Rodolfo Valentino, der schönste Mann der Welt

1926 starb ein 31-Jähriger in New York, und über 100.000 Menschen standen im Regen, um sich zu verabschieden. Rodolfo Valentino war das erste männliche Sexsymbol des Kinos – und niemand konnte erklären, warum. Schon gar nicht die anderen Männer.

Skript

Heute geht es um eine Zeit, als man das Wort „Hollywood-Star“ erst prägte. Filme waren noch schwarz-weiß und hatten keinen Ton. Je nach Veranstaltungsort wurden sie entweder von einem Orchester, einem Klavier oder gar nicht begleitet.

Trotzdem war das frisch dem Ei entschlüpfte Kino ein großer Erfolg. Die kleinen Cafès, in denen Film zuerst gezeigt wurde, reichten bald nicht mehr. Stattdessen wurden dem Kino jetzt Paläste gebaut.

Florence Lawrence wurde zum ersten Film-Star, das Publikum wollte mehr Filme mit dem „Biograph Girl“ – Biograph hieß das Studio – sehen. Ihr Erfolg machte dem Studio aber Angst, in Zukunft mehr Gage zahlen zu müssen, also hielt man ihren Namen geheim.

Die nächsten Stars wollte man selber basteln, damit man sie besser kontrollieren konnte. Und so nahm man Theda Bara und verwandelte sie in „den Vamp“. Sie sollte die männermordende Versuchung darstellen, dachten sich die Männer in den Studios und zündeten sich stolz ihre Zigarren an.

Womit niemand gerechnet hatte, dass der erste Superstar ein Mann war. Das hatten sich die Männer am Konferenztisch nicht ausmalen können. Sein Erfolg kam überraschend und schon war er wieder verschwunden. Der schönste Mann der Welt wurde nur 31 Jahre alt.

KI: Das war ja eine kurze Episode! Aber, das gefällt mir. Das sollten wir immer so machen!

Nein. Ich fange gerade erst an. Aber nicht von vorne, sondern von hinten. (Räuspert sich)

Als der schönste Mann der Welt zu Grabe getragen wurde, weinten die Himmel. Im Schaufenster von Frank E. Campbells Bestattungskapelle in Manhattan war sein Körper ausgestellt. Allen Trauernden sollte an diesem 24. August im Jahr 1926 die Möglichkeit gegeben werden, sich zu verabschieden.

Natürlich hatte Mr. Campbell geahnt, dass ihm diese Beerdigung Publicity bescheren würde. Darum hatte er vier Männer als italienische Faschisten verkleidet, die – angeblich auf Anordnung von Mussolini – die Totenwache hielten.

Doch niemand hatte geahnt, dass – trotz strömenden Regens – über 100.000 Menschen die Straßen bevölkern würden, sich Frauen aus Verzweiflung umbringen, dass die Schaufenster Campbells dem Ansturm nicht gewachsen sein würden. Eine Hundertschaft berittener Polizisten musste die Massen in Bahnen lenken, erst in der Nacht beruhigten sich die Trauernden.

Mit Rodolfo Valentino starb das erste männliche Sexsymbol des Films. Für Bara wurde das Wort „Vamp“ erfunden, für Valentino fiel den Zigarrenrauchern der „Latin Lover“ ein. Armselig im Vergleich: Etwas mit „Love“ und, ach, er kommt ja aus Italien.

Die Frage, welche die Studiobosse, aber vor allem junge Männer in den Zwanzigern quälte, war: Was finden die Frauen nur an diesem geschniegelten, pomadigen Tangotänzer im Kostüm eines Scheichs?

Aus Valentinos Leben wurde, nach seinem Tod, von Hollywood eine amerikanische Erfolgsgeschichte bekannter Bauart konstruiert: „Als Ausländer fand er selten einen Job und keine Wohnung. Er bettelte vor dem Restaurant um Essen, das ihn am Tag zuvor als Kellner entlassen hatte. Doch da war diese Sehnsucht, die …“ – yada, yada, yada.

Die Wahrheit ist hübscher. Als der achtzehnjährige Rodolfo Pietro Filiberto Raffaello Guglielmi im Dezember 1913 von Genua aus in die Neue Welt aufbrach, trug er einen Bankscheck über 4.000 Dollar bei sich und Visitenkarten mit einem erfundenen Familienwappen.

Seine Mutter hatte ihm eine Passage zweiter Klasse gekauft. Er buchte sich in die erste Klasse um, weil ihm das gesellschaftliche Umfeld in der zweiten nicht zusagte. Bei der Einreise gab er als Beruf „Landwirt“ an und schmuggelte in seinen Mittelnamen ein „dei Marchesi“ – man sollte ihn für den Nachfahren eines Marquis halten.

