Barbie, eine Chronologie

Es gibt wahrscheinlich kein Spielzeug, dass so viel Hass und so viel Liebe erfahren hat wie Barbie. Mit dem Film von Greta Gerwig, Noah Baumbach und Margot Robbie hat ihre Geschichte noch eine Wendung erfahren. Zeit für einen chronologischen Überblick über die wichtigsten Barbie-Puppen der Geschichte.

Skript

Ich gestehe, dass ich den Barbie-Film nicht toll fand und Oppenheimer auch nicht. Aber ich verstehe die positiven Kritiken. Ich verstehe, was Menschen an beiden Filmen gefiel. Aber ich mochte ja auch die Odyssee nicht, ich bin kein Maßstab.

Ob Barbie eine Ikone für frauenfeindliches Bodyshaming oder aber für feministisches Empowerment, möchte ich auch nicht beurteilen. Vielmehr stelle ich in dieser Folge einen historischen Überblick über die Geschichte der Barbie vor und überlasse Dir das Urteil.

Die Geschichte beginnt 1952 in der Redaktion der Bild-Zeitung, als Reinhard Beuthien den Auftrag erhält, sexistische, grenzwertig misogyne Cartoons zu zeichnen, deren Protagonistin eine Blondine ist, wie sie den Schönheitsidealen der sexistischen, grenzwertig misogynen 50er-Jahre entspricht. Beispiel: Lilly sagt im Cartoon: „Ich hatte eine Panne. Wäre da nicht zufällig ein Mechaniker vorbeigekommen, der Hand angelegt hat, wäre ich immer noch nicht da!“. Die Zeichnung zeigt ölige Handabdrücke an ihrem Hintern.

Der Erfolg führt dazu, dass schon 1955 eine Lilli-Puppe auf den Markt kommt. Mit verschiedenen Outfits, aber angeblich nicht mit Kindern als Zielgruppe, sondern mit Männern.

1956 entdeckt eine Frau namens Ruth Handler die Lilli-Puppe auf einer Schweizreise und kauft drei Exemplare.

1958 schlägt sie Mattel vor, die Idee der Lilli-Puppe zu klauen. Aber ihr Ehemann und der gesamte männliche Vorstand sind dagegen. Man startet eine Umfrage. Die Eltern sind auch dagegen, weil die Puppe eine Oberweite hat.

1959 kommt die Barbie auf den Markt. Das liegt daran, dass Ruth Handler und ihrem Mann die Firma Mattel gehört. Sie heißt „Barbie – Teen-age Fashion Model“ und kommt mit einem Zebra-Badeanzug und in blond oder brünett. Dazu gibt es 22 Garnituren an Klamotten. Im ersten Jahr werden 350.000 Puppen verkauft.

1961 erblickt Ken das Licht der Welt, vielleicht geschaffen aus einer Rippe von Barbie.

Im gleichen Jahr beginnt ein Gerichtsverfahren, weil Barbie ja eine geklaute Puppe ist. Man vergleicht sich bis auf Weiteres.

1962 schon gibt es das erste Barbie-House. Menschenfrauen bekamen ohne Einwilligung des Ehemanns noch keinen Kredit, wie Margot Robbie im Barbie-Film bemerkt. Allerdings war Barbies Haus damals noch aus Pappe.

1963 kommt Midge auf den Markt. Barbie kann jetzt babysitten. Dazu nimmt sie sich Lektüre mit. In der Packung ist ein barbiegroßes Buch. Vorne steht: „How to Lose Weight“, auf der Rückseite steht „Don’t eat“.

1964 kauft man die Rechte für die Lilli-Puppe für 21.600 Dollar und stellt sofort die Produktion ein.

Im gleichen Jahr erscheint „Skipper“. Eltern hatten sich gewünscht, dass Barbie eine Mutter sein soll. Mattel entscheidet sich für eine achtjährige, kleine Schwester.

