Oswald, das glückliche Kaninchen

Bevor Walt Disney und Ub Iwerks die berühmteste Zeichentrickfigur der Welt erschaffen mussten, ist ihnen ihr Kaninchen entlaufen. Oswald, das glückliche Kaninchen, blieb bei der Konkurrenz und machte dort Karriere. Bis es einen Sportkommentator zum Tauschen gab.

Skript

Ich mag Mickey Mouse erst seit 1991. Da spielte ich zum ersten Mal „Castle of Illusion“, damals der beste Plattformer auf dem Mega Drive. Die kleine Pixelmaus war einfach nicht unterzukriegen und die Musik ermutigte mich, es immer und immer wieder zu versuchen.

Klar war Mickey vorher für mich mit Disney identisch und klar war es „Steamboat Willy“ von 1928, der die Firma überhaupt erst berühmt gemacht hat. Dachte ich.

Im Februar 2006 ging eine seltsame Meldung durch die Presse: Disney und NBC Universal hätten einen seltsamen Deal ausgemacht. NBC bekam von Disney einen Sportkommentator namens Al Michaels. Dafür gingen die Rechte für ein Kaninchen zurück an Disney. Das Kaninchen hieß Oswald. The Lucky Rabbit. Das glückliche Kaninchen.

Fangen wir noch einmal von vorne an: Walt Disney ist 25 Jahre alt, hat in Hollywood ein kleines Studio, und ein Problem: Er braucht eine neue Figur. Sein bisheriger Star, ein Mädchen namens Alice, ist ausgereizt. Sein Distributor Charles Mintz schlägt ihm einen Hasen vor – Katzen gäbe es schon zu viele auf der Leinwand, Krazy Kat, Felix the Cat – Zeit für eine andere Spezies!

Walt und sein Chefanimator Ub Iwerks entwerfen „Oswald the Lucky Rabbit“. Schwarz, lange Ohren, frech, beweglich wie Gummi. Universal Pictures unterschreibt einen Vertrag über 26 Cartoons. Der erste Kurzfilm, den die Universal-Chefs zu sehen bekommen, fällt durch, zu unsauber animiert. Disney macht einen zweiten. Der wird ein Hit. Innerhalb weniger Monate ist Oswald die populärste Zeichentrickfigur im Universal-Programm. Bald gibt es Oswald-Schokoriegel, Oswald-Buttons, Oswald-Schablonen.

Walt verdient zum ersten Mal richtig Geld. Sein Studio wächst auf zwanzig Mitarbeiter. Er und sein Bruder Roy kaufen sich Land in der Wüste und investieren in Ölbohrungen.

Im Februar 1928 fährt Walt nach New York, um seinen Vertrag mit Mintz neu zu verhandeln. Er erwartet bessere Konditionen – Oswald ist schließlich ein Erfolg. Mintz erwartet ihn mit einer anderen Botschaft: Das Budget soll gekürzt werden.

Was Walt aber zu diesem Zeitpunkt schon weiß, weil Ub Iwerks ihm einen Hinweis gegeben hat: Mintz hat hinter seinem Rücken bei seinen Animatoren angeklopft, um sie abzuwerben. Viele hatten unterschrieben. Wenn Walt den schlechteren Vertrag ablehnt, verliert er nicht nur Oswald – denn die Rechte an der Figur liegen bei Universal – sondern auch sein halbes Studio.

Disney lehnt ab. Er fährt mit dem Zug zurück nach Kalifornien. Auf dieser Zugfahrt, so geht die Erzählung, skizziert er auf einem Zettel eine neue Figur. Eine Maus. Er nennt sie zunächst Mortimer. Seine Frau Lillian, die mit ihm im Zug sitzt, findet den Namen schrecklich. Sie schlägt Mickey vor.

Soweit die saubere, oft erzählte Version. Sie funktioniert deshalb so gut, weil sie eine moralische Pointe hat: Aus dem Verlust entsteht das Bessere. Aus der Niederlage wird der Triumph. Disney verliert ein Kaninchen und erfindet die berühmteste Zeichentrickfigur der Welt.

