Als die Beatlemania überall an Schwung aufnahm, castete man in den USA eine Look-A-Like-Band zusammen, um eine Slapstick-Fernsehserie zu drehen. Doch andere spielten und komponierten im Hintergrund. Der größte Pop-Skandal in den Sechzigern. Als die Monkees sich dann emanzipieren, ist der Skandal schon nicht mehr reinzuwaschen.
Skript
Die Beatles stellten die Musikwelt auf den Kopf. Die Musik ist zwar Krach, der Look furchtbar und dann noch die blöden Sprüche! Das haben sich die Männer mit den Zigarren gedacht. Um dann möglichst viel Kohle zu machen.
Die amerikanischen Männer mit Zigarren dachten sich: Eine Fernsehserie wäre cool. Wir haben da doch schon etwas in Entwicklung, oder? Smithers?
Im September 1965 sucht man also per Anzeigen in der Daily Variety und im Hollywood-Reporter nach geeigneten Kandidaten. Originaltext, übersetzt:
„WAHNSINN!! Vorsprechen. Folk- und Rock-Musiker und Sänger für Schauspielrollen in neuer TV-Serie. Durchgehende Rollen für vier verrückte Jungs, 17 bis 21. Muss Bock auf Arbeit haben.“
437 junge Männer stehen in der Warteschlange. Einer kann prima singen und er kann auch prima spielen, aber er kriegt den Job nicht. Sorry, Stephen, deine Zähne sind irgendwie schief. Und, unter uns, Dein Haar ist auch schon ein bisschen dünn. Aber kennst Du vielleicht jemanden, der bessere Zähne hat und ein bisschen nordischer aussieht?
Stephen Stills nennt Peter Tork. Sein Mitbewohner aus Greenwich Village. Dann trollt er sich und gründet lieber eine eigene Band. Die heißt dann „Crosby, Stills, Nash & Young“. Hat man auch schon einmal gehört, oder?
Die Idee zur Fernsehserie stammt von Bob Rafelson, einem jungen Filmemacher und seinem Kumpel Bert Schneider, der zufälligerweise einen Papa hat, der bei Columbia Pictures arbeitet. Und zwar als Boss.
Bobs Idee war eine Slapstick-Serie über Musiker zu machen, die verrückte Abenteuer erleben und dabei noch Singles produzieren. Noch vor den Beatles. Das fand aber Berts Papa nicht so toll. Slapstick sei ja eher Stummfilm.
Dann kommen die Beatles und ihr erster Film „A Hard Day’s Night“ wird zum Riesenerfolg. Der deutsche Titel übrigens: „Yeah! Yeah! Yeah!“. Ganz klar verrückte Musiker, viel Slapstick und – Mann – hat der Film Singles verkauft! Schon war das Konzept an NBC verkauft.
Die frisch gecastete Boyband besteht aus: Davy Jones, der schon am Broadway in Musicals gesungen hat, Micky Dolenz, ehemaliger Kinderstar der Serie „Circus Boy“, der eigentlich Architektur studiert, Peter Tork, der Mitbewohner von Stephen Stills und Michael Nesmith, ein texanischer Singer-Songwriter, der zum Vorsprechen mit seiner Schmutzwäsche unter dem Arm aufkreuzt und eine Wollmütze trägt, damit ihm die Haare beim Motorradfahren nicht ins Gesicht wehen.
Zu Michael gibt es eine Tangente, die ich unbedingt erzählen muss: Seine Mama hieß Bette Nesmith Graham, die bei einer Bank als Sekretärin arbeitete, aber schlecht tippen konnte. Um ihre Fehler zu überdecken, verwendet sie weiße Temperafarbe in einer Nagellackflasche. Daraus wird, sechs Jahre vor Tipp-Ex, „Liquid Paper“. 1979 verkauft sie die Company für 47,5 Mio. Dollar an Gillette. Michael wird davon die Hälfte erben und mit „PopClips“ den Vorläufer von MTV erfinden.
