Es gibt etwas, das alle Menschen instinktiv tun; trotzdem ist es tabuisiert: Popeln. Eine Sendung über die Biologie in der Nase und über das Erlernen von Ekel und warum Popeln – trotz medizinischer Warnungen – völlig natürlich und normal ist.
Skript
Ich finde, dass „Ekel“ das seltsamste Gefühl ist, dass wir haben. Es gibt nicht viele Gefühle, die Brechreiz auslösen können, oder?. „Und dann wurde er so nostalgisch, dass er sich erbrach“, habe ich noch nie gelesen. Ekel sitzt irgendwie auch direkt auf dem Grenzbaum zwischen Affekt und Instinkt.
Aber warum sind Haare, wenn sie auf dem Kopf befestigt sind, mitunter sogar wunderschön, aber eklig, wenn sie in der Suppe schwimmen? Oder im Friseursalon am Boden liegen. Ich meine, vor fünf Minuten waren sie noch auf dem Kopf – nicht eklig – dann kommt die Schere, sie fallen zu Boden – eklig.
Oder Fingernägel. So wichtig, dass man sie sogar lackiert, dann schneidet man ein Stück ab und wenn das auf dem Badezimmerboden landet, ist es eklig.
Ekel ist vielleicht der Grund, warum niemand über Popel spricht. Ich stelle hiermit die Hypothese auf, dass Popeln in unserem Kulturkreis mehr tabuisiert ist als Selbstbefriedigung. Dabei ist die Wahrheit, dass die allermeisten Menschen sich selbstbefriedigen, aber genauso ist die Wahrheit, dass die allermeisten Menschen popeln. Ich würde sogar behaupten wollen: Alle Menschen. Einige wenige popeln vielleicht sogar beim Masturbieren, vermute ich. Denn es gibt ja bekanntlich jeden Fetisch.
Klären wir erst einmal die Biologie. Die allermeisten Menschen haben eine Nase im Gesicht und in dieser Nase sind sogenannte Schleimhäute installiert. Klingt ja auch schon nicht so lecker. „Schleim-Haut“. Diese Schleimhäute generieren den Schleim, der wissenschaftlich „Mucus“ heißt.
Das ist eine tolle Idee der Nase, denn dieser Mucus fängt aus der Luft, die wir einatmen, den Staub, den Dreck, aber auch Pathogene ab und schleimt sie ein. So kommen sie nicht in die Lunge.
In der Nase haben wir auch Wimpern. So eine Art Wimpern. Kleine Härchen, die man Zilien nennt und „cilium“ ist das lateinische Wort für Wimpern. Diese Härchen transportieren den Schleim den ganzen lieben Tag und auch die liebe Nacht Richtung Rachen.
Meistens schlucken wir diesen Mucus und auch die eingeschleimten Partikel, ohne es zu bemerken. So landen sie im Magen und werden von der Magensäure vernichtet. Auch eine gute Idee.
Anders ausgedrückt: Die allermeisten Popel essen wir, ohne es zu merken.
Es gibt aber eine kleine, technische Schwierigkeit. Eine Nase ist groß und es kann passieren, dass der Schleim zu schnell austrocknet. Dann können die Nasenwimpern ihn nicht mehr transportieren und er bleibt dummerweise in der Nase hängen.
Dann liegt er der normalen Transportfunktion im Weg und wächst solange, bis unser Körper ihn als Fremdkörper wahrnimmt, obwohl es sich eigentlich ja um einen Freundkörper handelt.
Das ist alles immer noch kein Problem, denn wir haben ja Finger und Fingernägel, die dann instinktiv in die Nase greifen, um den Popel zu entfernen. Sobald ein Neugeborenes sich präzise genug bewegen kann, wird es, früher oder später, in der Nase bohren. Nasebohren heißt übrigens auf wissenschaftlich Rhinotillexis.
Übrigens wird dieses noch unerzogene Beispielkind, noch unbeeinflusst von kulturellem Ekel, im Erfolgsfall den eroberten Popel wahrscheinlich in den Mund führen und schlucken. Das nennt sich Mucophagie und gilt sogar als noch ekliger, obwohl unser Körper das ununterbrochen tut, ohne das wir das bemerken. Magensäure ist ein guter Platz für einen Popel – medizinisch ist dagegen nichts einzuwenden.
Gut. Zum Tabu. In westlichen und den meisten fernöstlichen Kulturen ist Popeln etwas, was man nicht öffentlich macht. Die Absonderungen unseres Körpers sind in diesen Zivilisationen per se nicht mit positiven Gefühlen verbunden. Wir schwitzen ja nicht einmal gerne in der Öffentlichkeit, es sei denn, es ist mit Sport verbunden.
