Popcorn, oder: Vom Eiskonfekt zum Eimer

Vor dem Popcorn gab es in deutschen Kinos Langnese-Werbung und dann Eiskonfekt im Saal zu kaufen. Doch das Geschäftsmodell musste sich, wie in den USA, wandeln und anpassen. Heute überleben Kinos nicht wegen der Filme, sondern wegen des Popcorns.

Skript

Warum isst man im Kino, wo man ja leise sein sollte, bevorzugt lautes Essen wie Chips, Nachos oder Popcorn? Gibt es da einen Zusammenhang? Ist das erst erlaubt, seit es Dolby Surround gibt? War es jemals verboten?

Als ich anfing, ins Kino zu gehen, aß man nämlich bevorzugt Eiskonfekt. Auch eine seltsame Sache, wenn man darüber nachdenkt, denn außerhalb des Kinos verkaufte Langnese seine Eispralinen praktisch nicht.

Das Eiskonfekt war ein Teil des Kinorituals. Jede Vorführung begann erst mit den preisgünstigeren Werbeformaten. Man sah ein Bild vom italienischen Restaurant um die Ecke, zusammen mit dem Hinweis, dass es nur zwei Minuten entfernt war.

Oder Anzeigen von Lokalzeitungen, die praktisch nur rund um den Vorführungsort gelesen wurden. Danach öffneten sich die Vorhänge noch ein Stückchen und es waren die Werbevideos zu sehen. Kinotypisch waren damals Zigaretten – Camel, Marlboro, Stuyvesant und Bacardi. Dann folgten Trailer zu anderen Filmen.

Endlich ertönte der Werbejingle „Like Ice in the Sunshine“ und ein Werbespot für Langnese. In diesem Moment wusste man, dass man die Werbung überstanden hatte. Es klingelte eine Glocke und während es in der Werbung hieß „Gibt es auch hier im Kino“, ging das Licht wieder an und jemand mit einem Bauchladen voller Eis verkaufte Eis. Vorwiegend eben Eiskonfekt. Vielleicht, weil es sich im Dunkeln leichter essen ließ als meinetwegen ein Nogger oder ein Magnum?

Aber Popcorn war die große Ausnahme. Dabei gibt es diese spezielle Maissorte – Zea mays everta – schon seit rund 6.700 Jahren. Schon im alten Peru ließ man den Mais poppen und hoffte auf die baldige Erfindung des Kinos. Oder auch nicht.

1885 baute Charles Cretors den ersten mobilen, dampfbetriebenen Popcorn-Automaten, der in den USA auf Jahrmärkten, Volksfesten und im Zirkus zu finden war, aber nicht in Theatern. Dort hatte man wahrscheinlich Bedenken, sich den Teppichboden zu versauen. Wir sind doch kein Rummelplatz, hieß es von den Betreibern.

Als es dann Kinos gab, machte man es den Theatern nach. Außerdem sollten die Knabbergeräusche nicht bei der Betrachtung des Films stören – schließlich gab es vor dem Tonfilm auf der Leinwand Texte zu lesen. Mit dem Tonfilm ging man davon aus, dass das Schmatzen übertönt wird. Trotzdem dauerte es auch in den USA bis zur großen Depression, dass sich das Popcorn im Kino durchsetzte.

Auch in Deutschland gab es schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts Popcorn, nachgewiesen ist zum Beispiel der Verkauf in den Kaisers-Kaffee-Geschäften in Berlin. Die neue Süßigkeit, die sich selber mit einem dramatischen „Pop“ ins Leben ruft, galt als Delikatesse, obwohl man aus irgendeinem Grund dazu schwindelte, der Mais stamme aus Ungarn. Warum auch immer.

Dann kam die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und auf einmal fanden sich amerikanische Soldaten fern der Heimat in einem Land, in dem es kein Popcorn gab. Also schickte man schon 1946 moderne Popcornmaschinen nach Deutschland, um den GIs ein Stück Heimatgefühl zu senden.

Der größte Teil dieser Soldaten kehrte wieder in die Heimat zurück, die Popcornmaschinen aber blieben und wurden auf Messen und Jahrmärkten eingesetzt – genau wie in den USA, bloß 50 Jahre später.

In den Achtzigern unternahm Dieter Buchwald eine Amerikareise und war von der Sitte, dass Kinos auch Mais poppten und verkauften, sofort angetan. Zurück in München griff er zum Telefon und fragte den Popcorn-Spezialisten Helmut Haase, ob er denn nicht auch so eine Maschine in seinem Kino betreiben könnte.

