Ach: Für den Australopithecus bräuchten wir übrigens drei vollgepunktete Plopps, für den Tyrannosaurus 74 Plopps. Aber wer will schon 1,3 Mio. Klebepunkte verkleben?

KI: Okay. Was ist mit Temperaturen, der Expansion des Weltraums und der Dummheit der Menschen? Kann man das auch didaktisch wertvoll aufbereiten?

Vielleicht. Aber heute nicht. Heute sind wir genug gelaufen, haben genug Herzschläge investiert und haben zu viel geklebt.

Wenn ich mir auch wünschen würde, dass die Geschichte der Menschen noch viele Plopps lang anhält und wir nach der Walnuss das Weltall im übertragenen Sinn noch kilometerweise erforschen, finde ich, dass es völlig absurd ist, dass ein Mensch eine Billion Euros oder Dollar oder Franken besitzt.

Sollte das passieren, dann ist etwas grundlegend kaputt.