In vielen anderen Kulturen ist Popeln hingegen durchaus in Ordnung. Dafür gilt es aber oft als eklig, sich öffentlich und laut die Nase in ein Taschentuch zu schneuzen und das vollgeschleimte Taschentuch dann einzustecken. Kann man irgendwie auch verstehen, oder?
Mein geliebter Opa hat mir oft mit seinem Stofftaschentuch die Nase geputzt und es dann eingeschoben. Und mit den Taschentüchern war es so: In jeder Hose war ein anderes. Tage- vielleicht auch wochenlang. Sein Geheimnis.
Der Ekel vor dem Popeln ist also nicht angeboren. Es ist kein Instinkt, der uns vor giftigen Tieren oder Substanzen warnt. Es ist etwas, das wir von unseren Eltern gelernt haben.
Säuglinge zeigen nach der Geburt Ekel-Reaktionen nur, wenn sie etwa Bitteres schmecken. Man geht davon aus, dass dieser instinktive Teil des Ekels vor Vergiftung schützt. Wenn wir Erwachsene Bitteres mögen, dann haben wir uns das selber so beigebracht – Säuglinge würden keine Artischocken essen.
Aber sie empfinden noch keinen Ekel vor Fäkalien, Schleim, Popeln oder meinetwegen Erde. Mein Patensohn hat so gerne Erde gegessen, dass seine Eltern alle Blumentöpfe mit Fliegengitter abgeklebt haben.
Wir erlernen Ekel erst an den Reaktionen unserer Eltern. Wenn wir, wie uns von Mutter Natur so mitgegeben, im Triumph unsere Popel verspeisen, rufen die Eltern „Pfui!“, und – noch wichtiger fürs Erlernen – sie schauen angeekelt. Wir kleine Popelesser haben das Gefühl, dass sich die Eltern vor uns ekeln, wenn wir Popel essen und lernen die Lektion ganz schnell.
Wenn wir fünf Jahre sind, haben wir alle gesellschaftlich üblichen Ekel-Reaktionen schon erlernt und verinnerlicht und reagieren darauf körperlich, als wäre es uns so angeboren.
Es ist also nicht mehr „Popel essen – das macht man doch nicht“, wie z. B. in „Nazis wählen – das macht man doch nicht“. Die Reaktion ist körperlich. Was im Falle von „Nazis wählen“ auch eine wünschenswerte Reaktion wäre.
Übrigens muss ich aus juristischen Gründen erwähnen, dass alle medizinischen Quellen, die ich gefunden habe, vom Popeln abraten. Denn es ist mit gesundheitlichen Risiken verbunden.
Die größte Gefahr sei, dass man sich die Gefäße des Locus Kieselbacchi mit dem Fingernagel aufschneidet. Das ist ein Netz von Blutgefäßen auf der Nasenscheidewand, die besonders empfindlich sind. Das führt zu Nasenbluten, aber ist natürlich auch eine winzige, offene Wunde.
Das zweite Risiko ist, dass man mit den Fingern Erreger einschleust, die sonst ja von der Nasenschleimhaut abgefangen würden. Allerdings sitzen wahrscheinlich auf der Nasenschleimhaut mehr Erreger als auf den Fingern, aber man kann ja durchaus darauf achten, dass der Popelfinger nicht zu schmutzig ist.
Man sollte, so der Ratschlag, ein Taschentuch verwenden. Damit gemeint ist: Wenn man schon unbedingt, heimlich und im Verborgenen, popeln muss, dann soll man den Finger in ein Taschentuch einwickeln.
Ich kann aus einer ganzen Reihe an Versuchen berichten: Verwendet man Wegwerf-Taschentücher wie Tempo, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man danach Tempofasern aus der Nase entfernen muss. Verwendet man Textiltaschentücher, dann passt der Finger nicht mehr in die Nase. Und ich habe eine wirklich große Nase.
Meine persönliche Ekelbarriere ist folgende: Wenn ich eine Person heimlich beim Popeln beobachte, finde ich das witzig. Beobachte ich Mucophagie, finde ich das eklig. Trotz des theoretischen Wissens, dass das menschlich, allzu menschlich ist. Ich bin so erzogen worden.
Trotzdem: Wir popeln alle. Oder?
Quellen:
Wikipedia (en): Nose picking
IKK Classic: Ist Popeln gesund oder schädlich?
APA: Yuck! What disgusts us and why, with Paul Rozin, PhD
Sciencealert: Yes, Nosepicking Is Just as Gross as You Think
Youtube: Intro: The Boy Who Picked His Nose