Das Musical „Haare“ war in Deutschland ähnlich erfolgreich wie das amerikanische Original „Hair“. Über die Uraufführung 1968, den Cast, die Inszenierung und über meine Heimatstadt München. Über Haare an und für sich möchte ich lieber nicht reden.
Skript
Ich weiß gar nicht, ob ich es erwähnt habe, aber ich stamme aus München. Geboren und aufgewachsen. Zu den eigenen Wurzeln hat man ja oft eine seltsame Hassliebe. Ein komplexeres Gemisch an Emotionen, als man es für Orte hat, in denen man nur kurz lebt.
So ist München als Hauptstadt von Bayern natürlich eine irgendwie konservative Stadt und gleichzeitig progressiv. Hier wurde, nach Russland und Ungarn, zum Beispiel die dritte Räterepublik ausgerufen, aber hier fand auch der Nazi-Marsch auf die Feldherrnhalle statt.
Seit dem Krieg wurde um die Stadt herum gewählt, was die CSU gerade so im Angebot hatte, die Stadt aber war rot. Gewählt wurde eigentlich nur ein schwarzer Bürgermeister, denn der andere wurde 1945 von den Amerikanern eingesetzt. Momentan ist München grün.
It’s complicated.
Nehmen wir als Beispiel den 24. Oktober 1968. Das Theater an der Brienner Straße. Die deutsche Uraufführung des Musicals „Hair“. Das hatte erst im April seine Broadway-Premiere in New York.
Da durften alle Münchner, die sich eine Karte sichern konnten, auf der Bühne eine erstaunlich große Menge an Darstellern sehen. Die Protagonist*innen trugen Glockenjeans, Fransenwesten, Stirnbänder, Halsketten und hatten meist lange Haare. Männer mit langen Haaren!
Nun mag schon der Kleidungs- und Frisurstil für Widerspruch gesorgt haben, aber dabei blieb es ja nicht! Denn es gab Szenen, in denen die Darsteller*innen gar nichts trugen. Keine Kleidung. Nackert war’n die! Und es gab eine Szene, in der sie sich miteinander – nackt, man stelle sich das vor – auf der Bühne wälzten.
Ja, Kruzinesen! Des derf doch ned sein! Des ghert doch verboten!
Die deutsche Version hieß „Haare“, was eine ziemlich gute Übersetzung ist. „Haar“ wäre auch möglich gewesen, hätte aber zu Mißverständnissen geführt, denn so heißt ein Münchner Vorort. Es wird in Deutschland zum größten Musical-Erfolg seiner Zeit werden und sogar „Jesus Christ Superstar“ überholen.
Ausgedacht hatten sich das Bühnenwerk zwei Mitt-Zwanziger in einem Theater-Workshop. Alle gesprochenen und alle Liedtexte stammen von Gerome Ragni und James Rado, die Musik ist von Galt MacDermot.
Sie wollten über die Hippie-Bewegung schreiben und bei der Gelegenheit eine andere Form von Musical erfinden. Natürlich blieb die Grundform erhalten – Menschen sprechen normal miteinander, aber brechen aus ungeklärten Motiven spontan in gut orchestrierten und synchronisierten Gesang aus.
Doch „Hair“ nutzte außer der klassischen Grundform in den Jahren seiner Existenz auch Kabarett, Satire, Video-Einspielungen, Sketche, Lyrik oder Verfremdungsexperimente. Es wandelte sich und passte sich aktuellen Themen an.
Darum unterscheiden sich alle Versionen, die letzten neuen Tracks zum Beispiel stammen aus dem Jahr 1995. Nicht anpassen kann sich die berühmte Verfilmung von Milos Forman. Diese Version betont den pazifistischen Teil und endet auch anders als die meisten Bühnenversionen. Auch durfte Claude 1968, im Musical, noch bisexuell sein; im Film, aus dem Jahr 1979, nicht mehr.
Dieselbe Flexibilität bewahrten sich die deutschen Aufführungen des Musicals. Auch in Deutschland war natürlich Krieg, Frieden und die pazifistische Gegenbewegung ein wichtiges Thema.
