Wir Laienmediziner haben gerne für jede Diagnose eine Erklärung. Lungenkrebs: Rauchen. Lebertumor: Saufen. Darmtumor: Rotes Fleisch. Das machen wir, um uns einzureden, wir würden nicht so sterben. Dabei ist Krebs meistens nur Zufall, so der Stand der Wissenschaft. Aber Zufall ist schwer auszuhalten, oder?
Skript
Ich bin ja eher Podcast-Opa. Nicht nur, weil ich das schon seit 2011 mache, sondern weil ich zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr taufrisch war. Und natürlich merke ich das. Ich mag das nicht besonders, wenn es immer heißt: „Ich bin sechzig, aber fühle mich wie 30!“. Ich denke mir dann: „Tja, da hast Du etwas aber wirklich falsch gemacht!“. Dreißig Jahre verplempert. Ich fühle mich so, wie ich mich fühle, und kenne keine Methode, wie man dabei das Alter misst.
Natürlich macht man sich Gedanken über das Sterben. Jeden Tag. Nicht nur, was den eigenen Tod betrifft. Ich bin immer noch Raucher und das als jemand, der wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nimmt.
Meine Mutter hatte Krebs. Eben einen Lungentumor. Sechs Monate nach der Diagnose starb sie. Beinahe alle Gespräche über die Erkrankung liefen exakt gleich ab.
„Lungentumor, so so. Hat sie denn geraucht?“
„Ja, hat sie. Aber vor 19 Jahren aufgehört.“
„Das wird trotzdem der Grund sein.“
Wir wollen unbedingt eine Erklärung für alles. Und ganz besonders für jede Art von Krankheit.
„Warum hat sie die Erkältung bekommen?“ — Zu kühl angezogen, klar.
„Wie ist er denn depressiv geworden?“ — Zu einsam gelebt, klar.
„Was sind die Gründe für seinen Herzinfarkt?“ — Der war schon immer zu dick.
Ursache und Wirkung. Sofort. Reflexartig. Ein ganzes Heer von Laienmedizinern, das ruck zuck mit einem Urteil bei der Hand ist. Wahrscheinlich, um sich selbst zu ermutigen: „Na, mir passiert das nicht.“ Tod ist sozusagen vermeidbar.
Das ist verständlich. Aber es ist auch kalt. Es bedeutet: Meine Mutter hatte auch noch selber schuld, dass sie sterben muss. Hätte sie mal nicht geraucht. So. Das hat sie jetzt davon.
Dabei war die Sache medizinisch alles andere als eindeutig. Zum Zeitpunkt der Diagnose waren auch Milz, Leber und die Wirbelsäule betroffen. Die Ärzte sagten, man könne nicht mit Gewissheit sagen, wo der Primärtumor überhaupt saß. Ob das in der Lunge angefangen hat oder ob der Tumor dort eine Metastase war — unklar. Aber für den Smalltalk ist das natürlich zu komplex.
Schauen wir mal auf die Zahlen. In unserer Gesellschaft stirbt ungefähr jeder Dritte an Krebs. Das ist keine exotische Krankheit, die nur Pechvögel trifft. Das ist eine der häufigsten Arten, wie Menschen sterben. Direkt nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen – Todesursache für 50 Prozent.
Und trotzdem tun wir so, als könnte man das vermeiden. Wir rauchen nicht, trinken Grünkohl-Smoothies statt Bier, machen täglich Sport, meditieren, essen kein rotes Fleisch und telefonieren mit dem Handy nur ganz kurz. Wegen Hirntumor. Also, mit „wir“ meine ich nicht mich und wahrscheinlich auch nicht Dich. Ich meine die Gesundheitsratgeber, die Krebsvorsorge als Geschäftsmodell haben.
Aber nehmen wir einmal an, alle Menschen würden so leben. Supergesund, immer nach den neuesten Erkenntnissen. Wäre der Krebs dann besiegt?
Das wäre er nicht. Wahrscheinlich bleibt Krebs immer auf Rang zwei.
2015 hat sich Bert Vogelstein diese Frage gestellt. Vogelstein ist nicht irgendwer — er ist der meistzitierte Mediziner der Welt. Zusammen mit dem Bio-Informatiker Cristian Tomasetti hat er die Stammzellteilungsraten in verschiedenen Organen untersucht und mit der Häufigkeit von Tumoren in diesen Organen verglichen. Das Ergebnis, veröffentlicht im Fachmagazin Science: Es gibt eine starke Korrelation. Je häufiger sich die Stammzellen eines Organs teilen müssen, desto höher das Krebsrisiko in diesem Organ. Krebs im Dickdarm ist zum Beispiel zwanzigmal häufiger als im Dünndarm. Und die Stammzellen im Dickdarm teilen sich auch tatsächlich zwanzigmal so häufig.
