Die wichtigste Mahlzeit des Tages? Das Frühstück! Gut gelernt. Aber erstens behaupten wir das noch nicht lange, zweitens ist es eine gesponserte Marketingbehauptung und drittens gibt es keine wirklich belastbare wissenschaftliche Bestätigung.
Skript
Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages! Ohne Frühstück hat man nicht genug Energie, ohne Frühstück wird man übergewichtig und ohne Frühstück droht das baldige Ende der westlichen Zivilisation. Das haben uns unsere Eltern beigebracht. Das glauben wir alle. Klingt ja auch logisch. So traumatisch ist es für manche Kulturkreise, nachts nichts essen zu können, dass bei ihnen das Frühstück Fastenbrechen heißt.
Arme Engländer, arme Franzosen. Jede Nacht fasten zu müssen. Da sind wir in Deutschland prosaischer. Wir haben halt früh ein Stück. Morning Piece.
Die Botschaft ist aber in Deutschland angekommen. Wir glauben alle, dass das Frühstück eben die wichtigste Mahlzeit des Tages ist. Das hat ja irgendjemand mal als erster gesagt, oder?
Hat er. Beziehungsweise: hat sie.
Der Satz taucht 1917 auf, in einer Zeitschrift namens „Good Health“. Geschrieben hat ihn eine Diätassistentin, Lenna Cooper. Herausgegeben wurde „Good Health“ von ihrem Chef. Und der hieß Dr. John Harvey Kellogg.
Ja, richtig. Der mit den Corn Flakes. Der abgedrehte Gesundheitsapostel, der aus gesundheitlichen Gründen auf Sex, auch mit sich selbst, verzichtete und eine tägliche Darmspülung für das Natürlichste der Welt hielt. Menschen mit diesem Programm sollte man, glaube ich, nicht so recht über den Weg trauen.
Wobei der Geschäftsmann in der Familie sein Bruder war, Will Keith, der die Flocken in Serie gab und Zucker zufügen ließ — worüber sich die beiden jahrzehntelang zerstritten und vor Gericht zogen.
Wirklich groß gemacht hat den Satz dann eine Firma, der die Corn Flakes gar nicht gehörten. 1944 fuhr General Foods eine Kampagne für ihre „Grape Nuts“. Auch ein Cereal. Motto: Iss ein gutes Frühstück, mach einen besseren Job. Im Radio lief dazu ein Satz, den du kennst: Ernährungsexperten sagen, das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Sagen die. Die Ernährungsexperten. Während sie ihr Salär zählen.
Natürlich liegt es im wirtschaftlichen Interesse aller Beteiligten, das Frühstück zur wichtigsten Mahlzeit des Tages zu erklären. Abends, nach getaner Arbeit, sagt sich ja keiner: Ah, jetzt erst einmal gezuckerte Maisflädchen mit Milch übergießen!
Als Forschungsobjekt ist das Frühstück eine schwierige Sache. Historisch gesehen ist es auf jeden Fall eine Erfindung der Moderne. Klar hat man auch in der Antike irgendwann einmal seine erste Mahlzeit gegessen. Aber weder Griechen noch Römer wären auf die Idee gekommen, sich gleich nach dem Aufstehen erst einmal den Wanst voll zu hauen.
Im Mittelalter frühstückten in ganz Europa eigentlich nur die Kranken und die Alten. Das verdanken wir auch dem Einfluss der Kirche. Der große Scholastiker Thomas von Aquin führt mit großer Detailverliebtheit auf, warum das Frühstück ein Zeichen der Völlerei ist. Und Völlerei ist ja eine der berühmten Todsünden.
Eine erwachsene, gesunde Person hätte sich im Mittelalter geschämt, mit einem Nutellabrötchen oder einer Schüssel Müsli erwischt zu werden. So schlecht war das Image des Frühstücks.
Das änderte sich erst so langsam im 16. Jahrhundert. Natürlich war es der Adel, der mit den alten Vorstellungen brach und sich schon in der Früh einen Happen gönnte. Bis das bei der Bevölkerung unten ankam, vergingen noch einmal Jahrhunderte.
Und dann kam der große Durchbruch und auf dem ganzen Kontinent änderten sich die Gebräuche. Was aber nicht an einem neuen Rezept für Croissants lag oder der Erfindung der Orangenmarmelade. Die verbreitetste Erklärung dafür, warum wir in Europa frühstücken, lautet: Kaffee. Oder Tee.
