Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist nach hundert Jahren immer noch hochmodern. 350 Schauspieler sind bereits in seine Rolle geschlüpft, aktuell werden fünf Film- und TV-Projekte umgesetzt, die seinen Namen tragen. Warum eigentlich?

Skript

Le Chevalier C. Auguste Dupin ist der Protagonist der ersten Detektivgeschichte. Sie heißt „Die Morde in der Rue Morgue“ und ist verfasst von Edgar Allan Poe. Daraus machte Arthur Conan Doyle zeitlebens kein Geheimnis.

Wie bei Sherlock Holmes werden die Geschichten vom Assistenten erzählt und wie Holmes scheint auch Dupin manchmal dessen Gedanken zu lesen. Aber Holmes hat auch Ähnlichkeiten mit einem anderen berühmten Detektiv, Monsieur Lecoq. Tatsächlich thematisieren Holmes und Watson in „A Study in Scarlet“ die Vorgänger offen.

In dieser Geschichte beginnen die gemeinsamen Abenteuer, als die beiden Junggesellen von Geldnöten gezwungen werden, gemeinsam in der Baker Street 221 B einzuziehen. Dort ergänzt ihre Landlady, Mrs. Hudson, das Trio im Hauptquartier und es gilt nur noch auf die bald beständig eintrudelnden Kriminalfälle zu warten.

Monsieur Dupin mag der ersten moderne Detektiv sein, aber es besteht keinerlei Zweifel, dass Sherlock Holmes der Bedeutungsvollste war, ist und sein wird. Die IMDB behauptet, es gäbe über alle Zeiten und Nationen, mehr als 350 Darsteller, die ihn verkörpert haben. Aufgelistet sind aber nur 91. Momentan sind sechs Film- und TV-Produktionen in Entwicklung, die seinen Namen tragen. Er ist laut Guinnessbuch die am häufigste verkörperte Figur der Literatur.

Aber: Warum?

Denn: Sympathisch ist Sherlock Holmes auf den ersten Blick ja nicht. Arthur Conan Doyle ihm einen dicken Katalog an Schwächen mit.

Da wären nicht nur die Probleme mit dem Gesetz. Er mag ja der größte Kriminologe seiner Zeit sein, aber dieser Detektiv hat keinerlei Probleme, im Interesse seiner Klient*innen die Polizei anzulügen, Beweise zu unterdrücken oder sogar in Häuser einzubrechen.

Er ist auch bei weitem nicht allwissend. Watson listet seine Skills auf und vergibt Bestnoten nur für Stockkampf, Boxen und Fechten, knapp gefolgt von Sensationsliteratur. Eine Zwei gibt es für das Violinspiel, aber bei Literatur, Philosophie, Politik oder Astronomie gibt es die Note sechs.

Der berühmteste Detektiv der Welt ist ausgesprochen schlampig, ungepflegt und in so hohem Maß launisch, dass eine psychiatrische Diagnose, die während seiner Karriere populär wurde, angemessen scheint: Holmes ist nach den Maßstäben seiner Zeit manisch-depressiv. Bipolar, würde man heute sagen.

So erklärt sich vielleicht der Drogengebrauch, der meistens stattfindet, wenn es keine aufregenden Fälle zu lösen gibt. Da hilft Morphium, um die depressive Episode besser auszuhalten, oder aber eine siebenprozentige Kokainlösung, die er sich selber spritzt. Watson kritisiert ihn durchaus dafür, illegal war es damals übrigens nicht.

Aber da ist natürlich noch mehr. Sherlock ist im sozialen Umgang durchaus schwierig und kompliziert, schert sich kein bisschen, wenn er arrogant oder hochnäsig wirkt, und benutzt alle Mitmenschen für seine Zwecke. Das betrifft auch seinen Bruder Mycroft, auch ein eher unsympathischer Zeitgenosse, und man kann durchaus diskutieren, ob es nicht auch Watson betrifft, der immerhin am ehesten die Funktion eines Freundes erfüllt.

Es ist auch nicht so, dass er mit dem anderen Geschlecht pfleglicher umgehen würde. Holmes sagt über sich selbst, er sei „kein bedingungsloser Bewunderer des weiblichen Geschlechts“. Er finde „die Beweggründe von Frauen … unergründlich. … Wie kann man auf solch einem Treibsand aufbauen? Selbst ihre unbedeutendsten Handlungen können Bände sprechen.“

Weiter in seinen eigenen Worten: „Liebe ist eine emotionale Angelegenheit, und alles Emotionale steht im Widerspruch zu jener wahren, kühlen Vernunft, die ich über alles stelle. Ich würde niemals heiraten, um mein Urteilsvermögen nicht zu trüben.“ Er diagnostiziert sich selber: „Ich habe noch nie geliebt.“

Wenn da nicht Irene Adler wäre, die nur in „A Scandal in Bohemia“ vorkommt, könnte man denken, Sherlock wäre asexuell. Aber Watson vermutet hinter der rationalen Maske andere Gefühle, wenn er beschreibt, wie Holmes auf ein Photo von Irene Adler blickt.

