Mann, Mann, Mann – wer oder was meditiert heute eigentlich nicht? Ich bin so alt, dass ich getrost behaupten kann: Ich habe schon meditiert, als es noch uncool war 😉 Es stellt sich mittlerweile die Frage: Muss man denn meditieren?
Skript
Ich meditiere ja, wie schon erwähnt, schon ziemlich lang. Ich habe dazu auch schon einen superniederschwelligen Einführungs-Podcast gemacht, der „Impetus“ heißt und bei Audible zu hören ist. Das ist auch schon zehn Jahre her.
Trotzdem erreichen mich zu dem Meditationspodcast immer noch mehr E-Mails als zu jedem anderen, außer der ersten Staffel Explikator.
Und seit ich angefangen habe, ist ja auch viel passiert. Bei mir war das Mitte der Achtziger und Meditieren war das denkbar Uncoolste, was man machen konnte. Klar, hatte einen coolen asiatischen Flair, aber roch sehr streng nach Askese, Versagung und ein bisschen nach religiösem Masochismus.
Damals habe ich zu meinem ersten Sesshin angemeldet, um eine junge Frau zu beeindrucken, die dann aber gar nicht auf dem Kurs war. Da hockte ich dann und wunderte mich, wie man so lange auf der Stelle sitzen kann.
Ich hatte am dritten Tag einen elaborierten Fluchtplan inklusive vorgespielter Krämpfen entworfen. In Wirklichkeit habe ich mich so auf meine Flucht konzentriert, dass ich aus Versehen die ganze Woche geblieben bin.
Und um ganz ehrlich zu sein: Auch das blieb immer gleich. Nach so vielen Sesshins bin ich am Anfang immer halb am Weglaufen. Ein Freund hat einmal gesagt: Auf dem denkbar besten Sesshin oder in der denkbar besten Gruppe fühlt man sich 65 Prozent wohl. Mehr ist Sekte und weniger ist nicht auszuhalten.
Aber jetzt habe ich mich restlos verplappert. Es geht aber um die Frage: „Muss man meditieren?“
Die ist mir in diesen drei einsamen Worten genau so gestellt worden und ich fand das sehr poetisch. Keine Ansprache, keine Abschiedsfloskel in der Mail.
Ich habe dann nur mit einem Wort geantwortet: „Nein“. Das ist im Vergleich antipoetisch.
Aber in Ruhe gelassen hat mich die Frage nicht. Ich wollte unbedingt wissen, was die fragende Person zu eben dieser Frage veranlasst hat. Mindestens eine halbe Stunde habe ich versucht, aufgrund der E-Mail-Adresse auf den Realnamen zu schließen und die Person zu googlen. Ja, ich weiß, das kann man anders machen. Aber nur das kam mir legitimiert vor.
Die Frageperson könnte denken, dass man meditieren muss, weil so viele Promis meditieren, oder? Hugh Jackman meditiert. Tom Hanks. Katy Perry, Lady Gaga, Alicia Keys, Ed Sheeran, Adele. Oprah Winfrey natürlich. Howard Stern. Joe Rogan, der allerdings sowieso alles macht, was nach Selbstoptimierung klingt. Novak Djokovic, Kate Middleton, Ray Dalio. Und viele mehr, die ich nicht kenne – mein Promiwissen ist veraltet.
Man könnte auch sagen, Meditation ist mittlerweile cool. Vielleicht sogar modern. Ich kenne persönlich Puristen, die diese Vorstellung für schrecklich halten. Ich finde es eigentlich prima. Mich stört eher, dass speziell Hollywood hauptsächlich TM betreibt und ich diese Form aus mehreren Gründen überhaupt nicht mag.
Aber die Wahrheit ist: Es gibt nicht den einen, richtigen Weg und warum sollte man nicht aufgrund von Mode zu etwas kommen, was einem wichtig ist?
