Mars den Marsianern!

Wir wollen den Mars besiedeln, sagen immer mehr zu reiche Menschen. Es gäbe auch genug Anwärter. Was aber, wenn es nun doch Leben auf dem Mars gäbe? Und wie klein müsste das Leben sein, um unsere Pläne zu ändern?

Skript

Es gibt da einen erzählerischen Trick. Man schafft für seine neue Geschichte ein Gesetz, an dem sich die Figuren abarbeiten. In „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury sind Bücher verboten, was eine Untergrundbewegung schafft, die Bücher auswendig lernen.

In der Filmreihe „The Purge“ werden einmal im Jahr für 12 Stunden alle Verbrechen legal. Reiche kaufen sich Opfer, während die Unterschicht gejagt wird. Und im Manga „Death Note“ stirbt die Person, deren Namen man in das Notizbuch schreibt. Dann wird es komplex, denn die Figuren nutzen die Grauzonen des Regelwerks als Waffe.

Am deutlichsten ist das Konzept aber vielleicht in „I Robot“ von Isaac Asimov, der drei Regeln der Robotik aufstellt und dann seine gesamte kreative Energie aufbringt, die Probleme der eigenen Regeln akribisch zu demonstrieren.

Und auch im Star-Trek-Universum gibt es eine eiserne Regel, die niemand brechen darf und die alle Captains und die eine Kapitänin aber nach Lust und Laune unterminieren. Die oberste Direktive: Eine überlegene Zivilisation hat die unterlegenen Zivilisationen in Ruhe evolutionieren zu lassen. Und ja, wer legt fest, wer über- oder unterlegen ist, wäre eine angemessene Frage, zu der ich eine ganze Reihe von Star-Trek-Episoden aufzählen könnte.

Bei Star Trek war es noch einfach: Hat eine Zivilisation den anscheinend unvermeidlichen Schritt getan, den Warp-Antrieb zu erfinden, war sie auch reif für die Schattenseiten anderer Technologie. Wie zum Beispiel romulanisches Bier, klingonische Blutsuppe oder die vulkanische Geistes-Verschmelzung.

Das wirklich Lustige an der obersten Direktive ist aber: Vielleicht halten wir uns schon daran.

1980, in der fünften Folge seiner Fernsehreihe Cosmos, mit dem Titel „Blues for a Red Planet“, denkt Carl Sagan über die Zukunft des Mars nach. Irgendwann, sagt er, werden wir den Planeten erkunden. Roboter kartieren ihn, Menschen hinterlassen Stiefelabdrücke in seinem roten Sand.

Und dann? Was machen wir mit dem Mars? Sagan formuliert einen Satz, der seither in jeder Debatte über Weltraumethik auftaucht: Wenn es Leben auf dem Mars gibt, sollten wir nichts mit ihm tun. Wenn es Leben auf dem Mars gibt, dann gehört der Mars den Marsianern — „even if the Martians are only microbes“. Selbst wenn die Marsianer nur Mikroben sind.

Bei Carl Sagan schützt diese nicht ausgesprochene Oberste Direktive einen Einzeller, der vielleicht in einer feuchten Gesteinsschicht hockt und von dem wir nicht einmal wissen, ob es ihn gibt. Für ihn hatte fremdes Leben Wert an und für sich — ein zweiter, unabhängiger Ursprung von Leben wäre ein Schatz, der jede andere Nutzung des Planeten aussticht. Auch wenn dieser Schatz mikroskopisch klein ist.

Nun könnte man sagen: schön und gut, aber reichlich überspannt. Und genau das sagt jemand und zwar sehr laut. Robert Zubrin, Raumfahrtingenieur und einer der hartnäckigsten Verfechter einer Mars-Besiedlung, nennt den ganzen Schutzgedanken 2017 in seinem Aufsatz „The Planetary Protection Racket“ schlicht einen Schwindel.

Seine Argumente sind nicht dumm. Es gebe, schreibt er, keinen einzigen Beleg für Leben auf dem Mars. Die Viking-Sonden hätten den Boden untersucht und nichts gefunden. Und ohnehin tausche die Natur seit Milliarden Jahren Material zwischen den Planeten aus: Meteoriten schlagen auf dem Mars ein, Bruchstücke fliegen zur Erde und umgekehrt. Wenn die Ansteckung mit Leben so leicht wäre, hätte sie längst stattgefunden.

