Warum heißt Deutschland eigentlich in jedem Land völlig anders? „Italia“ bleibt in allen Nachbarsprachen erkennbar und das Vereinigte Königreich wird einfach nur übersetzt. Germania, Tyskland, Alemagne, Německo, Vokietija oder Bēsh Bi-tschah-hī Bi-kē-ja – da soll sich noch einer auskennen!
Skript
Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sagt auch mein italienischer Personalausweis. Geboren in Germania, deswegen bin ich ein Tedesco. Und da haben wir schon das Problem! Wo ist denn da der Zusammenhang? Warum bin ich kein Germano, warum komme ich nicht aus Tedeschia?
Wenn es um Deutschland geht, gibt es international ein wildes Durcheinander. Italien heißt bei allen Nachbarn irgendwie wiedererkennbar Italia, dabei ist das Land nur zehn Jahre älter als Deutschland. Woher kommt das Kuddelmuddel?
Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir mehr in der Mitte liegen und so viele Nachbarn haben. Und, wie schon gesagt, Deutschland gibt es ja erst seit 1871. Im Diskurs mit Nazis immer wieder wichtig, das zu erwähnen. Hat überhaupt nichts mit Germanen zu tun. Das heißt aber auch, einzelne Teile der heutigen Republik haben das Urteil der Nachbarn geprägt.
Darum ordnen wir das Ganze lieber nicht historisch, sondern linguistisch.
Fangen wir gleich mit „Deutschland“ an. Wir nennen uns selber „Deutsche“. Aber warum?
Da wäre eine indo-europäische Wurzel, die Theu-di-skas lautet. Das wurde im Altdeutschen zu „diutisc“ und bedeutet schlicht: „vom Volk“. Oder „von den Leuten“. Wie so viele Selbstbezeichnungen in allen Sprachen, bedeutet es schlicht: Einer von denen. Oder: Wir Volk halt.
Erst durch die römischen Einflüsse diente es zur Abgrenzung von Adel und Klerikern, die Latein sprachen. Deutsche sind also Menschen, die kein Latinicum haben. Die da oben, wir Deutschen.
Auch die Niederländer nennen uns dankenswerterweise „Duitsland“, die Schweden „Tyskland“ und auch das italienische „Tedesco“ stammt aus dieser Wurzel.
Allerdings heißt das Land für die Italiener „Germania“, genau wie für die Ungarn und beinahe genauso wie für die Briten „Germany“.
Das ist interessant, weil dieser Ausdruck im Kopf eines einzelnen Menschen entstanden ist, der rechtfertigen wollte, warum es sich nicht lohnte, das Land dieser frei erfundenen Germanen zu kolonialisieren.
Wir reden natürlich von Gaius Julius Caesar und damit auch von seinen Büchern zum gallischen Krieg. Seine Versuche, rechts vom Rhein Fuß zu fassen, sind alle gescheitert. Also erdichtete er ein eigenes, primitives Volk – die Germanen – die sich von den etwas zivilisierteren Galliern völlig unterschieden. Diese Germanen würden nur dafür leben, mit ihren Nachbardörfern in ständigem Krieg zu leben. Das wenige Nutzland, das sich in diesem endlosen Wald finden ließ, wäre deswegen dauernd verwüstet.
Tatsächlich gibt es keinerlei archäologische Hinweise darauf, dass sich die Bevölkerung links und rechts des Rheins irgendwie unterschied. Das Wort „Germanen“ hat sich Caesar ausgedacht, die wahrscheinlichste linguistische Wurzel ist ein keltisches Wort für „Nachbar“. Auch wichtig für Nazi-Gespräche: Germanen hat sich Caesar nur ausgedacht.
Dann sind wir ja auch noch Alemannen. Sagen die Franzosen, die Spanier, die Portugiesen und – seltsamerweise – die Türken, die das aus dem Arabischen extrahiert haben. Gleiche Wurzel wie die Spanier.
Diese Alemannen waren ein Stamm, der während der Völkerwanderung an der Grenze zu Frankreich landete und für die Sprachfärbung des Schwyzerdeutsch oder des Tirolerischen verantwortlich sein dürfte. Linguistisch eine sehr interessante Sache. Man könnte sagen, dass das Schweizerische dem Hochdeutschen schon einen Schritt voraus ist.
Wenn also die Alemannen durch ihre Geschwätzigkeit aufgefallen sind, stellt sich die drängende Frage, warum unsere slawischen Nachbarn uns als Stumme einstufen?
Denn die Wurzel für Niemcy im Polnischen, Německo im Tschechischen oder Nemačka im Serbischen ist die slawische Wurzel „Niemciv“, was schlicht und einfach einen tauben Menschen beschreibt, oder einen Menschen, der aus diesem Grund nicht in der Lage ist, eine verständliche Sprache zu sprechen.