Im Herzen ein Bankrotteur, dichtete André Heller. Und tatsächlich: Valentino mietete eine Suite, dinierte bei Rector’s auf dem Broadway, und als das Geld nach wenigen Monaten aufgebraucht war, schlief er auf Parkbänken im Central Park und wusch sich unter Hydranten. Aber er arbeitete nicht etwa hart, um wieder auf die Beine zu kommen. Valentino hatte ein anderes Talent.

Sein Leben lang begegneten ihm – zum rechten Zeitpunkt – Frauen, die sich seiner annahmen.

In New York engagierte ihn die Tänzerin Bonnie Glass als Bühnenpartner, obwohl er bei ihr weniger verdiente als mit seinen vorherigen Engagements – dafür tanzte er jetzt im Winter Garden Theatre und im Palace Theatre. Als Glass heiratete und ihren Beruf an den Nagel hing, fand er Joan Sawyer, mit der er vor Präsident Wilson auftrat.

In Los Angeles, wo ihn niemand kannte, baute er sich eine Klientel wohlhabender älterer Damen auf, die ihn ihre Luxusautos fahren ließen. Die Drehbuchautorin June Mathis sah ihn in einer winzigen Statistenrolle und war so überzeugt von ihm, dass sie ihn gegen den ausdrücklichen Widerstand des Regisseurs in „The Four Horsemen of the Apocalypse“ besetzte.

Dieser Film wurde sein Durchbruch, mit „Der Scheich“ aus dem gleichen Jahr, wurde er zu einem Phänomen. Frauen wurden bei der Vorführung bewusstlos, hieß es. Der Film verdiente 1,5 Mio. Dollar an Tickets, hieß es. Rodolfoos Zukunft war gesichert.

Natacha Rambova, seine zweite Frau, übernahm Fanpost, seine Fotos, seine Kostüme und letztlich die gesamte kreative Kontrolle. In den ihm noch verbleibenden fünf Jahren drehte er noch elf weitere Filme. Seine romantischen Helden tragen Namen wie Ramon Laredo, Juan Gallardo, Don Alonzo Castro, Count Rodrigo Torriani oder eben Scheich Ahmed Ben Hassan.

Genauso verzweifelt und ratlos wie die alten Männer mit Zigarren waren die jungen Männer Amerikas, die bislang mit einem anderen Typ von Heldentum aufgewachsen waren. Ein Held, der sich schminkt? Tatsächlich wurden alle Schauspielenden damals geschminkt, denn der natürliche Hautton wirkte auf dem orthochromatischen Filmmaterial verwaschen. Gelb und rosa waren üblich.

Im Frühjahr 1926, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, erschien in der Chicago Tribune ein Artikel, der den angeschlagenen Stolz der amerikanischen Männerwelt verteidigte. In einer Herrentoilette in Chicago sei ein Automat aufgetaucht, der rosafarbenen Puder spendete.

Herrentoilette! Schminke! Der anonyme Autor sah den Untergang einer ganzen Generation von Männern voraus und fragte, warum man Rodolfo Valentino nicht rechtzeitig ertränkt habe. Er sei der Prototyp des verweichlichten amerikanischen Mannes. Frauen, so der Rat, sollten sich lieber an Douglas Fairbanks halten – das sei ein Mann!

Valentino war außer sich. Er forderte den anonymen Verfasser öffentlich zum Boxkampf heraus. Als der sich nicht meldete, organisierte er einen Schaukampf gegen den Boxredakteur der New York Evening Journal – mit Schwergewichtschampion Jack Dempsey als Ringrichter. Valentino gewann. Dempsey sagte hinterher, Valentino sei der männlichste Mann gewesen, den er je getroffen habe.

Am 15. August 1926 brach Valentino in seiner Suite im Hotel Ambassador zusammen. Ein perforiertes Magengeschwür, das eine Blinddarmentzündung vortäuschte – heute kennt die Medizin das als „Valentino-Syndrom“. Nach der Notoperation erwachte er aus der Narkose, und die erste Frage, die er seinem Arzt stellte, lautete: „Doctor, am I a Pink Puff?“ Bin ich eine rosa Puderquaste? Der Arzt antwortete, nein, er sei sehr tapfer gewesen.

Acht Tage später war er tot.

Kurz vor seinem Tod hatte Valentino den Journalisten H. L. Mencken um Rat gefragt, wie er mit dem Tribune-Artikel umgehen solle. Mencken riet ihm, die Sache auszusitzen. Aber nach Valentinos Tod schrieb er einen Nachruf, der ahnen lässt, wie es in diesem Mann tatsächlich aussah: Sein Erfolg sei für ihn hohl gewesen.

Jedes Mal, wenn die Massen gejubelt hätten, habe er sich innerlich geschämt. Imposter-Syndrom nennen wir das heute. Hier war ein junger Mann, der einen Traum lebte, aber unter eben diesem Traum litt.

Rodolfo Valentino.
Er wurde berühmt, weil er schön war.
Das war unmännlich genug.