Der ganze Schutz von sowieso nicht vorhandenem Leben ist viel zu aufwendig und viel zu teuer. Er steht der Erforschung, der Erkundung und der Nutzung nur im Wege.

Die andere Seite hält dagegen, und ist auch nicht zaghaft. Fachleute aus dem Planetenschutz – etwa John Rummel und Margaret Race – werfen Zubrin Strohmann-Argumente und unverantwortliche Behauptungen vor. Der Kern ihres Einwands: Abwesenheit eines Belegs ist kein Beleg für Abwesenheit.

Wir wissen nicht, ob der Mars tot ist. Und solange wir es nicht wissen, ist Vorsicht keine Bürokratie, sondern das einzig Vernünftige. Denn ein Fehler ließe sich nicht zurücknehmen. Hat man einmal irdische Mikroben ausgesetzt, kann man nie mehr sauber sagen, ob ein gefundenes Leben marsianisch war oder nur ein blinder Passagier von der Erde.

Und an dieser Stelle wird die Debatte plötzlich sehr konkret. Sie hört auf, eine Frage für Philosophinnen und Philosophen zu sein, und wird zu einer Frage für Ingenieurinnen und Ingenieure mit einem Terminproblem.

Ein Beispiel aus dem Jahr 2015. Der Rover Curiosity steht auf dem Mars, in Reichweite von etwas Aufregendem: Dunkle Streifen an Kraterhängen. Sie könnten auf flüssiges Wasser hindeuten. Wo Wasser ist, könnte Leben sein. Genau das, wofür man hingeflogen ist. Curiosity müsste nur hinfahren. Aber: Curiosity darf nicht.

Der Grund: Der Rover ist nicht sauber genug. Auf seinem langen Weg durch den Weltraum könnte er irdische Mikroben mitgeschleppt haben. Und man hätte ihn vollständig sterilisieren können, mit genug Hitze und Strahlung wird alles steril. Nur hätte dieselbe Hitze auch die Elektronik gegart.

Also hat man, wie es eine Wissenschaftlerin trocken formulierte, sterilisiert, so weit man sich traute. Das reichte nicht für eine mögliche Wasserstelle. Der Rover könnte sie kontaminieren. Er könnte den Mars mit Erde anstecken.

Und so steht eine Maschine im Wert von zweieinhalb Milliarden Dollar vor genau dem, was sie untersuchen soll, und muss kehrtmachen. Die Oberste Direktive, in Hardware gegossen.

Hach. Wie schön. Wir sollten diesen Moment der moralischen Überlegenheit unbedingt ausgiebig genießen. Denn, wenn wir ganz ehrlich sind: Sollte es handfeste wirtschaftliche Interessen geben, den Mars zu kolonisieren, dann werden wir das tun. Momentan gibt es sogar eine Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet Elon Musk die besten Karten haben könnte, wenn es um den Mars geht.

Und ein Elon Musk passt nicht so richtig in die Welt von Star Trek. Ich sehe ihn eher in Avatar. Oder in Alien. Wo Großkonzerne gewissenlos fremde Welten oder fremde Lebensformen ausbeuten. Mars den Marsianern! Aber nur so lange am Ende der Tabelle eine schwarze Zahl steht und keine rote.

Genug Zynismus. Mir geht es so, dass ich Elon Musk überhaupt nicht mit der Zukunft assoziiere. Er ist kein Visionär, er ist das Symbol eines veralteten Systems, das aus dem Ruder gelaufen ist. Er ist nicht der Steuermann der Arche Noah, sondern der Titanic.

Wenn wir Lebensformen auf dem Mars finden, sollten wir den Planeten von allen möglichen menschlichen und irdischen Einflüssen abschirmen. Wo die Grenzen der Erforschung dann sind, muss diskutiert werden. Wir sollten die oberste Direktive einführen.

Mars den Marsianern! Auch wenn es Mikroben sind

Quellen:

TheCollector : The Ethics of Space Colonization

Reactor (Tor) : Exploring Carl Sagan’s Cosmos: Episode 5, „Blues for a Red Planet“

The Marginalian : Carl Sagan’s Message to Mars Explorers, with a Gentle Warning

Reason : The Planetary Protection Racket

Science 2.0 : Debunked: The Planetary Protection Racket

Universe Today : Curiosity Rover’s Proximity To Possible Water Raises Planetary Protection Concerns