Also haben wir einen durchaus gebrochenen Helden, was für die Entstehungszeit zwar keine unbekannte, aber doch eine ungewöhnliche literarische Entscheidung ist.

Also: woher der Erfolg? Nun ja…

Sherlock ist der Meinung, dass die Probleme der Welt zu lösen sind. Man hat nur auf alle Details zu achten, das Mögliche vom Unmöglichen zu trennen.

In den Büchern wird die Methode als wissenschaftlich erklärt. Holmes betont vielleicht auch deshalb, dass es wichtig sei, eine emotionale Distanz zu bewahren. Watson nennt sie Deduktion, doch eigentlich handelt es sich um Abduktion, also das Ableiten einer Erklärung für beobachtete Details.

Mit dieser Fähigkeit, die durch die bewundernden Augen von Watson wie eine Superkraft erscheint, wirkt er für viele Lesenden wie ein Vorbild, vielleicht wie ein Lehrer, für manche gar wie ein Meister oder Guru.

Wichtig ist die Zeit, in der Holmes das Licht der Welt erblickt. Es ist das Ende des 19. Jahrhunderts. Die Städte wuchern ins Unüberschaubare, London wird zum anonymen Moloch, in dem ein Mensch spurlos verschwinden kann.

Und mitten in diese verunsicherte Zeit tritt einer, der eine ungeheure Behauptung aufstellt: Die Welt ist eine komplexe, aber doch verstehbare Kausalkette. Nichts ist Zufall. Der Lehmspritzer am Stiefel verrät die Straße, die Schwiele am Finger den Beruf, die Abnutzung eines Hutes das ganze Schicksal seines Trägers. Wer nur genau genug hinsieht, für den ergibt das Chaos einen Sinn.

Das ist Holmes‘ wahres Versprechen – nicht, dass er Verbrechen löst, sondern dass die Welt überhaupt lösbar ist. Ein zutiefst tröstlicher Gedanke, fast ein religiöser, für ein Zeitalter, das gerade seine Spiritualität verloren hat. An die Stelle Gottes tritt die Wissenschaft, und einer ihrer Propheten heißt Sherlock Holmes.

Wir denken ja, dass wir in Zeiten leben, in denen die technologische Entwicklung die Menschen in ihrer unvergleichlichen Geschwindigkeit überfordert.

Arthur Conan-Doyle wurde 1859 geboren. Er starb 1930. In seine Lebenszeit fallen folgende Revolutionen:

Die drahtlose Telegrafie, das Radio und das Telefon. Man kann kaum überschätzen, wieviel kleiner das die Welt gemacht hat.

Dazu kommt die Fotografie. Damals dachte man, dass kein Mensch Maler braucht. Kunstmaler, meine ich. Und zur Fotografie kommt noch der Film.

Dann wäre da noch die Elektrifizierung der Schiene. Als Conan-Doyle auf die Welt kam, hatte London keine U-Bahn. Obendrauf noch das Automobil, das ab den Zehnerjahren zum Massenprodukt wird und nicht zu vergessen, die Luftfahrt. 1859 wurde noch angezweifelt, dass Menschen jemals fliegen, 1930 gab es interkontinentale Flugverbindungen.

Das Stromnetz und die elektrische Glühbirne. Der Phonograph und das Grammophon. Die Röntgenstrahlung, die moderne Bakteriologie, Impfungen, Narkose, das Penicilin und – für Holmes relevant – die Daktyloskopie. In deutsch: Das Fingerabdruckverfahren zur Identifikation.

Darum steht auch Sherlock Holmes für Vernunft und Wissenschaft. Er sagt selber: „„Ich bin ein Gehirn, Watson. Der Rest von mir ist bloß ein Anhang.“

Aber er ist selber ein schwieriger und gebrochener Mensch. Denn die reine Ratio, die reine Vernunft, ist zu kalt. Für uns und, wie wir immer mehr erahnen, je mehr wir von ihm erfahren, auch für ihn. Wir finden Zugang zu Holmes, weil er – genau wie wir alle – Probleme damit hat, dass zu fühlen, was er denkt.

Wir leben auch in Zeiten rasanter technologischer Veränderung, da hat sich wenig verändert. Wir haben viele neue Figuren entwickelt, die denselben Konflikt verkörpern. Am exemplarischsten würde mir da Spock einfallen, der ja tatsächlich unter einer Art Persönlichkeitsspaltung zwischen Emotion und Ratio leidet.

Also, vielen Dank, sehr geehrter Herr Holmes. Diese Episode ist zu Ende, aber wie haben Sie selber so schön gesagt: „Das Spiel ist eröffnet!“

Quellen:

Project Gutenberg: A Study in Scarlet

Guinness Book: Most portrayed human literary character in film & TV

IMDB: Actors who have played Sherlock Holmes