Kultfilme gibt es viele, aber nur um einen hat sich ein buchstäblicher Kult entwickelt, der immer noch anhält. Alles Wichtige zur „Rocky Horror Picture Show“ und ein Versuch der Erklärung.
Skript
Auf Imdb gibt es eine Liste mit sogenannten Kultfilmen. Sie hat 1.110 Einträge. Da gibt es „Arsen und Spitzenhäubchen“, Sissi, Django, Casino Royale – aber der mit David Niven und Woody Allen, Easy Rider, Dirty Harry – ja, alles Filme, die immer noch geschaut werden und natürlich Fans haben – aber Kult?
Mittlerweile behaupten Werber schon vorab, dass dieser neue Film ein Kultfilme sei. Aber was ein Kultfilm wird, das entscheiden wir Zuschauer. Oft sind es Filme, die erst einmal scheitern, aber heimlich, still und leise ihr Publikum finden. „Blade Runner“ war ein Flop. Kritiker hassten ihn inbrünstig. Er habe dem Publikum nichts zu geben, sei so lahm, dass er einen Rollstuhl brauche, reine Zeitverschwendung und der langweiligste Film, den ich je gesehen habe – alles Zitate.
Alles Filme mit Hardcore-Fans, zugegeben. Aber – wo ist der Kult? Es gibt nur einen wirklichen Kultfilm und er heißt Rocky Horror Picture Show.
In München gibt es die Museum Lichtspiele, die den Film seit Juni 1977 ohne Unterbrechung zeigen. Das ist ein Weltrekord. In einem Jahr sind es dann fünfzig Jahre: Jeden Samstag und Freitag um 23:00 Uhr.
Der Kinosaal ist nicht nur ein Raum mit Leinwand und Stühlen – er ist ein Ort der Verehrung und darum hat er ein komplettes Rocky-Horror-Design. Es besteht keinerlei Gefahr, aus Versehen in den falschen Film zu laufen. Es ist ein Kult-Ort.
Zahlreiche Besucher tragen auch Kostüme im Stil von Frankenfurter oder der anderen Transsylvanier. Korsett, Netzstrümpfe, Strapse, Plateauschuhe, Glovettes und Schminke. Kult-Kleidung.
Jede Vorführung dieses uralten Films wird von Kulthandlungen begleitet. Ein unbefangener Erstzuschauer – von Fans als „virgin“ gefeiert – muss denken, er ist in die Fänge einer obskuren Sekte geraten, wenn er zum ersten Mal die Rocky-Horror-Erfahrung macht. Es gibt Kultgeräte und eine komplexe Liturgie.
Wenn der Kriminologe spricht, dann hat man laut „boring“ zu rufen. Wird Janet mit Namen erwähnt, zischt man „Weissss…“. Ist die Rede von Eddie, mahnt man „Scht!“ Bei Dr. Scott trampelt man mit den Füßen und macht „Huuuu!“
Während der Hochzeitsszene wirft man Reis. Wie es sich gehört. Wenn es bei der Ankunft in Dr. Frankenfurters place regnet, hält man sich – wie Janet auf der Leinwand – eine Zeitung über den Kopf und simuliert mit Wasserpistolen den Regen.
Beim Song „There’s a light…“ werden Wunderkerzen und Feuerzeuge angezündet. Bei der Geburt von Rocky wird getrötet und wenn er aus den Bandagen gewickelt wird, fliegen Klopapierrollen durch’s Kino.
Wenn Furter und Rocky ins Schlafzimmer schreiten, fliegt Konfetti durch’s Kino. Und erscheint Eddie, dann ist es Mehl – da wird das Kino kurz so neblig wie auf der Leinwand auch.
Singt Furter „Did you hear a bell ring?“ klingeln Glöckchen oder wenigstens Schlüsselbünde. Und bei der Textzeile „… cards for sorrow, cards for pain“ fliegen Spielkarten durch die Luft.
Schließlich noch mein Lieblingsritus: Wenn bei der Dinner-Szene – ihr wisst schon, mit dem toten Eddie – Frankenfurter sein Glas erhebt und sagt „Ein Toast!“ werfen alle mit Toastbrotscheiben.
Selbstverständlich wird während der Vorführung der Time Warp mitgetanzt. Mit den richtigen Schritten… „It’s just a step to the left…“
Klar, es gibt auch Fight Club, The Big Lebowski oder Pulp Fiction. Das mögen Kultfilme sein – aber Rocky Horror – das ist Kult. Rituelle Handlungen, regelmäßige Zusammenkünfte in eigens geweihten Orten, Kultgegenstände, Liturgie und eine spezielle Ordenstracht. Kultiger wird’s nicht mehr.
Was ist es aber, was diesen Film zum Kult macht?