„Spitzenfinger, Sonnensoße, Silberpapier, ein Bettfedernsturm oder graublaue Uniformen. Zum Teufel, wir wollen nicht so weitermachen. Ich will mein Haar nicht vom Stahlhelm frisieren lassen“, um das Programmheft zu zitieren.
Aber die Hippies auf der Bühne – im gleichen Programmheft durchgehend ‚Blumenkinder‘ genannt – bauten auch spezifisch deutsche Themenbezüge ein. Mit „Touristenladys“ oder „vaterlandslosen Gesellen“ hätte ein amerikanisches Publikum vielleicht noch etwas anfangen können, aber „HB-Männchen“ oder „Mainzelmännchen“ hätte es wahrscheinlich überfordert.
Auch in Deutschland war der Erfolg enorm. „Haare“ wurde zweieinhalb Jahre durchgespielt, an zwölf verschiedenen Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die deutsche Sheila, im Film Beverly D’Angelo, wurde von Su Kramer und Freya Weghofer gespielt und gesungen. Der deutsche „Berger“, im Film von Treat Williams verkörpert, war Reiner Schöne. Der war erst vor ein paar Monaten aus der DDR geflüchtet, wo er sich als Schauspieler und Liedermacher bereits einen Namen gemacht hatte. „Haare“ wird sein Durchbruch im Westen und beschert ihm sogar eine Karriere in Los Angeles.
Die Rolle von Claude, damals noch offiziell bisexuell, spielte ursprünglich Bernd Redecker, bis Jürgen Marcus den Part übernahm, bevor er in den Siebzigern ein berühmter Schlagerstar wurde.
Der Part von „Dionne“, wurde von Liz Mitchell und Donna Summer gesungen.
Die Uraufführung von „Haare“ in München war ein Erfolg, aber auch ein Skandal. Aber ein viel kleinerer Skandal, als man meinen möchte. Sicher zeigte sich der konservative Münchner Merkur pikiert über die Nackerten, aber der Bayerische Rundfunk kritisierte nur: Es handelt sich um eine „gekonnt inszenierte, etwas zu lange und bisweilen derben Unterhaltungsshow“. Der WDR amüsierte sich über den Kontrast zwischen den Blumenkindern auf der Bühne und der Schickeria in Abendgarderobe im Zuschauerraum.
Doch für die Münchner Bürokratie waren es trotzdem zu viele Nackerte. Sie stuften „Haare“ nicht als Musical ein, sondern als Musik-Revue. Die Unterschiede sind mir schleierhaft, aber der wichtige Unterschied: Eine Revue brauchte eine behördliche Genehmigung und die würde es in dieser Form nicht geben.
Produzent Werner Schmid und Regisseur Bertrand Castelli waren natürlich völlig anderer Meinung. Sie fühlten sich politisch gegängelt und erklärten, „Haare“ sei eine ganz neue Gattung: zeitkritisches Popmusiktheater.
Doch während der Diskussion schickte das Münchner Kreisverwaltungsreferat einen Bußgeldbescheid nach dem anderen und drohte, die Aufführung zu verbieten.
Also verschwand die nackte Kuschelszene unter einer Riesendecke, auf die das Wort „Zensiert“ gestickt worden war. Auch für alle anderen Nacktauftritte galt: Unter der Gürtellinie sind Textilien Pflicht.
Es stimmt nicht, dass jedes Marketing gutes Marketing ist, aber in diesem Fall dürfte der für heutige Verhältnisse bescheidene Skandal nicht geschäftsschädigend gewesen sein.
Donna Summer gefiel meine Heimatstadt so sehr, dass sie hier ihre Zelte aufschlug. Bis 1979. Die Wikipedia schreibt: „Sie eroberte die Hitparaden weltweit und verkaufte geschätzte 130 Millionen Schallplatten. Sie war 1977 und 1979 die erfolgreichste Musikerin in Deutschland und 1979 und 1980 die erfolgreichste Musikerin der USA.“
Zum Intro, übrigens. Zu „Gott hat’s mir gegeben – mein Haar“ möchte ich ergänzen: Mir persönlich hat er’s auch wieder genommen.
Quellen:
BR-Klassik: „Hair“ macht in München Furore
Wikipedia: Hair in Deutschland
Wikipedia: Donna Summer
Wikipedia: Reiner Schöne
Wikipedia: Jürgen Marcus