Und so wurde das Cinemakino in München 1983 das erste deutsche Kino, in dem es Popcorn zu kaufen gab. Im August 1984 gesellte noch das Kaskade-Kino in Kassel dazu.

Ein Jahr später, auf dem Filmtheater-Kongress in Baden-Baden hatten aber die meisten Kinobetreiber immer noch Vorbehalte. Dieser Aufwand und dann die Wartung! Die Lebensmittelsicherheitsvorschriften! Die Rauchgefahr! Die Brandgefahr! Und die verschmutzten Teppichböden. Und, wie einst in Amerika: „Wir sind doch kein Rummelplatz!“.

1990 entstand in Hürth, bei Köln, das erste deutsche Multiplexkino im Einkaufszentrum „Hürth Park“. Multiplexe sind einfach Kinos, in der Regel hässliche Neubauten, die über viele verschiedene Säle verfügen.

Hier gehörte das Essen- und Trinken-Verkaufen von Anfang an zum Konzept. Denn auch wenn man verschiedene Kinosäle hat, braucht man nicht für jeden eine eigene Theke. Seitdem gab es auch in den sogenannten Schachtelkinos kein Halten mehr und das Popcorn wurde auch in Europa so üblich, wie es das in den Staaten schon lange war.

Auch andere Trends haben wir dann schlicht kopiert. In den Achtzigern gab es eine einzige Tütengröße, die 70 Gramm Popcorn beinhaltete – mittlerweile gibt es XXL-Versionen, die 400 Gramm fassen. Dabei ist der Nährwert von gebuttertem und gezuckerten oder gesalzenen Mais ungefähr der von Pommes frites.

Natürlich sind auch die Preise weit über die Inflation gestiegen. Kaufte man im Cinema in München eine Tüte Popcorn noch für eine Mark, kann man in Großstädten für den Rieseneimer auch 9,50 Euro ausgeben.

Auch typisch amerikanisch ist die sogenannte „Decoy“-Technik bei der Preisgestaltung. Klein kostet beispielsweise fünf Euro, Mittel 7,50 Euro und Groß ist schon für acht Euro zu haben. Da kann sich wirklich jede und jeder das Preis-Leistungsverhältnis berechnen und hält sich für einen Sparfuchs, während er an seinem Eimer vorbei auf die Leinwand schauen muss.

Sann gibt es auch noch die Sparmenüs, wo man Nachos, Popcorn und Cola zum Kombipreis bekommt, was die Preise weiter verschleiert. Aber was tut man nicht alles dafür, einen angemessenen Kinobesuch zu erleben, indem man 30 Euro für Junk Food und zwölf Euro für das Ticket zahlt, um den fünften Teil einer Filmserie zu sehen, von der man eigentlich nur den ersten Teil einigermaßen mochte?

Doch wer sein Kino liebt, sollte trotzdem Popcorn kaufen. Denn vom momentanen Durchschnittspreis von zehn Euro für das Ticket, bleibt dem Betreiber erstaunlich wenig. Da wären 1,90 Euro Umsatzsteuer, vier bis fünf Euro für den Filmverleih – bei Blockbustern in den ersten Wochen noch mehr – und 15 bis 30 Cent für GEMA und die Filmförderungsanstalt. Bleibt ein Drittel. Nicht genug, um ein Kino zu betreiben.

Beim Popcorn ist das anders. Da ist die Tüte oft das Teuerste. Mais, Fett, Zucker, Hitze kosten für die mittlere Portion von sieben Euro fünfzig gerade mal 20 bis 30 Cent. Der Reingewinn liegt bei sieben Euro, die Gewinnspanne somit zwischen 80 und 90 Prozent.

Dank Popcorn besuchen wir also mittlerweile in Wirklichkeit Gastronomiebetriebe, die uns mit der Wiedergabe von Filmen nur in ihre Räume locken wollen, um Fast-Food zu verkaufen. Aber für gute Kinos gilt es, gewisse Opfer zu bringen. Hach. Dann bitte einmal XXL-Popcorn für mich!

Quellen:

Haase-Food: Popcorn Kino Know-How

Kulturwest: Gute Häuser, schlechte Häuser: Multiplex-Kinos

Compeso News: Kino Umsatz steigern: Ticket & Concessionverkäufe

Filmplus: Das musst du über Verleihkosten und Filmverleiher wissen

Intro: Youtube: Langnese Eis ‚Like ice in the sunshine‘ 1985