Endlich Weltuntergang!

Bald geht die Welt unter, glauben viele Menschen und noch mehr Christen. Besonders Evangelikale in den Vereinigten Staaten. Es scheint ein Baufehler im Christentum zu sein, der sich, besonders in den USA, in den letzten 200 Jahren so verstärkt hat, dass er mittlerweile auch die Außenpolitik beeinflusst. Eine Exegese.

Skript

Heute müssen wir einmal über den Weltuntergang sprechen, tut mir leid. Denn die Apokalypse im christlichen Sinn prägt momentan auch die Politik der amerikanischen Regierung. Das ist ein Faktor, der aber in europäischen Medien nicht so richtig verstanden wird, weil uns diese Vorstellung mittlerweile fremd ist.

Dieses Mal muss ich aber wirklich vor 2.000 Jahren anfangen. Zu einer Zeit, als das Christentum nur eine kleine, jüdische Sekte war. Deren Erfolg innerhalb des Judentums hatte zwei Gründe: Erstens war man Anti-Establishment – was in der heutigen Episode nicht so wichtig ist – und zweitens wusste man, im Gegensatz zu den Pharisäern und den Sadduzäern – dass das Ende der Welt und damit der Beginn des Reichs Gottes ganz kurz bevorstand. Wertvolles Insiderwissen. Man nennt das in der Theologie: Das frühe Christentum war eine eschatologische Sekte.

Darum steht auch im ältesten Evangelium, noch exklusiv für Juden verfasst, dass Jesus persönlich gesagt habe, dass noch die Generation seiner Hörenden den Untergang alles Weltlichen erleben werde.

Ein Datierungsproblem, dass bald korrigiert werden musste. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus schon äußern, dass niemand das Datum wisse. Nicht einmal Engel. Was wahrscheinlich auch moderne evangelikale Prediger aus Amerika einschließt.

Die aktuelle Erzählung vom kommenden Weltuntergang wurde erst vor 200 Jahren in den USA geschaffen. Sie ist nicht biblisch und hat auch keine lange Tradition, trotzdem glaubt die Mehrheit der Amerikaner, die sich christlich nennen, genau diese Prophezeiung. Ausgedacht von einem gewissen John Nelson Darby.

Kennt man diese Prophezeiung, erschließen sich auch eine ganze Reihe an Filmen und Serien neu.

Eines Tages in der Zukunft werden auf einmal die Gerechten direkt aus der Welt entfernt. Gleichzeitig verschwinden sie plötzlich, egal, wo sie sind. Flugzeug, U-Bahn, Auto, Kino – vielleicht hören sie gerade einen Podcast – und, zack!, nicht mehr auf der Erde, sondern im Himmel. Das nennt man Rapture. Auf Deutsch am besten „Entrückung“.

Dann folgen für die Nicht-Entrückten sieben Jahre so richtige Scheiße. Katastrophen noch und nöcher, Kriege, göttliche Gerichte. Für die Entrückten kein Problem, für alle anderen – die große Mehrheit – große Drangsal. The Great Tribulation.

Die nächste Stufe ist Armageddon, benannt nach einem Ort, der vermutlich in der Nähe von Megiddo in Israel liegt. Man kann kaum überbetonen, wie viel Mythos hier auf ein paar Bibelstellen lastet, die mühevoll aus dem komplexen Buch zusammengekratzt wurden. Auf jeden Fall: Die finale Schlacht!

Dass die Bösen überhaupt antreten, muss man Mut nennen, denn es steht ja schon fest: Am Ende kommt Jesus und errichtet in Jerusalem sein eigenes tausendjähriges Reich. Millennium hat das Darby genannt, lange bevor es das tausendjährige Reich der Nazis überhaupt gab.

Das wäre der ungefähre Zeitplan. Morgen vielleicht, dann sieben Jahre, dann tausend Jahre.

Und der wird in Amerika geglaubt. Diese Vision ist lebendiger als die heiligen Sakramente in Europa. 39 Prozent aller Erwachsenen in den USA glauben, dass wir in der Endzeit leben. 55 Prozent – die Mehrheit – glauben, Jesus werde eines Tages zurückkehren und herrschen. Bei den Christen sind es 75 Prozent. Schwarze Protestanten, so nennt sie die PEW-Studie, sagen wir einfach Baptisten, glauben zu 76 Prozent, dass sie persönlich die Apokalypse erleben werden; Evangelikale – egal welcher Hautfarbe – zu 63 Prozent.