Denn Oswald war nicht weg. Oswald lief weiter. Universal gab die Produktion an einen anderen Animator namens Walter Lantz, und unter Lantz wurden in den nächsten zehn Jahren noch 142 weitere Oswald-Cartoons produziert. Insgesamt entstanden 194 Filme mit dem Kaninchen. Das Kaninchen wareine erfolgreiche Zeichentrickfigur.

In den 1960er Jahren passierte mit dem Namen Oswald etwas, das die Figur endgültig vergiftete: Lee Harvey Oswald erschoss John F. Kennedy. Der Vorname war für eine fröhliche Kinderfigur danach kaum mehr brauchbar. Die Comic-Serien liefen aus, das Kaninchen verschwand vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein.

Im Jahr 2003 sind Disney und Universal zwei der größten Medienkonzerne der Welt, miteinander verbunden durch ein dichtes Netz aus Verträgen, Lizenzen, Kooperationen. Bei Disney sitzt ein interner Designer und entwickelt das Konzept für ein Videospiel. Eines, in dem ein „vergessener“ Disney-Charakter die Hauptrolle spielen soll. Er pitcht das Konzept dem damaligen Disney-Präsidenten Bob Iger.

Iger ist Feuer und Flamme. Nicht wegen des Spiels – sondern wegen einer anderen Erinnerung. Iger kennt Diane Disney Miller, die Tochter Walts. Sie hat ihm einmal erzählt, was Oswald ihrem Vater bedeutet hat. Iger verspricht ihr, das Kaninchen zurückzuholen.

Drei Jahre später bietet sich die Gelegenheit. NBC Universal hat die Übertragungsrechte für die Sonntagabend-Football-Spiele bekommen. Sie brauchen einen großen Namen am Mikrofon. Al Michaels, einer der bekanntesten Sportkommentatoren der USA, steht bei Disneys Tochter ABC unter Vertrag. Michaels selbst will wechseln – er möchte mit seinem alten Partner John Madden bei NBC arbeiten.

Iger sieht seine Chance. Er bietet NBC an: Disney lässt Michaels ziehen. NBC gibt im Gegenzug das Kaninchen zurück.

Der Tausch wird im Februar 2006 vollzogen. Disney bekommt die Rechte an der Figur Oswald, dazu die 27 Cartoons aus der Disney-Ära und alle physischen Materialien, die Universal noch besaß. NBC bekommt einen Sportreporter.

2010 erschien das Videospiel, dessentwegen Iger den Deal überhaupt eingefädelt hatte. Es heißt „Epic Mickey“. Die Handlung: Es gibt eine zweite, dunkle Version von Disneyland – ein Ort namens Wasteland, in dem alle vergessenen Disney-Figuren leben. Über diesen Ort herrscht „Oswald, the Lucky Rabbit“. Er hat sich Wasteland nach dem Vorbild des echten Disneyland gebaut, einschließlich einer Statue, die ihn zusammen mit Walt Disney zeigt – eine Variation der berühmten Statue von Walt und Mickey. Denn: Oswald hasst Mickey! Er ist der Meinung, Mickey habe ihm den Ruhm gestohlen, der ihm zugestanden hätte.

Mickey wird sich in dem Spiel aber noch mit Oswald versöhnen, um Wasteland zu retten.

Seit 2023 sind alle Oswald-Cartoons aus der Disney-Ära Public Domain. Sie liegen frei verfügbar im Internet. Das Kaninchen, um das Disney 78 Jahre lang gerungen hat, gehört seit drei Jahren allen. Ach: Fun Fact: Al Michaels kommentiert übrigens immer noch Football. Bei Amazon Prime.

Quellen:

Mentalfloss: 15 Intriguing Facts About Walt Disney

Wikipedia (en): Oswald the Lucky Rabbit

Youtube: Intro: Oswald the Lucky Rabbit Theme Song with Lyrics