Anne Hathaway, oder: Frau Shakespeare

Anne Hathaway wurde schon vieles genannt: Heilige, Verführerin, Xanthippe – aktuell gibt sie in „Hamnet“ die Kräuterwissende mit übernatürlicher Intuition. Kein Wunder, dass der arme William Shakespeare nach London fliehen musste! Das arme Genie! Die Wahrheit ist viel spannender als die uralten Vorurteile.

Skript

Wenn ich in den Sommerferien zu meiner Oma abgeschoben wurde, langweilte ich mich höllisch. Zwar durfte ich abends mit ihr fernsehen, aber unsere Geschmäcker divergierten deutlich. Statt dem Western im ZDF gab’s halt den Heintjefilm in der ARD. Oder umgekehrt. Von ihrer kärglichen Rente konnte sie sich nur die Zeitschriften leisten, die ein paar Groschen kosteten. Außer dem Fernsehprogramm gab es schon damals frei erfundene Geschichten von Bekanntheiten, die ich aber nicht kannte.

Aber es gab meist am Ende immerhin eine Witzseite. Vier gezeichnete Witze. Das klingt arrogant, aber den Ausdruck Cartoon hatten sie nicht verdient. „Witz“ war ja schon eine Übertreibung. Ein typisches Witz-Szenario war, dass die Gattin im Schrank einen Liebhaber versteckt. Ein anderes war, dass der Gatte stockbesoffen nach Hause kommt, wo die Frau hinter der Tür schon mit dem Nudelholz wartet.

Aber nicht, um spontan eine gemeinsam eine gar leckere Lasagne zu bereiten, sondern um ihren Angetrauten zu hauen. Ja, Gewalt in der Ehe. Denn so sind sie, die alten Drachen. Die bösen Weiber. Die Ehegesponse. Und so war das auch schon immer. Schon in der Antike. Siehe Sokrates und Xanthippe.

Darum war auch klar, dass der arme Shakespeare furchtbar unter seiner Frau, Anne Hathaway, leiden musste. Ja, genau wie die berühmte Schauspielerin unserer Tage. Er floh von ihr nach London und hat sich in seinem letzten Willen an ihr gerächt. Das malträtierte Genie. Das männliche Opfer im ewigen Kampf der Geschlechter. So war das. Oder?

Anne Hathaway wurde 1556 in Shottery geboren, einem Dorf direkt neben Stratford-upon-Avon. Ihr Vater Richard war ein wohlhabender Bauer – ein sogenannter Yeoman Farmer. Das klingt nach Kleinbauer, war aber eine respektable Mittelschicht. Das Haus, in dem sie aufwuchs, wird heute „Anne Hathaway’s Cottage“ genannt, ist aber ein Zwölf-Zimmer-Bauernhof mit über 35 Hektar Land. Kein Cottage. Ein Gut.

1582 heiratet sie William Shakespeare. Sie ist 26, er ist 18. Sie ist schwanger. Und hier fängt die Mythenproduktion an. Kann ja nicht normal sein, der Altersunterschied. Gehört sich schließlich andersrum.

Daraus haben Generationen von Biografen ihre Geschichte gestrickt: Die ältere Frau hat den armen Jungen verführt. Dann wurde sie schwanger und ihre Familie hat ihn gezwungen, sie zu heiraten. Hat sie noch einmal Glück gehabt, die alte Jungfer.

Liest man aber in den Kirchenregistern der Epoche, wie es zum Beispiel Germaine Greer getan hat, dann sieht man: Es kam häufig vor, dass Frauen damals erst mit Mitte bis Ende zwanzig geheiratet haben. Und, um noch Vorurteil gegen das 16. Jahrhundert zu entkräften: Es war völlig normal, dass Brautpaare vor der Hochzeit zusammenlebten und Kinder zeugten. Handfasting nannte sich das. Die Hochzeit war eher die Formalisierung einer bereits bestehenden Verbindung. Annes Schwangerschaft war kein Skandal. Sie war Alltag.

Abgesehen davon war William nicht gerade eine gute Partie, seine Familie steckte ich Geldproblemen. Die Hathaways dagegen waren wohlhabend. Jemand hat über seine Verhältnisse geheiratet, ja, aber es war Herr Shakespeare.

Reden wir doch einmal über das Testament. Shakespeares letzter Wille, geschrieben 1616, kurz vor seinem Tod. Er vermacht seiner Frau das – Zitat – „second best bed with the furniture“. Das zweitbeste Bett samt Möbel. Nicht das Haus. Nicht das Geld. Das zweitbeste Bett.

