Was bedeuten unsere Familiennamen? Das erklärt sich bei Müller, Schmidt, Bauer, Fischer oder Weber von selber, aber wie ist es mit den Klingelschildern daneben: Yilmaz, Nguyễn, Kaczmarek, Mansour, Ferrari, Papadopoulos oder Ahmad?
Skript
Kennst Du die Bedeutung Deines Nachnamens? Bei mir ist es wunderlich. Also, nicht die Bedeutung, sondern der Nachname. Die Bedeutung des Worts „wunderlich“ hat sich im Laufe der Zeit verändert. Im Mittelalter war es eher „eigensinnig“, dann so etwas wie „wunderbar“, heute ist es eher etwas wie „seltsam“.
Es ist kein seltener Name, aber er gehört zu den Nachnamen, die eher Charaktereigenschaften beschreiben als einen Beruf. Das ist nämlich die Regel, wenn man die Liste der häufigsten Familiennamen anschaut.
Müller, Schmidt, Schneider, Fischer, Weber, Meier, Wagner, Schulz, Bauer, Becker – keine großen Geheimnisse in den Top Ten. Die erste Eigenschaft erscheint auf Rang 14 „Klein“; „Lange“ folgt auf Platz 35.
Unter den ersten 155 häufigsten Familiennamen in Deutschland finden sich keine mit nicht-deutschen Wurzeln. Keine Durchmischung, kein Multi-Kulti, keine Übernahme durch andere Kulturen in Sicht.
Erst auf Platz 156 findet man einen Namen mit polnischen Wurzeln. „Nowak“. Das ist auch in Polen der häufigste Familiennamen und bedeutet der oder die „Neue“ oder „Neuling“. Auf Platz 262 findet sich mit „Noack“, die sorbische Variante der gleichen slawischen Wurzel.
„Pietsch“, auch mit sorbisch-slawischen Wurzeln folgt auf Platz 435. Das bedeutet, dass es zwischen 5.000 und 6.000 Menschen dieses Namens bei uns gibt. „Pietsch“ entstand aus den Koseformen der westslawischen Varianten von „Peter“.
Auf Rang 587 erscheint der erste türkische Name: „Yilmaz“. Auch in der Türkei der häufigste Familienname und bedeutet in etwa der „Nichtzurückweicher“. Die Wikipedia erklärt die genaue grammatikalische Konstruktion, aber bei dem Wort „Aorist“ wurde irgendeine alte Angst in meinem Gehirn getriggert. Da möchte ich nicht noch einmal hin.
Nguyễn (Nu’ih-enn) ist der Familienname von 40 Prozent der vietnamesischen Bevölkerung und damit auch der häufigste vietnamesische Nachname in Deutschland. Rang 815. Der Einfachheit halber sagen wir, dass das Wort sich vom chinesischen Zeichen für ein altes Saiteninstrument ableitet, die Ruan. Kennst Du, wenn Du sie siehst. Schaut ein bisschen wie ein Banjo aus und ein bisschen wie das neutrale Smilie.
Der Name stammt von einem alten Adelsgeschlecht, das sich über Jahrhunderte bis zum Kaisertitel hochgeboxt hat. Eine Zeitlang mussten alle Menschen unter seinem Einfluss den Familiennamen Nguyen tragen. Darum steht der Name auf der Liste der weltweit verbreitetsten Namen auf Rang vier, hinter drei chinesischen Namen.
Jetzt sind wir mit den Top 1000 in Deutschland gleich durch, auf Platz 815 finden wir noch einen türkischen Beitrag: Kaya. Das bedeutet je nach Quelle „Fels“ oder „Klippe“ und wird auch als Vornamen verwendet.
Jetzt verlässt mich die Statistik. „Schimanski“ ist mir als erster Familienname eingefallen, vielleicht auch wegen des Tatort-Kommissars. Ein Schimanski war ursprünglich jemand, der aus dem Dorf Szymany stammte. Es gibt zu diesem Namen und seinen verschiedenen Schreibweisen rund 1.100 Telefonbucheinträge. Schätzen wir also 2.400 Menschen? Keine Ahnung.
Ich kannte auch eine Frau Orloff, was sich vom slawischen Wort für „Adler“ ableitet. „Kowalski“ hieß eine mittel-langlebiges Satire-Magazin, dass sich in der polnischen Version dann hätte „Schmied“ nennen können. Kaczmarek ist auch nicht selten und bedeutet laut „Porta Polonica“: Der Krugwirt.
Bei türkischen Namen fällt mir noch Demir ein, was „Eisen“ bedeutet und Çelik, das bedeutet „Stahl“. Şahin ist der Falke. Das Buch „Mehmet, mein Falke“ – Empfehlung – heißt aber im türkischen Original aber nur schlicht „Memet“. Aydın ist nicht nur eine Stadt, sondern auch ein Familienname und bedeutet „Hell“.