Die These dahinter: Wenn Zellen sich teilen, machen sie Kopierfehler. Das ist unvermeidlich. Und manche dieser Fehler führen irgendwann zu unkontrolliertem Wachstum. Zu Krebs. Das ist einfach Zufall.
Bei praktisch allen Menschen über 50 sind mutierte Zellklone im Blut nachweisbar. Das Altern ist mit einer zunehmenden Mutationslast in allen Geweben verbunden, und manchmal wuchern mutierte Zellen. Unser Körper sammelt ständig Kopierfehler an. Das ist normal, nicht pathologisch.
Jetzt könnte man einwenden: Moment, Lungenkrebs hat doch sehr wohl etwas mit Rauchen zu tun! Und das stimmt natürlich. Aber genau hier wird es interessant, denn der Anteil von Umweltfaktoren ist bei jeder Krebsart völlig unterschiedlich.
Beim Lungenkrebs gehen etwa 65 Prozent der krebstreibenden Mutationen auf Umweltfaktoren zurück — vor allem aufs Rauchen. Das ist ein klarer Zusammenhang. Aber selbst hier sind 35 Prozent reine Kopierfehler. Auch nur Zufall.
Und dann gibt es Krebsarten, bei denen die Rechnung ganz anders aussieht. Bauchspeicheldrüsenkrebs zum Beispiel. Den verbindet man im Volksmund gerne mit Alkohol. „Der hat halt zu viel gesoffen.“ Tatsächlich gehen 77 Prozent der Mutationen bei Bauchspeicheldrüsenkrebs auf reinen Zufall zurück. Und der größte vermeidbare Risikofaktor ist nicht der Alkohol, sondern auch hier das Rauchen. Alkohol erhöht das Risiko messbar erst ab wirklich schwerem Konsum.
Bei Prostatakrebs oder Hirntumoren? Über 95 Prozent Zufall. Da gibt es praktisch nichts, was man hätte anders machen können. Jeder Krebs hat seine eigene Geschichte. Aber die Hobby-Mediziner*innen haben immer eine Erklärung parat. Pech gibt’s nicht. Pech könnte man ja selber auch haben.
Und was ist mit den großen Versprechen? Die neuen mRNA-Krebsimpfstoffe, die personalisierten Therapien? Die sind vielversprechend, ohne Frage. Aber was sie vor allem verändern, ist die Überlebenszeit nach der Diagnose. An der Grundstatistik — jeder Dritte — wird sich so schnell nicht viel ändern. Krebs wird nicht verschwinden, die Zellen wahrscheinlich immer mutieren.
Immerhin schätzen Mediziner, dass rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch den Lebensstil beeinflusst werden. Das ist genug, dass es sich lohnt, darauf zu achten. Nicht rauchen ist natürlich eine gute Idee. Nicht jeden Tag drei Bier trinken auch. Aber das wissen wir alle.
Aber umgekehrt heißt das: Fast zwei Drittel aller Krebsfälle sind nicht vermeidbar gewesen. Ein Tumor ist eine Art unseres Körpers zu sterben. Wir verstehen ihn noch nicht vollständig. Und wir sollten mit unseren Schnelldiagnosen sehr vorsichtig sein, wenn wir davon im Freundes- und Bekanntenkreis hören.
Die Wahrscheinlichkeit, dass es jeden und jede auf diese Art erwischt, liegt bei eins zu drei. Egal wie du lebst. Egal, was du isst. Und wenn es dann soweit ist, dann wünscht du dir als Allerletzten einen Bekannten, der dir erklärt, warum Du selber schuld hast.
Ich weiß, es fällt vielen schwer, Zufall als etwas anzuerkennen, das über uns Macht hat. Alles muss einen Grund haben.
Aber angenommen, wir können irgendwann alle Krebse, nein – alle Krankheiten heilen? Und sogar das Altern aufhalten – furchtbarer Gedanke! – was dann?
Dann würden, statistisch betrachtet, alle an Unfällen sterben. Fast alle. Selbstmord wäre Nummer zwei und Krieg und Gewalt fast der ganze Rest. Auch keine schöne Welt, oder?
Irgendeinen Tod sterben alle.
Aber wir sollten den Sterbenden nie die Schuld daran geben – auch nicht den Suizidalen.
Quellen:
Science: „Variation in cancer risk among tissues can be explained by the number of stem cell divisions.“
Science: „Stem cell divisions, somatic mutations, cancer etiology, and cancer prevention.“
Science: „Cancer prevention: Molecular and epidemiologic consensus.“
Annualreviews: „Clonal Hematopoiesis and ist Impact on Human Health.“
Johns Hopkins Medicine: „Pancreatic Cancer Risk Factors“
Science ORF: „Was die Forschung 2026 weltweit erwartet“
Deutsches Ärzteblatt: „Blutkrebs-Mutationen im Alter deutlich häufiger“
Youtube: Intro: „Lethal Weapon – I’m Too Old For This Shit“