Noch in meiner Kindheit wurden Neandertaler wie halbe Gorillas dargestellt – als Kontrast zum überlegenen Cro-Magnon-Menschen. Warum wirken sie heute so modern? Mit Baseballcap und Kopfhörern könnte man sie nicht mehr in der Menge ausmachen. Das hat einen guten Grund.
Skript
Ich war mit meinem Eltern in einem Museum mit spannenden Guckkästen voller kleiner Figürchen. Aber mitten im Raum stand eine Figur, die so lebensecht wirkte, dass es mich ein bisschen gruselte. Ein komischer Mann.
Er stand leicht vorgebeugt in seiner Vitrine, seine Haut war dunkel, der ganze Körper behaart. Er hatte dicke Augenwülste, aber kein Kinn, kurze O-Beine und lange Arme. Um die Hüften hatte er ein Fell geschlungen und er stützte sich auf einen krummen Stock, der am Ende zugespitzt war.
„So sahen unsere Vorfahren aus“, erklärten meine Eltern. Und dann lasen sie mir die Erklärtafel vor. Dort war auch Tarzan abgebildet. Bloß blond. Und mit Fellschuhen. Und einem Umhang. Er hieß aber nicht Tarzan, sondern „Cro-Magnon-Mensch“ oder „der moderne Homo sapiens“, bekam ich vorgetragen, und er hätte den primitiven Neandertaler, der in der Vitrine stand, verdrängt, als er vor 20.000 Jahren nach Europa kam.
KI: „Verdrängen“ ist ein Euphemismus für „ausgerottet“, nehme ich an.
Na klar. Aber wir sollten von vorne anfangen.
KI: Vor 20.000 Jahren. Das kann sich ja hinziehen.
Diese Geschichte beginnt 1908 in einem kleinen französischen Dorf namens Chapelle-aux-Saints, wo Bauern ein fast ganzes und erkennbar uraltes Skelett fanden. Der Fund landete bei Marcellin Boule, dem damals führenden französischen Paläontologen. Er identifizierte das Skelett als homo neanderthalensis. Eine Schädeldecke der Spezies war schon 1856 eben gefunden und klassifiziert worden. Im Neandertal. Hence the Name.
1909 erscheint in der London Illustrated News eine laut Bildunterschrift wissenschaftlich akkurate Darstellung des „Menschen, wie er vor 20.000 Jahren“ aussah. Dieser Neandertaler ist ein Gorilla mit etwas längeren Beinen und menschlichen Füßen. Sein Gesicht unterscheidet sich von Gorillas nur durch eine seltsam humanoide Nase, die sichtlich ein Nasenbein hat. Zum vollständig aufrechten Gang wie die nachfolgenden überlegenen Spezies sei er noch nicht fähig gewesen, steht da auch.
Bilder waren damals noch mächtig und so humpelte diese Darstellung in die Wissenschaftsbücher und danach in die Schulbücher und in die Museums-Dummys. Heute wissen wir, dass es sich bei Boules‘ Exemplar um einen alten Mann mit Sklerose handelte. Anders ausgedrückt: Dieser Neandertaler hatte einen Buckel.
Doch die Theorie hinter Boules Behauptungen war kein Einzelfall. Sie hatte Methode.
Die Anthropologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war, ohne Übertreibung, das rassistischste Fachgebiet der Wissenschaftsgeschichte.
KI: Das liegt ein bisschen auf der Hand, oder? Man kann sich kaum vorstellen, dass Chemiker rassistische Vorurteile gegenüber beispielsweise „Leichtmetallen“ haben.
Samuel Morton, amerikanischer Arzt, sammelte ab den 1830er Jahren Schädel, füllte sie mit Senfkörnern und maß ihr Fassungsvermögen, um zu beweisen, dass Europäer die größten Gehirne hätten.
Paul Broca, Begründer der Hirnforschung, erklärte, dass Frauen und Nicht-Europäer biologisch minderwertig seien – und legte dazu Messdaten vor, die er, wie spätere Nachprüfungen zeigten, schlicht erfunden hatte.
Alle bastelten am wissenschaftlichen Grundgerüst des Rassismus. Ganz oben auf der Entwicklungsleiter stand der weiße Europäer, darunter: Alle anderen. Auf der untersten Stufe die Afrikaner. Dunkelhäutig, tierisch, primitiv – dem Affen noch verwandter als dem weißen Herrenmenschen. Darunter gab es nur den Neandertaler, der aber wegen seiner Unterlegenheit schon ausgerottet worden war. So war sie, die Natur. Survivals of the fittest. Warum sich der Natur in den Weg stellen?
KI: Das hat natürlich schreckliche Konsequenzen.
So ist es. Im Jahr 1904 erhoben sich die Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika gegen die deutsche Kolonialherrschaft. General Lothar von Trotha antwortete mit dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Zehntausende wurden in die Wüste getrieben, Wasserstellen vergiftet, Überlebende in Konzentrationslager gesperrt. Schätzungen gehen von 60.000 bis 80.000 Toten aus.