1965 erscheint die Übernachtungs-Party-Barbie. Dieses Mal im Set eine Körperwaage, deren Aufkleber 110 Pfund zeigt. 50 Kilogramm. Barbie ist umgerechnet 1,75 Meter groß.

1965 fliegt Barbie als Astronautin ins Weltall. Zwei Jahre nach Valentina Tereschkowa, aber ganze 18 Jahre vor Sally Ride.

1968 kommt Christie auf den Markt, als neue Freundin von Barbie vermarktet. Sie ist Afro-Amerikanerin.

1971 kommt die Malibu Barbie. Zum ersten Mal schaut sie geradeaus aus ihren Pupillen, statt immer kokett zur Seite.

1974 fliegen Ruth und ihr Mann Elliott aus der eigenen Firma, weil sie ihre Finanzberichte gefälscht haben.

1975 folgt die „Growing-Up-Skipper“. Dreht man den linken Arm, wächst die Puppe einen Zoll und bekommt Brüste aus Gummi. Kastentext auf der Packung: „Two dolls in one for twice the fun.“ Zwei Puppen in einer für den doppelten Spaß.

Im gleichen Jahr tritt Gold-Medal-Barbie als Skifahrerin, Schwimmerin und Eiskunstläuferin bei den Olympischen Spielen auf.

  1. Weil Growing-Up-Skipper so viel schlechte Publicity bekam, erscheint nun Growing-Up-Ginger mit dem gleichen Pubertäts-Mechanismus im Arm. Denn die Verkaufszahlen stimmen.

1979 sind die Gummibrüste kein Thema mehr. Die neue „Super Teen Skipper“ wächst nicht mehr und der Busen bleibt klein.

1980 erscheint die Black und die Hispanic Barbie. Sie sind nicht mehr weiß, aber tragen trotzdem noch die kaukasischen Gesichtszüge.

1985 wird Barbie mit der Day-to-Night Barbie zum Yuppie. Rosa Kostüm, Aktenkoffer, Taschenrechner, wendbarer Rock für den Abend.

1988 erscheint „Doctor Barbie“. Gemeint ist nicht das Doktorat in Mathematik, sondern sie ist Humanmedizinerin.

1990 Mattel bildet eine Fokusgruppe mit afroamerikanischen Kindern, Eltern, Frühpädagoginnen und einer Psychologin. Die neue afroamerikanische Barbie erhält eigene Hauttöne, Haarstrukturen und Namen. Die Proportionen bleiben identisch. Wegen der Klamotten.

1991 wird Barbie, während des Golfkriegs von Präsident Bush senior, eine Air-Force-Pilotin.

1992 kann die „Teen Talk Barbie“ sprechen. Es gibt 270 Sätze, jede Puppe kann vier verschiedene. 1,48 Prozent der Puppen sagen „Math Class is tough“. Matheunterricht ist anstrengend. Die Presse schreibt aber, sie sage „Math is hard!“. Mathe ist schwierig. Großes Hallo, Umtauschaktion.

Im gleichen Jahr kommt „Totally Hair Barbie“. Die Haare reichen bis zu den Knöcheln. Die erfolgreichste aller Barbiepuppen. 10 Mio. Stück werden verkauft.

1997 erscheint „Share a Smile Becky“. Sie sitzt in einem rosa Rollstuhl, der – wieder großer Skandal – nicht in den Aufzug des Barbie-Dream-House passt. Die Architektur der neuen Häuser soll laut Mattel angepasst werden. Konnte ich weder veri- noch falsifizieren.

Im gleichen Jahr wird die Taille der Standard-Barbies verbreitert. Bislang war das Argument, Barbie wäre so unmenschlich dünn, weil sich Stoff und Druckknöpfe nicht so einfach 1:6 skalieren lassen. Nun entspricht es, laut Mattel, der neuen Mode aber besser, wenn sie keine Wespentaille mehr hat.

1998 erscheint eine neue, eigenständige Produktlinie, die „Really Rad“ heißt. Man könnte das mit „Wirklich cool“ übersetzen. Kleinere Brust, größere Taille, flache Füße.