Seitdem wir Coffein haben, frönen wir unserer Abhängigkeit am liebsten morgens. Und weil das den Kreislauf ordentlich anschubst, bemerkt man eventuelle Löcher im Bauch auch besser. Kaffee und Tee sind appetitanregend. Denn vor diesen Warmgetränken war es üblich, nach dem Aufstehen erst einmal ein Bierchen zu exen.
Diejenigen, die tatsächlich etwas aßen zum Frühstück, also Alte und Kranke und Völlerer, die hatten auch echt ein Stück früh. Ein Stück Roggenbrot. In der Regel. Manchmal mit etwas Käse, manchmal in Milch getunkt. Erst mit den Warmgetränken entstand dann eine größere Vielfalt. Und die Briten aßen bald Bacon, die Franzosen drechselten sich hübsche Croissants und wir begannen Marmeladen auf Weizenbrot zu schmieren. Guten Appetit!
Gut, das wäre geklärt. Frühstück ist eine Erfindung der Moderne. Die Römer, Griechen und die alten Rittersleut sind noch ohne zurechtgekommen. Aber ist es denn jetzt wirklich die wichtigste Mahlzeit des Tages? Bin ich nur leistungsfähig und gesund, wenn ich reichlich frühstücke? Frühstücke wie ein Kaiser, esse zu Mittag wie ein König und zu Abend esse wie ein Bettelmann. Rät der Volksmund.
Wie so oft, wenn es um Ernährung geht, spielt der Glaube eine größere Rolle als die Wissenschaft. Es gibt Ernährungsberatende, die auf Diäten schwören, die damit beginnen, dass man das Frühstück ausfallen lässt. Andere behaupten, dass das der sichere Weg zum Übergewicht sei, weil man später Heißhungergefühle entwickelt und sich dann unkontrolliert etwas Ungesundes reinstopft.
Und selbst, wenn es darum geht, was man denn frühstückt, befinden wir uns in Gottes Hand bei der Entscheidung. Die einen schwören auf Obst und Gemüse, die anderen spotten zurück: Das ist der sichere Weg in die Übersäuerung. Über Nacht eingeweichte Keime, das ist das Richtige!
Aber wo bleiben die Eiweiße? Am wichtigsten für den Körper morgens sind doch die Eiweiße, jammern aus der Ecke die Dritten. Das ist gerade falsch! Kohlenhydrate, sonst bleibt man ja hungrig, um noch eine Meinung zu hören.
Die wissenschaftliche Beweislage ist, wie schon gesagt, dünn. Auf den ersten Blick überwiegen die Forschungen, die betonen, wie wichtig das Frühstück ist. Menschen, die regelmäßig auf das Frühstück verzichten, so heißt es, erhöhen ihr Risiko, an Diabetes Typ II zu erkranken. Auch Kinder oder Kranke tun gut daran, den Blutzuckerspiegel nicht zu sehr schwanken zu lassen. Aber dafür reichen gegebenenfalls auch die zwei Löffel Zucker im Kaffee.
So richtig belastbar ist da wenig. Denn wenn man die Studien ignoriert, die von Firmen finanziert sind, die ein Interesse verfolgen — wie zum Beispiel Kellogg’s, Quaker Oats und Ferrero, also Nutella — dann bleibt nicht mehr so viel über.
Es ist wahrscheinlich nicht richtig, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist. Dafür gibt es nicht den Hauch eines Belegs.
Wichtig ist, was am Ende des Tages insgesamt gegessen wurde. Das Nutellabrötchen alleine macht nicht dick. Das Müsli alleine ist nicht zu süß, die Früchte alleine nicht zu sauer und der Bacon alleine nicht zu fett. Die Summe macht’s.
Wer am Morgen Hunger hat, esse. Worauf Lust besteht. Halt nur so viel, bis der Hunger weg ist. Und wer lieber eine halbe Stunde in die Kaffeetasse starrt, mache das. Wenn der Körper keine Hungersignale sendet, muss man sich nichts reinstopfen. Irgendwann essen auch die Kaffeetassenstarrer. Eine Mahlzeit ist immer die erste des Tages.
Quellen:
Pubmed: Effect of breakfast on weight and energy intake
Online-Library: Breakfast Skipping, Body Composition, and Cardiometabolic Risk
Huffposts: Lenna Cooper 1917 / Good Health
Priceonomics: Grape-Nuts-Kampagne 1944
Thomas von Aquin, Summa II-II q. 148
YouGov zu deutschen Frühstücksgewohnheiten
Youtube: Intro: Sesame Street: The Breakfast Song