Michelangelo hasste die Sixtinische Kapelle

Nach sechs Stunden in der Warteschlange wird man in einen großen Raum geführt, den Michelangelo mit Nackten bemalt hat. Nicht nur Goethe hält das für ein unvergleichliches Meisterwerk. Ich nicht. Und Michelangelo auch nicht. Beweise liegen vor.

Skript

Heute befinden wir uns in der Sixtinischen Kapelle. Ihr wisst schon, das ist dieses große Zimmer im Vatikan, 550 Quadratmeter, dessen Wände und besonders die Decke bunt bemalt worden sind. Das ist aber schon lange her und darum waren die Bilder nicht mehr bunt. Das passiert, wenn man 500 Jahre lang Kerzen brennen lässt.

Der Mann, der die Bilder gemalt hat und der Engelmichael auf italienisch hieß, war aber sehr berühmt und darum haben die Kunstkritiker ihn beim Anblick der nicht mehr bunten Bilder, den Beinamen „der Dunkle“ gegeben. Eine extra Farbschicht habe er verwendet, typisch für das Alterswerk sei das.

Denn bunt malen kann ja jeder, aber echte Meister, die könnten auch mit einer gedeckten Palette lebensnahe und größtenteils nackte Menschen darstellen. Ein Genie, dieser Engelmichael! Die Künstler des Rinamiscento waren eben alle Universalgenies. Die konnten malen, dichten, konstruieren, bildhauen, sezieren, tanzen und sogar Wein trinken und furzen gleichzeitig.

Dann kam ein japanischer Fernsehsender und hat alle Bilder renoviert. Regenwasser, Schmutz, Kerzenschmauch und die Verschandelung durch Jahrhunderte falscher Pflege wurden entfernt. Kein Scherz: Man hat die Fresken Jahrhunderte mit Brot und Wasser und in Härtefällen mit Retsina gereinigt. Dadurch die Verdunkelung des Dunklen.

Und siehe da: Knallbunt hatte er gemalt, der Michelangelo. War gar kein Dunkler, war ein Bunter. Na, sowas! Das war natürlich genial. Weil ja Michelangelo genial war. Ein Meister der Hochrenaissance eben. Weiß jeder.

KI: Wir befinden uns, wie immer in Deiner Plüschkabine und nicht in der Sixtinischen Kapelle. Das ist nur ein Hall-Effekt. Machst Du das, weil Du Michelangelo nicht magst?

Weil er ja so genial ist, war die Warteschlange am 13. Juni 2006 auch vier Stunden lang, was unsere Dreizehnjährige und den Elfjährigen äußerste Geduld abverlangte. Dann standen wir in der Sixtinischen Kapelle, es war wohl um ein Uhr mittags.
Und, was soll ich darum herumreden: Ich war underwhelmed. Tut mir leid.

Ein Deutscher, der wirklich viel gesagt hat, sagte auch: „Ohne die Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff machen, was ein Mensch vermag.“

Da hat er recht, der Goethe. Das war sicher eine Schweinearbeit. Hat den Michelangelo ja auch zwei Mal vier Jahre und beinahe den Verstand gekostet.

KI: Ah, Du magst also nur die Sixtinische Kapelle nicht!

Ich mag sie nicht. Aber: Michelangelo hasste die Sixtinische Kapelle.

Zum Beleg gibt es eine Zeugenaussage. Von Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni, geboren am 6. März 1475 in Caprese in der Toskana, als es ironischerweise „L’insalata Caprese“ noch gar nicht gab. Der Ort nennt sich heute aber nicht Pomodoro, Bufalo, Basilico, sondern Caprese Michelangelo.

Dieser schrieb nämlich seinem Freund Giovanni di Pistoia von der Arbeit an den Deckenfresken und wählte die Form eines Gedichts. Ich zitiere die Übersetzung von Bettina Jacobson:

Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei’n,
Wie’s Katzen in der Lombardei geschieht
Vom Wasser, (oder wie man’s sonst wo sieht),
Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein.

Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein
Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht
Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht
Der Pinsel Mosaïken reich und fein.

Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt,
Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe;
Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich.

Vorn nimmt die Haut in Falten überhand,
Und hinten spannt sie über harter Kuppe,
Denn wie ein Syrerbogen krümm‘ ich mich.

So geht auch wunderlich
Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor,
Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr.

Such‘ nun, o Freund, hervor,
Was noch für meine toten Bilder spricht!
Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug‘ ich nicht!

Das Gedicht ist sprachlich etwas in die Jahre gekommen. Warum Katzen in der Lombardei ein Kropf wächst, ist mir unklar; das Harpien die Brust flieht, ist mir neu – aber es geht natürlich um die Körperhaltungen, die er einnehmen muss, um die Decke zu bemalen.

Er lag, stand, kauerte, kniete und er arbeitete ganz alleine. Nachts musste er außer Palette und Pinseln auch noch eine Kerze halten, um zu sehen, was er da machte. Über vier Jahre lang. Ich werde schon ungeduldig, wenn ich in eine Deckenlampe eine Glühbirne drehen muss.

Aber es gab für ihn keinen Ausweg. Er war zwar einigermaßen berühmt und hatte schon bedeutende Werke geschaffen, aber er war auch pleite. Und weil er so in die schwierige Arbeit vertieft war, gewann sein Konkurrent Raffael immer mehr Popularität, denn der konnte ja ungestört Content produzieren.

Nach dem ganzen Gejammer über die Arbeitsbedingungen, urteilt er aber auch über die Qualität seiner Arbeit. Er findet die Ergebnisse seiner Arbeit seltsam – ein anderes Wort für wunderlich – und nicht richtig, weil er beim Malen falsche Urteile trifft.

Darum wären seine Bilder tot, sagt Michelangelo.
Was daran liege, dass er eben kein Maler sei. Sagt Michelangelo.

KI: Kann man aber wirklich sagen, dass er seine Arbeit gehasst hat? Oder hast Du Dir das ausgedacht?

Natürlich können wir das nicht hundertprozentig sagen, aber wir haben, außer des Gedichts, auch andere Quellen, dass er seine Arbeit in der Kapelle für eine seiner schlechteren hielt, ganz vorsichtig formuliert.

Er hasste auf jeden Fall die unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die Dauer der Arbeit und den Arbeitgeber. Der war auch keineswegs angetan, sondern über die ganze Nacktheit entsetzt. Der Künstler Daniele da Volterra musste die ganzen Penisse und Brüste mitsamt Putz abschlagen und den Heiligen neue Klamotten malen. Das hat noch einmal zwei Jahre gedauert. Wir wissen nicht, welchen psychischen Preis er dafür zu zahlen hatte.

Auf dem Stirnwandfresko hat sich Michelangelo auf der abgezogenen Haut des Märtyrers Bartholomäus selber dargestellt. Jemand, der einen Foltertod erlitten hat. Denn, nachdem er noch einmal vier Jahre an diesem letzten Teil gearbeitet hatte, war er 66 Jahre alt. Es folgte noch ein Job für noch einen Papst. Danach legte er den Pinsel für immer aus der Hand.

KI: Gibt es ein versöhnliches Schlusswort?

Ich schätze Michelangelos Skulpturen und auch die erhaltenen Zeichnungen sehr, aber für mich ist er im Vergleich zu manchen seiner Zeitgenossen ein nicht so wichtiger Maler.

Trotzdem ist das vatikanische Museum die lange Wartezeit wert. In den Antikensammlungen war ich sieben Stunden so aufgeregt vor Begeisterung, dass ich nicht einmal gemerkt habe, wie die Zeit vergeht. Allerdings war das mein zweiter Besuch. Ohne Kinder.