Das ist keine seltene Zuschreibung. Im antiken Griechenland hießen alle, die kein Griechisch sprechen konnten, die Barbaren, was nichts anderes bedeutet, als die Menschen, die nur Quatsch reden. Rhabarber, Rhabarber, Rhabarber …
Dann gibt es noch eine interessante Ausnahme. Im Litauischen heißt Deutschland Vokietija, im Lettischen Vācija. Diese Wortherkunft, diese Etymologie ist heiß diskutiert. Am wahrscheinlichsten ist eine baltische Wurzel, die bedeutet, dass jemand zu laut redet.
Dann gibt es die exotischeren Varianten, nicht unsere Nachbarn. Da wäre zum einen Navajo, in dem Deutschland „Bēsh Bi-tschah-hī Bi-kē-ja“ heißt. Das bedeutet: Das Land, in dem die Leute Eisen-Hüte tragen“. Das bezieht sich natürlich auf die Pickelhauben und Stahlhelme auf den Fotos aus dem 19. und 20. Jahrhundert, der ersten Begegnung der Navajos mit deutscher Kultur und ist wahrscheinlich eine urban legend. Aber war zu schön, um es nicht zu erwähnen, sorry.
Dann ist Deutschland im Chinesischen das Land der Tugend. Das ist aber eher ein linguistischer Zufall und keine Anerkennung moralischer Überlegenheit. Vielmehr hat man versucht, den Klang des Wortes „Deutschland“ in der chinesischen Schrift, die auf Silben basiert, möglichst gut wiederzugeben.
Das Ergebnis klingt dann wie „Déguó“ und ist die beste Näherung. Das übernahmen auch die Nachbarn, darum sagt man in Japan Doitsu und in Vietnam Đức.
Daran sieht man auch, wie nahe das an „Dutch“ ist, tatsächlich macht das Vietnamesische da auch keine Ausnahme. Niederländer oder Deutsche – essen doch beide Würstel mit Kraut, oder?
Das bringt mich auf, sagen wir es überfreundlich, die Spitznamen. Denn ein anderer Ausdruck für Deutsche ist natürlich „Kraut“ im Englischen. Das ist im ersten Weltkrieg geprägt worden und bezieht sich natürlich auf Sauerkraut. Fermentierung ist nicht die Stärke der englischen Küche und so hat man auch geflissentlich übersehen, dass die französischen Verbündeten mehr Sauerkraut herstellen als die Kaisertreuen auf der anderen Rheinseite. Ist übrigens immer noch so.
Die Franzosen selber neigen eher zu „Boche“. Das hat man mir in der Provence 1983, mit einem Hakenkreuz, auf meine Ente geschmiert. Gott sei Dank nur in den Staub. Ich dachte zuerst, das bedeute „Wasch mich“! Aber wahrscheinlich kommt dieser Ausdruck von „tête de boche“, kurz: Holzkopf.
Im Niederländischen gibt es noch „Mof“. Die linguistische Wurzel ist unklar, aber die Verwendung für Saisonarbeiter ist schon für das 16. Jahrhundert nachgewiesen.
Im italienischen Reddit taucht manchmal „Crucchi“ auf. Das bezieht sich auf Österreicher und Deutsche, Schweizer sind nicht gemeint. Dessen Herkunft zu ermitteln, war aufwändig und interessant, trotzdem ist das Ergebnis nicht eindeutig.
Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass deutsche Kriegsgefangene in Jugoslawien das kroatische Wort für Brot – „Kruh“ – beim Betteln verwendeten.
Das reicht für heute. Cracker, Honky, M’zungo, Ang Mo und Gwailo müssen wir leider auslassen.
Deutschland ist eine Abstraktion. Ich, als Bayer, fühle mich seelenverwandter mit Österreichern als mit Holsteinern. Wir haben auch die Ostfriesen, die Westfriesen leben in den Niederlanden. Die Elsässer werden immer wieder ausgetauscht, die Sorben haben eine slawische Sprache und sind trotzdem Deutsche. Die Schweizer sprechen außer Französisch, Räto-Romanisch und Italienisch auch deutsch, aber keiner versteht sie.
Es ist nur zu verständlich, dass unsere Nachbarn sprachliche Probleme bei der Einordnung haben, oder?
Es ist okay, wenn wir beschließen, uns irgendwie zusammenzutun. Ich bin dabei. Europa wäre mir lieber, aber Deutschland, 83 Mio. Menschen, das ist schon okay. Ein Anfang.
Wir sollten nie vergessen, dass wir als ziemliche Newcomer auf der Weltbühne sind. Nicht einmal die gemeinsame Sprache ist besonders alt – es gab ja nicht einmal Germanen. Oder Tedeschi. Oder Niemci. Oder Kartoffeln.
Quelle:
Youtube: Intro: Stereotypes Germans Hate About GERMANY