Nach der Schlacht von Waterloo gab es kein Halten mehr für das aufstrebende British Empire. Aber statt nur ein Weltreich aufzubauen, erfanden die Inselbewohner*innen bei der Gelegenheit gleich den modernen Tourismus.
Skript
Das größte Weltreich war das British Empire. Zum Zeitpunkt der größten Ausdehnung war ein Viertel der Landmasse und ein Viertel der Weltbevölkerung Teil des Empire. Wenn man sich die heutigen 192 UN-Mitgliedstaaten anschaut, dann gibt es nur 22, die nie von britischen Truppen betreten, angegriffen oder besetzt wurden.
Darauf kann man als Brite oder Britin stolz sein. Klar. Ob man das sollte, kann man diskutieren. Es ist auf jeden Fall so, dass die Errichtung und die Aufrechterhaltung eines so großen Reichs viele, viele Menschenleben gekostet haben.
Doch lange war das ja nicht so glasklar mit dem Erfolg der Briten. Ein wenig mehr als hundert Jahre vor der größten Ausdehnung sah es eher so aus, als würde Frankreich das ganz gut hinkriegen mit dem Weltreich.
Das lag natürlich an den Eroberungen durch Napoleon und seinen Truppen. Wenn man sich die Karte Europas um 1812 anschaut, dann kann man vereinfachend sagen: Napoleon kontrollierte Westeuropa. Selbst die Erzfeinde Preußen und Österreich zeigten keinen Widerstand. Nur die Briten, geschützt durch ihre Marine, blieben souverän.
Das änderte sich natürlich durch den gescheiterten Russlandfeldzug und nach einem überraschenden Comeback 1815 wurde Napoleon bei Waterloo endgültig entmachtet.
Jetzt stand den Briten eigentlich nichts mehr im Wege. Klar wussten sie noch nichts von ihrem Weltreich, aber sie wussten um die Bedeutung dieser Schlacht. Und damit meine ich nicht die Generäle, Minister oder aber den Adel. Auch die einfachen Bürger wussten sofort, dass dieses Waterloo ein Symbol für ihren Triumph bleiben wird und in der Reihe der berühmtesten Schlachten oben mitspielen würde.
Das wissen wir, weil sofort ein reger Tourismus einsetzte. Vielleicht ist Waterloo sogar die Keimzelle des modernen Tourismus schlechthin.
Schon wenige Tage nach der Schlacht legten die ersten Schiffe in Ostende und Antwerpen an. An Bord: nicht etwa Versorgungstrupps oder Diplomaten, sondern wohlhabende Britinnen und Briten in Reisekleidung.
William Makepeace Thackeray, der das Ganze später in seinem Roman „Vanity Fair“ verarbeitete, beschrieb es so: „Die Schiffe sind voll mit Männern von Welt und Damen von Rang gewesen, die nicht in einen Krieg, sondern auf eine modische Tour aufgebrochen waren“.
Eine modische Tour. Das Wort „Tourismus“ gab es ja noch nicht. Eine Modetour auf ein Schlachtfeld, auf dem rund 50.000 Menschen tot liegengeblieben waren.
Was diese ersten Touristen in Waterloo vorfanden, war keine andächtige Gedenkstätte, sondern die ungeschönte Realität eines Schlachtfeldes wenige Wochen nach der Schlacht.
Eine der frühen Besucherinnen, die Schriftstellerin Charlotte Anne Eaton, hat ihre Eindrücke schriftlich festgehalten. Sie beschreibt, wie sie auf dem Höhenkamm eine lange Reihe gewaltiger Gräber entdeckte – eigentlich eher Gruben, in die hunderte von Toten geworfen worden seien.
Die Ausdünstungen, die selbst unter freiem Himmel davon aufstiegen, seien unerträglich gewesen. Die frisch aufgeworfene Erde habe verraten, wie kürzlich diese Gruben erst entstanden waren. An einer Stelle, schreibt sie, sei die dünne Erdschicht so weit abgerutscht gewesen, dass das Skelett eines menschlichen Gesichts zu sehen war.
Schon nach kurzer Zeit hatte sich um genau diese Schlachtstätte ein florierender Markt gebildet. Die Einheimischen verkauften Kugeln, Uniformknöpfe und – Zitat – „Briefe, die aus den Taschen der Toten genommen wurden“.
Sir Walter Scott, der berühmte schottische Schriftsteller, war ebenfalls dort. Er berichtete später, dass ein Veteran in seiner Reisegruppe ziemlich angewidert davon war, wie eifrig die übrigen Besucher diese Andenken zusammenrafften. Wahrscheinlich hat Sir Scott schnell sein Souvenir unter versteckt. Er hatte sich nämlich den Schädel eines „armen Kerls“, des verstorbenen Unteroffiziers John Shaw, mitgenommen.