Ich hatte einen kurdischen Freund, der mit Vornamen Aydın hieß und mit Nachnamen „Aslan“ und das bedeutet tatsächlich „Löwe“. Wie der Löwe in den Chroniken von Narnia, die aber nichts mit Kurdistan und der Türkei zu tun haben.
Mein Freund Hassan heißt mit Nachnamen „Sepoğlu“, was sehr interessant ist. Denn in der Endung „-oğlu“ verbirgt sich „Sohn von“. Ein Sepoglu ist also ein Sohn des Sep. Ein Saraçoğlu ist der Sohn des Sattlers, ein Sucuoglu der Sohn des Wasserverkäufers. Diese Familiennamen wurden alle mit dem türkischen Nachnamengesetz von 1934 verpflichtend und verändern sich seitdem nicht mehr – egal, welchen Beruf der Vater auch ergreifen mag.
Bei den italienischen Nachnamen in Deutschland fällt auf, dass die norditalienischen Namen seltener anzutreffen sind als die süditalienischen, was die Arbeitsmigration der 50er- bis 70er-Jahre widerspiegelt.
In der Lombardei gibt es viele „Colombo“, die Taube, – wie der Fernsehdetektiv – in Deutschland bin ich dem Namen nie begegnet. Bianchi – die Weißen – sind auch norditalienisch und in Deutschland selten. Die Roten – Rossi – ist in Italien insgesamt der häufigste Nachname, in Deutschland oft von „Russo“ verdrängt, was die südliche Variante wäre.
„Ferrari“ übrigens wäre wieder eine Version von „Schmied“, aber auch eher nördlich. „Caruso“ ist in Deutschland häufiger. Dieser Name kommt aus dem Sizilianischen, wo es früher üblich war, kleine Jungs kahlzuscheren. Dieses „Kahlgeschorener“ wurde dann synonym zu „Junge“ oder „Lehrling“.
Der häufigste griechische Familienname in Deutschland ist „Papadopoulos“, was übersetzt „Sohn des Priesters“ bedeutet. Das wäre in katholischen Gegenden sicher kein populärer Name, aber griechisch-orthodoxe Priester dürfen vor der Weihe heiraten.
Bei den arabisch-stämmigen Familiennamen in Deutschland wird es kompliziert. Ich kannte eine Mona el-Mansur und habe das zuerst nachgeschaut, auch weil ich von „Mansur“ schon als koptischem Nachnamen gehört habe. Kurz gesagt wäre die wörtlichste Übersetzung: „Derjenige, dem zum Sieg verholfen wurde“.
Man kann verstehen, dass viele arabisch-sprechende Einwanderer nach Europa schwergetan haben, sich für einen Vornamen und einen Familiennamen zu entscheiden. Darum war es durchaus üblich, den Namen des Vaters als Nachnamen in den Pass zu diktieren.
Das ist auch geschichtlich meist der Grund, warum typische Vornamen als Nachnamen enden. In Deutschland ist „Werner“ als Nachname auf Rang 33 und Walter auf 40.
Hier wurde so der Name des Propheten, Mohammed, in verschiedenen Formen der häufigste Nachname arabischen Ursprungs. „Der Gepriesene“ ist eine gute Übertragung, den es ist auf jeden Fall ein passives Partizip – den Rest habe ich wieder nicht verstanden.
Dann hätten wir noch „Abdallah“, den Diener Gottes, oder „Ali“, was hoch oder erhaben bedeuten kann; „Ahmad“, das ist auch ein viel Gelobter und Hassan, was schön oder gut bedeutet.
Ach: Wenn wir bei erzwungenen Namen sind, dürfen wir nicht die Juden vergessen, die sich vor ca. 200 Jahren in vielen deutschsprachigen Ländern auch für feste, vererbbare Familiennamen entscheiden mussten.
Manche wählten zeitgemäß romantische Namen wie Rosenthal, Blumenfeld oder Lilienthal, andere griffen in die Schatztruhe und entschieden sich für Goldstein oder Rubinstein. In einigen Gegenden entschieden einfach die Beamten und aus Nachnamen wie Treppengeländer oder Wintermantel kann man den Antisemitismus riechen. Aber viele blieben bei konservativen Mustern und wählten Orte – Oppenheimer, Frankfurter – oder religiöse Rollen wie Kahn, Kohn oder Levi.
Nach dieser Recherche finde ich eigentlich das System besser, wieder Spitznamen einzuführen. Gaius Julius zum Beispiel wurde „Caesar“ genannt, weil „caesaries“ volles Haar bedeutet und er eine Glatze hatte. Crassus heißt der Dicke, Brutus der Schwerfällige, Cicero die Kichererbse, Caligula bedeutet Stiefelchen.
Oder die Wikinger: Harald Blauzahn, Ragnar Zottelhose, Ivar der Knochenlose – das kann man sich auch besser merken!
Ich wäre dann … hmm … ach: Bleiben wir doch lieber beim alten System!
Quellen:
Youtube: Intro: How to Pronounce ‚ich heiße‘ (My Name is… ) in German