Die vier Monkees werden aber nicht wegen ihrer Musikalität gecastet, sondern, weil sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Um sie vorzubereiten, hören sie keine Beatles-Platten, sondern bekommen Filme von den Marx Brothers und Laurel & Hardy gezeigt. Aber keine Three Stooges – ein Monkee schlägt keinen Mit-Monkee. First rule of Boyband.
Die musikalische Seite übernimmt Don Kirshner, ein legendärer Musikproduzent mit einem Stall voller Songwriter. Carole King schreibt Songs für die Monkees. Neil Diamond schreibt Songs für die Monkees. Im Studio spielen die „Wrecking Crew“, die damals besten Sessionmusiker Hollywoods. Die Monkees selbst? Singen. Immerhin.
Die Fernseh-Serie startet im September 1966 und wird sofort ein Hit. Die erste Single, „Last Train to Clarksville“, geht auf Nummer Eins. Dann „I’m a Believer“, geschrieben von Neil Diamond — der meistverkaufte Song des Jahres 1967.
So wie es eine Beatlemania gibt, existiert jetzt auch eine Monkee-Mania. Dolenz erzählt, wie er in seiner Shopping Mall einkaufen will und erschrickt, weil anscheinend der Feueralarm ausgelöst wurde. Es ist aber eine schreiende Horde weiblicher Fans, die ihn erkannt hatte.
Aber, wie es bei Verschwörungen so ist, die Wahrheit kommt ans Licht. Anfang 1967 gibt Dolenz in einem Interview zu, dass Studiomusiker die Instrumente gespielt haben. Nesmith erzählt dem Saturday Evening Post: Wissen Sie, wie erniedrigend es ist, die Platten anderer Leute nachspielen zu müssen?
Die britische Presse tauft die Monkees die „Pre-Fab Four“, kurz für die Prefabricated Four und im Kontrast zu den „Fabulous Four“, den Beatles. Die Sunday Mirror nennt sie eine Schande für die Popwelt.
Man muss sich aber klarmachen, dass vor den Beatles keiner von einer erfolgreichen Band verlangt hätte, sie müsse selber komponieren. Die Latte war sozusagen während der Dreharbeiten höher gelegt worden.
Jetzt könnte die Geschichte ihr unrühmliches Ende nehmen, aber die Monkees wehren sich. Sie nehmen ihr drittes Album „Headquarters“ selbst auf. Es wird ihr dritter Nummer-Eins-Hit in Folge — bevor es eine Woche später von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von der Spitze verdrängt wird.
Nun spielen die Monkees die Instrumente selber und komponieren ihre Songs, aber keiner glaubt ihnen mehr. Nesmith sagte zum Beispiel: Als wir vor Tausenden Fans unsere Songs spielten, da wurde Pinocchio ein echter Junge.
Doch das Stigma, eine Fake-Band zu sein, werden die Monkees nie mehr los.
Als Nesmith John Lennon fragte, ob er die Monkees für eine billige Beatles-Imitation halte, soll Lennon geantwortet haben: „Nein! Ihr seid die größten komischen Talente seit den Marx Brothers. Ich habe keine einzige eurer Sendungen verpasst“.
Fast zeitgleich zu den Beatles trennen sich auch die Monkees. In den Achtzigern charten ein paar Hits wieder und es kommt zu gemeinsamen Konzerten. Die „45 Jahre Monkees“-Tour startet 2011 in Liverpool und wird auch in den Staaten ein Riesenerfolg. Jetzt, April 2026, lebt nur noch Micky Dolenz.
Auf Youtube gibt es das Intro der Fernsehserie – ist verlinkt. Das ist immer noch lustig und zeichnet auch ein Bild der Sechziger vor den Hippies und Woodstock. Wo übrigens der berühmteste Live-Auftritt von Crosby, Stills, Nash & Young stattfand. Und, stimmt schon, Stephen HAT dünnes Haar.
Quellen:
Youtube: The Monkees Intro
Listverse: 8 Pop Culture Misconceptions That Became True
Uncut: The inside story of The Monkees by their last surviving member, Micky Dolenz
Wikipedia (en): The Monkees