Allerdings macht Dich Meditation weder reich, attraktiv noch berühmt, es sei denn, Du schummelst. Alle reichen Meditationslehrerinnen lügen, alle, die sich selber „anerkannte Zen-Meisterinnen“ nennen, lügen und wenn die Meditation in Dir den Wunsch auslöst, dass alle gerade Dich kennen sollten, dann machst Du meiner Meinung nach etwas grundfalsch.
Die Frageperson könnte den Wunsch haben, ein spirituelles Leben zu führen. Das spricht mich schon eher an, bloß der Begriff „spirituell“ ist mittlerweile genauso unbrauchbar wie „religiös“. Darum nehme ich persönlich immer gleich den letzteren. Das ist ehrlicher und abschreckender. „Spirituell“ klingt eher nach Preisaufkleber.
Denn das Spirituelle ist auf den ersten Blick vor allem ein guter Markt. Vielversprechendes Geschäftsmodell: Wenig Investition, hohe Marge. Die peinliche Wahrheit ist: Manchmal bin ich den Sahneabschöpfenden sogar neidisch.
Klar bin ich reich, weil ich in dieser europäischen Gesellschaft lebe, aber ich habe meist am Rand der Insolvenz balanciert und nicht immer erfolgreich.
Wenn ich jetzt mit meinen 40 Jahren Meditation angeben würde und behaupten würde, es gäbe eine andere, bessere – eben eine spirituelle Welt? Und dass man so die Missstände im eigenen Leben in den Griff kriegt? Das würde sich besser vermarkten lassen, als diese wirren Monologe des Explikators.
Es gibt aber keine verschiedenen Welten. Das wir dauernd alles akribisch trennen, ist ja irgendwie krankhaft. Geistige und körperliche Welt – so ein Quatsch! Gefühl und Verstand, Religion und Wissenschaft, Physis und Psyche, Bewusstsein und Unbewusstes – als religiöser Mensch möchte ich bemerken, dass es für diese Trennungen keine wissenschaftlichen Belege gibt.
Meditation ist eher: Du bist da, Du hockst vor der Wand, da ist eine Stubenfliege und die Knie tun schon wieder weh.
Oder aber die Frageperson hat ein Problem, dass sie mit der Meditation überwinden will. Das ist wahrscheinlich in den meisten Fällen so. Wenn ich so darüber nachdenke, war das ja sogar bei mir so. Ich wollte dadurch die Tatsache beenden, dass meine romantische Beziehung nur von einer Person ausging.
Das kann schwierig werden. Wenn man ganz spezifische Erwartungen vom Meditieren hat, dann wird man wahrscheinlich enttäuscht. Die Meditation hat selber ihre Schattenseiten, die Meditation kann selber ein Problem werden. Manches kann man nicht alleine bewältigen. Nicht in sich oder nur mit sich ausmachen.
Nicht umsonst haben sich die Modelle in Gruppen, mit Anleitung, in Jahrtausenden durchgesetzt. Eine erfahrene Vermittlung und Gleichgesinnte sind wichtig. Netz und doppelter Boden.
Aber: Ich glaube schon, dass es regelmäßige Meditation stützend wirken kann. Ob der Effekt im Vergleich mit einer anderen, regelmäßigen, täglichen Routine höher oder niedriger ist? Keine Ahnung.
Ganz ehrliches Fazit zur Meditation: Ich gehe davon aus, dass nur ein bestimmter, nicht sehr großer Prozentsatz der Menschen, dazu gebaut ist. Womit das zu tun hat? Keine Ahnung. Ich persönlich würde mich für ungeeignet halten, wenn ich mich kennen würde.
Ich habe in vierzig Jahren auch mehrmals viele Monate am Stück nicht meditiert. Ich habe die Meditation zwischendurch auch für die größte Selbsthypnose von allen gehalten.
Am Ende war ich wieder auf dem Kissen und habe auf die Wand gekuckt. Da war eine Stubenfliege und die Knie taten wieder weh.
Mit ist besser als ohne.