2000 bekommt Barbie einen Bauchnabel. Sie wurde also als Mensch geboren.

2002 kommt „Happy Family Midge“ auf den Markt. Eine schwangere und laut Mattel auch verheiratete Frau. Man kann den Bauch aufmachen und das Baby rausnehmen. Angeblich protestieren Kund*innen, die Puppe würde Teenager-Schwangerschaften propagieren. Walmart nimmt das Modell aus dem Sortiment.

2009 erscheint die nächste afroamerikanische Überarbeitung, die noch realistischer sein soll.

2014 erscheint das Buch, eigentlich das Bilderbuch „I Can Be a Computer Engineer“. Barbie als Software-Designerin, die zwei männliche Freunde braucht, um ihren Laptop zu reparieren, am Ende aber den Ruhm einheimst. Wird nach Protesten eingestellt.

2016 Seit sieben Jahre bröckeln die Umsätze, meistens zweistellig. Es erscheinen in der Fashionista-Line die Modelle Groß, Zierlich und Kurvig. „Curvy“ entspricht der amerikanischen Größe vier. Kinder finden sie aber „fett“, zumindest in Interviews im Fernsehen. Keine belastbaren Zahlen zum Verkauf.

2019 klettert Barbie selber in einen Rollstuhl. Es gibt auch ein Modell mit abnehmbarer Beinprothese.

2020 hat Barbie Vitiligo, sagen wir zur Vereinfachung Pigmentstörung. Es gibt nun auch eine Barbie ohne Haare, eine Barbie mit goldener Prothese und Ken mit langem Haar. Die Vitiligo-Puppe wird einer der Jahresbestseller in den USA.

2022 bekommt Barbie Hörgeräte und Ken hat nun auch Vitiligo.

2023 erscheinen die erste Barbie mit Down-Syndrom und der Film mit Margot Robbie. Die Verkaufszahlen explodieren nicht, es wurden seit dem Film zwischen 19 und 25 Prozent mehr Puppen verkauft, je nach Statistik.

2024 erscheinen die erste blinde Barbie und die erste schwarze Barbie mit Downsyndrom.

2025 kommt Barbie mit Typ-1-Diabetes – Insulinpumpe, Glukosesensor, Handy zur Blutzuckerkontrolle.

2026 Es gibt jetzt die erste autistische Barbie, entwickelt mit dem Autistic Self Advocacy Network. Noise-Cancelling-Kopfhörer, Fidget Spinner, Tablet als Kommunikationshilfe. Der Blick ist nicht geradeaus, Hand- und Ellbogengelenke erlauben Stimming, das Kleid sitzt locker.

Zum Abschluss: Es gibt weltweit über 100.000 Sammler*innen, durchschnittlich 40 Jahre alt, die jährlich mehr als zwanzig Barbie-Puppen kaufen. Beinahe die Hälfte gibt im Jahr mehr als 1.000 Dollar aus.

So viel zur Barbie. Ich glaube nicht, dass Mattel etwas an dieser Chronik auszusetzen hätte. Viel Spaß beim Spielen – mit oder ohne Barbie

Quellen:

Wikipedia (en) : Barbie

Wikipedia (en): Totally Hair Barbie

Design Museum London : Barbie – The Exhibition

Princeton University Library : Skipper, Barbie’s Little Sister, Is Having Growing Pains

Fashion Doll Guide : Growing Up Skipper Doll

Newsweek : 61 Years of Barbie – See How She’s Changed With the Times

Newsweek : Barbie Fashionistas Dolls With Vitiligo and Hair Loss Launched by Mattel

CNN Style : Barbie unveils its first-ever doll with hearing aids

American Foundation for the Blind : Barbie Introduces First Blind Barbie Fashionista Doll

Youtube: Intro: If barbie girl was written in 2021

Und dazu die Empfehlung: Hannah Grae, der ganze Kanal