Richard O’Brian ist der Kopf hinter Rocky Horror. Er hat Drehbuch, Musik und die Lyrics geschrieben, um „etwas zu tun zu haben“. Im Film spielt er Riff Raff, sozusagen der Igor von Frankenfurter, der an die Tür gehen und Besuch empfangen muss. Er singt den Introsong, die Lippen sind aber die von Magenta, gespielt von Patricia Quinn. Ein Song, den ich immer noch auswendig kann.
Für Richard war Rocky Horror eine Art von Coming Out. Drag war damals noch eine verheimlichte Art von Queerness, die mit dem Musical und dem Film eine große Bühne bekam.
Das wurde möglich durch den Glam Rock der frühen Siebziger. Es bedarf keiner Fantasie, sich den David Bowie der Ziggy-Stardust-Ära in der Rolle von Frankenfurter vorzustellen, vielleicht als Zweitbesetzung, wenn Tim Curry krank wird.
„Androgyn“ nannte man das damals und nicht nur David Bowie gab der Presse den Eindruck, sexuell nicht so eindeutig festgelegt zu sein auf feste Rollen oder Vorlieben. Es war die Zeit nach der Pille und der sogenannten „sexuellen“ Revolution und vor AIDS. Ein kurzes Zeitfenster, als Sex wie etwas schien, dass man einfach aus Spaß machen darf.
Die Begrifflichkeiten haben sich aber in fünfzig Jahren geändert. Wenn Frankenfurter singt, er sei ein „Sweet transvestite“, bedeutet Transvestit eine Person, die gerne Kleidung des anderen Geschlechts trägt. Das Musical und der Film und Glam Rock eignen sich das als Label einer Subkultur an und machen es möglich, darauf stolz zu sein.
Heute wird Transvestit nicht nur als veraltet angesehen, sondern auch als abwertend, wenn er auf Trans-Personen angewendet wird. Für die Identität hat sich stattdessen transgender als Begriff etabliert.
Ähnlich ist es mit „transsexuell“, ein Begriff, der damals Menschen bezeichnete, die einen Geschlechtswandel erwogen. In Musical und Film wird der Ausdruck eigentlich deckungsgleich zu „Transvestit“ verwendet und dient als Bezeichnung des Heimatplaneten der Transsylvanier.
Heute klingt er wie eine unangenehme Erinnerung an eine Zeit, als Transidentität als psychische Störung pathologisiert wurde.
Beides war aber damals Empowerment einer Queer-Kultur, einer Sub-Kultur, die sich in diesem Film zumindest dargestellt sah.
Auf jeden Fall wird die Rocky Horror Show, das Musical, ein Riesenerfolg. In London lief es ununterbrochen von 1973 bis 1980. 2.960 ausverkaufte Aufführungen. Übrigens mit beinahe dem gleichen Cast wie der Film – bis auf Brad und Janet. Am Broadway lief es erst einmal nicht so dolle, hat dort aber schon zwei erfolgreiche Revivals erlebt.
Klar, dass daraus ein Film wurde, eben die „Rocky Horror Picture Show“. Das passt auch, denn das Hintergrundthema sind ja die ganzen B-Movies aus Richards Kindheit, die damals nur in wenigen Kinos liefen, aber unser heutiges Kino mehr beeinflussen als die A-Filme dieser Epoche.
Wie die erste Bühnenshow floppte auch der Film in den Staaten. Die Kritiker verstanden nicht, was sie da sahen.
Aber da war dieses eine kleine Kino, wo jede Mitternachts-Ausstellung ausverkauft war. Weil immer die gleichen Leute kamen. Also schnitten die Produzenten den Film um, änderten auch das Ende und brachten ihn als Midnight Movie wieder in die Kinos. Das war damals eine neue Idee.
Und so kam dann der langsame, aber stetige Erfolg. Der Kult entstand. Und das ist ja auch verständlich. Wenn man in einem Saal sitzt, in dem alle den Film schon kennen, dann schaffen diese Riten eine neue Ebene des Filmkonsums. Das hat sicher mit witzigen Bemerkungen angefangen. Brad biegt einen Ast zurück – das Kino ruft: Pass auf, Janet, der Ast! und daraufhin schnalzt der Ast im Film der guten Susan Sarandon auf die Nase: Doppelte Freude. Das musste in Toastbrot enden.
Menschen wollten den Film gemeinsam immer wieder sehen. Sie wollten sehen, wie Brad und Janet, die im Amerika der Fünfziger losfahren, eine Panne haben. Die Fünfziger, als Doppelbetten im Film verboten waren und es in Entenhausen nur Onkel und Neffen gab und Tanten und Nichten. Dann klopfen sie an die Tür zu Frankenfurters Villa und Richard öffnet ihnen die Tür – vielleicht zu ihrer sexuellen Befreiung. In Frankenfurters House.
Wo Rollenbilder Spielzeug sind und nicht Dogma.
Quellen:
IMDB: Die Liste der Kultfilme
Youtube: Intro: Rocky Horror Shop – Saturday Night Live