Und dann passierte das, was immer passiert, wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt: Es wurde nachgeholfen.
In den 1830er-Jahren – also gerade mal fünfzehn Jahre nach der Schlacht – kursierten die ersten Gerüchte, dass in englischen Fabriken bereits „authentische Schlachtfeld-Souvenirs“ zu Tausenden hergestellt würden.
Bestätigt hat das ausgerechnet ein Mann, der sich mit Schwindel auskannte wie kaum ein anderer: Phineas Taylor Barnum. Der amerikanische Zirkusunternehmer und Showman, der später mit dem Slogan „There’s a sucker born every minute“ in die Geschichte einging.
Barnum besuchte Waterloo und kaufte, wie alle anderen, ein paar Andenken. Monate später war er geschäftlich in Birmingham und lernte dort eine Firma kennen, die – ich übersetze frei aus seinen Memoiren – „Reliquien“ fabrizierte und fassweise nach Waterloo schickte. Dort wurden die Stücke vergraben, zur passenden Zeit wieder ausgegraben und als kostbare Erinnerungsstücke an die große Schlacht zu hohen Preisen verkauft.
Die belgischen Verkäufer waren ohnehin geschickt darin, ihre Ware an die jeweilige Kundschaft anzupassen. Die Historikerin Jolien Gijbels hat das untersucht und beschreibt, wie britischen Touristen vorzugsweise „französische“ Schädel angeboten wurden, während französische Besucher „britische“ oder „preußische“ Schädel ausgehändigt bekamen. Als ob das irgendwer hätte sagen können.
Und damit sind wir bei der eigentlich interessanten Frage. Denn wenn die Hälfte der Reliquien gefälscht ist und die Schädel je nach Nationalität des Käufers neu beschriftet werden – warum funktioniert das Geschäft dann trotzdem? Warum kaufen die Leute weiter? Warum reisen sie überhaupt erst an?
Der Historiker Stuart Semmel hat in einem Aufsatz mit dem schönen Titel „Reading the Tangible Past“ – das gegenständliche Vergangene lesen – eine These dazu aufgestellt. Er schreibt, dass die persönliche Konfrontation mit historischen Reliquien und Landschaften nach Auffassung der damaligen Zeit ein höheres Verständnis vermitteln sollte, als es jeder geschriebene Text oder jede bildliche Darstellung könne.
Diese Überzeugung, so Semmel, habe die epistemologische Grundlage für den Tourismus und das Sammeln überhaupt geliefert. Das muss man kurz übersetzen. Epistemologie ist die Lehre davon, wie wir zu Wissen kommen. Und Semmel sagt: Anfang des 19. Jahrhunderts entsteht die Idee, dass man Geschichte nicht mehr nur lesen oder gemalt sehen kann – man muss sie anfassen. Man muss da gewesen sein. Man muss ein Stück davon mit nach Hause nehmen. Erst dann hat man wirklich verstanden.
Waterloo ist also nicht nur die letzte Hürde für das British Empire, sondern vielleicht der Beginn des modernen Tourismus. Es reicht nicht, dass es Florenz, Rom, Barcelona, Athen, Venedig, Amsterdam, Brügge oder Dubrovnik gibt – man muss da gewesen sein. Erst dann kann man mitreden. Das sind übrigens auch die europäischen Städte, die mittlerweile Maßnahmen gegen den Tourismus ergreifen.
Übrigens: In Waterloo gibt es mittlerweile keine Schädel mehr zu kaufen. Aber wer will, kann tatsächlich – trotz Krieg – eine Tagestour in Prypjat buchen. Kostet 170 Euro. Das ist die Stadt bei Tschernobyl.
Aber auf Etsy kann man sich auch Tschernobyl-Schneekugel kaufen. Leuchtet im Dunkel. Aus der Produktbeschreibung: „Wenn die Weltkugel leicht geschüttelt wird, fällt einzigartiger schwarzer Schnee herab, der die Folgen der Katastrophe symbolisiert. Winzige schwarze Punkte, die Graphitstaub ähneln, schweben im Inneren der Kugel und stellen die bei dem Vorfall freigesetzten Stoffe dar.“
Man muss also gar nicht verreisen, oder?
Quellen:
Daily Jstor: Souvenir Hunting on the Battlefield of Waterloo
Stuart Semmel: Reading the Tangible Past: British Tourism, Collecting, and Memory after Waterloo
Etsy: Limitierte Original-Schneekugel Tschernobyl
Intro: Youtube: The UK’s national anthem as you’ve never heard it before