Was danach geschah, ist weniger bekannt: Schädel der Ermordeten wurden abgetrennt und nach Deutschland verschifft. An Universitäten. Zur wissenschaftlichen Untersuchung. Zur Rassenforschung. Sie sollten beweisen, dass diese Menschen dem Tier näher standen als dem Europäer.
Überflüssig zu sagen, dass diese Version einer rassistischen Evolutionstheorie auch die Rechtfertigung für die Nazis war, um alle „Untermenschen“ gewissenlos zu töten.
KI: Und das war noch so, als Du im Museum warst?
Nein. Nicht mehr ganz. Mein Museumsneandertaler war schon eine Weiterentwicklung. Mit dem gruseligen Gorilla hatte er nicht mehr so viel zu tun, aber mit dem daneben abgebildeten Tarzan auch nicht. Aber er war dunkelhäutig, der Cro Magnon weiß. Solche Vorstellungen ändern sich langsam.
Seit meinem Museumsbesuch ist ein neues Forschungsfeld entstanden. Es nennt sich Paläogenetik und dem war es seit 1997 gelungen, immer mehr von der Neandertal-DNA zu entschlüsseln.
Kurz gesagt: Der Neandertaler wurde nicht verdrängt. Er wurde geheiratet. Wir haben uns genetisch vermischt. Wir selber sind die Neandertaler. Praktisch jeder Europäer, Amerikaner oder Asiate trägt zwischen einem und fünf Prozent Neandertaler-DNA in seinem Erbgut. Und es wird für Tarzan sogar noch problematischer: Menschen im subsaharischen Afrika hingegen: Null Prozent.
Wenn man das Wörterbuch der Rassisten bemühen will: Genetisch gesehen stehen die Afrikaner ganz oben auf der Leiter. Sie sind die „reinste“ Form des Homo sapiens sapiens. Doch lasst uns das gleich wieder vergessen – denn diese Leiter und genetische Reinheit sind völlig falsche Vorstellungen. Menschen nach ihrem Erbgut zu sortieren ist falsch und schlicht nicht möglich.
KI: Das erklärt, was nach dieser Erkenntnis mit dem Bild des Neandertalers passiert ist.
Genau! Neandertaler sind viel cooler. Die heutigen Darstellungen zeigen aufrecht stehende, hellhäutige Menschen mit rötlichen Haaren. Würde man einen in einen Brioni-Anzug stecken, könnte er durchaus auf einem Podium neben anderen, alten, weißen Männern stehen und die Wirtschaftspolitik der westlichen Welt mitbestimmen. Er würde nicht groß auffallen – sein Aussehen passt durchaus in die Bandbreite der Physiognomie des Homo sapiens sapiens.
Aber es geht noch tiefer. Auf einmal wissen wir ganz sicher, dass der Neandertaler sprechen konnte. Auf einmal belegen die Höhlen, die wir früher als primitiv verschrien haben, zu wie viel Planung, Kooperation und Kommunikation unsere Urgroßeltern vor 175.000 Jahren schon fähig waren.
Sie bestatteten ihre Toten, also vermuten wir, dass sie schon religiöse Vorstellungen hatten und über ein Leben nach dem Tod sinnierten. Wir bewundern ihren Gebrauch von Farbpigmenten und schätzen ihren kreativen Geist. Und wie komplex doch ihre Jagdstrategien waren, wenn Großwild auf dem übrigens erstaunlich ausgeglichenen Speiseplan stand!
Sicher basieren auch die neuen Vorstellungen auf wissenschaftlicher Arbeit, aber das dachten die Forscher vor 120 Jahren auch. Der geschichtliche Rassismus ist nicht nur ein zivilisatorisches, ein ethisches, sondern auch ein wissenschaftliches Versagen. Der heutige Rassismus hingegen ist konsequent anti-wissenschaftlich und deswegen ethisch sogar noch verwerflicher.
KI: Was wohl heute im Museum für ein Neandertaler steht?
Ich weiß es nicht. Aber, wir sollten daran denken: Die Bilder, Dioramen, Figuren und Erklärungstafeln erzählen uns nicht nur von der Vergangenheit – sondern auch immer von unserer Gegenwart. Alles ist richtig, bis es falsch ist.
Quellen:
Intromusik: „The Fuguestones“ Lost in Bangkok
Wikipedia (en): Svante Pääbo
Wikipedia (de): Neandertaler
Neanderthal-Museumsblog (Bilder): Neanderthals and Us
Smithsonian Human Origins: La Chapelle-aux-Saints
Wikipedia (en): Samuel George Morton
Penn Today: A new take on the Morton skull collection
Amnesty Deutschland: Namibia – Völkermord und deutsches Kolonialerbe
Tagesspiegel: Ermordet, präpariert und erforscht