Nur: Im elisabethanischen England war das beste Bett im Haus das Gästebett. Wenn du vornehmen Besuch hattest, bekam der das beste Bett. Das zweitbeste Bett war das Ehebett. Und das war nicht aus Press-Span und hatte einen lustigen, schwedischen Namen – Betten waren damals kunsthandwerkliche Kleinodien und manchmal das Geld wert, für die man auch das Haus kaufen konnte, in denen sie standen.

Der gesamte restliche Besitz ging an die älteste Tochter Susanna und ihren Mann, den Arzt John Hall. Das war kein Zufall und keine Bosheit, sondern ein übliches Arrangement. Das war abgesprochen, vermutlich schon seit Susannas Hochzeit 1607.

Anne war versorgt. Sie lebte in ihrem Haus. Sie brauchte kein Geld, um abgesichert zu sein.

Sonst wissen wir nicht viel über die Ehe. Aber wir wissen in Wirklichkeit auch nicht viel über die Person Shakespeare und William hat es, zumindest in Theaterkreisen, ja doch zu einer gewissen Bekanntheit gebracht.

Ein Argument der guten, alten Nudelholztheorie ist, dass Shakespeare 1585 aus Stratford floh und in London als Schauspieler und Dramatiker arbeitete und Frau und Familie in der Provinz zurückließ.

Da wird’s spannend: 1978 fand ein Amateurhistoriker in einem Buch von 1608, gedruckt von einem Bekannten Shakespeares, Fragmente von Briefen, die beim Buchbinden als Füllmaterial verwendet worden waren. 2025 wurden diese von Professer Matthew Steggle, University of Bristol, akribisch unter die Lupe genommen.

Da schreibt ein Mensch, den wir nicht mit Namen kennen, an Frau Shakespeare in der Trinity Lane. Wir können annehmen, dass die in London gemeint ist, denn erstens wäre das ein standesgemäßes Viertel und zweitens gab es in Stratford keine Straße diesen Namens.

Zweitens können wir annehmen, dass es sich um Anne handelt, denn die beiden anderen Familien mit dem Shakespeare, die in London registriert waren, können wir aus verschiedenen Gründen ausschließen, aber eigentlich reicht es ja schon, dass der Drucker und William sich kannten.

Dieser Mensch schreibt eine tränenreiche Anklage. Er schreibe ihm Auftrag eines armen, vaterlosen Lehrlings, dem William Geld versprochen, aber nie gezahlt hätte. Jetzt ist dieser arme John Butte am Sterben. Er hoffe, Frau Shakespeare würde die Schulden ihres Mannes begleichen, um mit reinem Gewissen nicht am Jüngsten Tage gerichtet zu werden.

Auf der Rückseite der Brieffragmente ist ein Antwort-Entwurf in Kurz- und in Schönschrift. Anne lehnt die Zahlung in geschäftsmäßigen Ton ab, ist aber wohl auch etwas sauer. Die Vereinbarung wäre damals nicht zustande gekommen, weil ein Mr. Sharowe Sicherheiten verlangt habe, die William nicht geben wollte. Er schulde keinen Pfennig. Und etwas im Sinne von: Du drohst mir mit dem Jüngsten Gericht? Pass lieber auf, dass Gott nicht dich richtet, wegen Deiner Gier.

Das ist aus mehreren Gründen eine interessante Sache. Erstens scheint sich Anne um die Finanzen der Familie Shakespeare zu kümmern. Zweitens kann sie, anders als die Biografen aus viktorianischer Zeit vermuteten, sehr wohl schreiben und lesen und drittens scheint das Paar gemeinsam in London gelebt zu haben.

Für die Theorie, dass Anne brav in Stratford blieb, während sich der Gatte in London verlustierte, gibt es nämlich keinerlei Beweis. Wir wissen nur, dass die beiden Williams letzte Lebensjahre gemeinsam dort verbracht haben.

Die Historikerin Katherine Scheil hat Anne Hathaway einmal eine „frauenförmige Leerstelle“ genannt. Darum galt sie schon als geduldige Heilige, als lüsterne Verführerin, als böse Xanthippe und heute, in Maggie O’Farrells Roman und in Chloé Zhaos Film „Hamnet“ ist sie eine kluge, eigenwillige Kräuterfrau mit fast übernatürlicher Intuition.

Die einzige Tatsache ist: Wir wissen es nicht. Wir werden es wahrscheinlich nie wissen. Was wir aber wissen, ist, dass das Narrativ von der schlechten Ehe der Shakespeares die wenigsten Belege hat.

Quellen:

Quellen:

New York Times: Overlooked Letter Rewrites History of Shakespeare’s Bad Marriage

BBC: Hamnet and the 400-year-old mystery around Shakespeare’s wife and son

Matthew Steggle: The Shakspaires of Trinity Lane: A possible Shakespeare Life-Record

Youtube: Intro: Last Action Hero – Hamlet Parody Scene (1/10)