Halten wir fest: Die Mehrheit der Amerikaner glauben, dass Jesus zurückkehren wird. Die breite Mehrheit der amerikanischen Christen glauben, dass sie es erleben werden. Vier von zehn aller Erwachsenen rechnen damit, dass die Welt in ihre Lebenszeit zu Ende geht.

Das darf man auch politisch nicht unterschätzen! Aber dazu später mehr. Wichtig ist noch, dass es wenige Chancen gibt, nicht auf ewig in der Hölle zu schmoren. Außer den Entrückten, die sich aus dem Himmel selig lächelnd anschauen, wie ihre geliebten Menschen sieben Jahre drangsaliert werden, schaffen es am Ende nur die Menschen, die sich an moralische Regeln halten, die wiederum überall aus der Bibel zusammengeklaut sind.

In den vier Evangelien spricht sich Jesus nicht ein einziges Mal gegen Selbstbefriedigung, Sex vor der Ehe, Homosexualität oder Alkohol aus. Nicht ein einziges Mal.

Man muss schon blind und blöd sein, um nicht zuzugeben, dass es ihm um Besitz geht. Immer und immer wieder. Eher kommt ein Schiffstau durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel. Ist halt im Kapitalismus keine bequeme Botschaft, lass‘ uns lieber Schwule verteufeln.

Wir haben in den USA einen Idioten im Amt, der sich für einen modernen Jesus hält und den die Mehrheit der fundamentalistischen Christen ins Amt gewählt hat. Diese Menschen hoffen auf die Apokalypse. Diese Menschen wollen, dass die Welt untergeht.

Das ist keine gewagte These, die Belege sind zahllos.

John Hagee, Gründer von Christians United for Israel, sagte am 1. März, dass man prophetisch durch den Krieg im Iran genau im Zeitplan der Apokalypse liege.

Sean Feucht, evangelikaler Aktivist, betete im März von „den endzeitlichen offenen Türen dessen, was Gott im Iran tun wird, wenn dieses Regime durch Gebet beseitigt ist“.

Trumps Außenminister Mike Pompeo orakelte schon 2019 in Jerusalem, dass der liebe Gott die Außenpolitik von Donald Trump lenken würde.

Greg Laurie, Pastor der Harvest Christian Fellowship, erklärt, dass schon die Tatsache, dass Persien, er meint Iran, ein Teil der Koalition gegen Israel ist, ein Beleg für die Endzeit sei.

Noch wichtiger: Das amerikanische Militär meldet 200 Beschwerden, in denen Soldaten von ihren Kommandeuren gepredigt wurde, dass der Krieg gegen den Iran Teil des göttlichen Plans für Armageddon sei.

Okay. Mal ganz nüchtern, nur Du und ich: Ist eigentlich doch irgendwie scheiße, wenn morgen die Welt untergeht, oder? Möchte man doch meinen. Trifft ja nicht nur mich, sondern auch meine geliebten Menschen und alle hundert Hörenden des Explikators.

Aber die Endzeit-Freude funktioniert auch anders: Wenn wir sowieso untergehen, warum sollte man sich um die Klimaprobleme kümmern, warum um die Hungernden, um AIDS, um Fentanyl, um Impfungen, um Renten – warum um Atomwaffen oder warum um Milliardäre, die die Politik bestimmen?

Du Zweifler, Du Ungläubiger! Das sind doch gerade die Symptome, dass bald alles am Arsch ist und dann Jesus höchstpersönlich kommt, um unsere ganze Unordnung aufzuräumen! Sterben müssen wir ja eh, aber so müssen wir wenigstens nichts verändern. Apokalypse – die Religion der Reaktionäre.

Kein Wunder, dass einem da angst und bange wird. Ich persönlich beziehe mich bei Endzeit-Ängsten lieber auf R.E.M. als auf die Bibel. Ich glaube, it’s „The end of the World as We Know It“. Das gilt für jeden Morgen und jeden Tag. Neue Probleme, neue Anpassung, neue Lösungen.

Quellen:

Pew Research Center: About four-in-ten U.S. adults believe humanity is living in the end times

Religion News Service As Iran war expands, some conservative Christians Interpret the conflict through biblical prophecies

The Conversation: When war looks like prophecy: How U.S. ‘end time‘ narratives frame the war with Iran

CNN Politics: Pompeo agrees it’s possible God raised Trump to protect Israel from Iranian aggression

Good Faith Media: Franklin Graham’s Crusade: Extremist Theology Behind Strikes on Iran

Premier Christianity: Is the US-Iran war a fulfilment of prophecy in Revelation about Israel?

Wikipedia: John Nelson Darby