Wenn man auf der Straße eine Umfrage machen würde, welches Lied aus dem Zweiten Weltkrieg am bekanntesten ist, dann wäre es wohl „Lili Marleen“. Die nicht nur bei der deutschen Wehrmacht zum am weitesten verbreiteten Soldatenlied aller Zeiten wurde. Der erste deutsche Welthit – trotz des Krieges. Die Geschichte hinter dem Lied ist wenig bekannt, aber sehr spannend.
Skript
Heute geht es um Lili Marleen. Eigentlich der erste deutsche Welthit, mitten aus dem Krieg. Seine Geschichte beginnt mit einem unbekannten jungen Lehrer, Sohn eines waschechten Seemanns, der im Ersten Weltkrieg eingezogen wird.
Der junge Mann hieß Hans Leip. Viel hatte er noch nicht unterrichtet, als er in den Krieg ziehen musste. Mit 22 Jahren! In einem militärischen Crash-Kurs wurde er in der „Maikäfer-Kaserne“ zum Gardefüsilier ausgebildet. Und ja, manche Kasernen heißen wie Kindergartengruppen, passt vielleicht auch ganz gut.
Kurz vor seiner Abfahrt an die russische Front, in der Nacht vom dritten auf den vierten April 1915 musste er wieder Wache schieben. Und da dichtete er das „Laternenlied“. Und widmete es, so will es die Legende, sowohl der Gemüsehändlerin Lili als auch der Krankenschwester Marleen.
Die letzte Strophe endet etwas gruselig. Übrigens die einzige, die wir zitieren dürfen:
„Aus dem stillen Raume, aus der Erden Grund
Küßt mich wie im Traume, dein verliebter Mund
Wenn sich die späten Nebel drehn
Werd‘ ich bei der Laterne steh’n
Wie einst Lili Marleen
Wie einst Lili Marleen.“
Und in dieser Form schlummerte dieses kleine, melancholische Werk in seinem Gedichtbändchen „Die kleine Hafenorgel“.
Bis im Herbst 1937 der erfolgreiche Komponist Norbert Schultze auf der Suche nach Texten darauf stieß. Ein Freund hatte ihn gebeten, für eine Radiosendung ein paar Shanties zu schreiben. Und so bekam unsere Lili Marleen die Melodie, die wir alle kennen.
Doch Schulzes Freund mochte das wehmütige Liedchen nicht. Und, so sehr er sich auch mühte, der Komponist konnte einfach sonst auch niemanden finden, der ihm das einsingen wollte. Keiner mochte den Song.
Also schickte er in seiner Verzweiflung das Liedchen an eine Bekannte, mit der er in den Zwanzigern eine kurze Affäre hatte. An die Liese. Genauer an: Lieselotte Helene Berta Bunnenberg.
Mittlerweile war aus der Liese aber die Lale geworden. Die Lale Andersen. Und die schlug sich recht und schlecht auf Berliner Bühnen durch. Sie stimmte zu.
Also nahmen die beiden die Lili Marleen auf. Eine ganze Nacht dauerte die Aufnahme. Als die Sonne am 1. August 1939 aufging, war man fertig.
Gerade noch in Friedenszeiten kam die Platte auf den Markt. Schultze mochte das Arrangement nicht, mit dem blöden Zapfenstreich und dem Soldatenchor und diesem dezenten Marschrhytmus. Und Lale Andersen gefiel das Lied insgesamt nicht. Die Melodie würde überhaupt nicht passen zum Text, meinte sie ihr Leben lang.
Aber da war sie geboren, die Lili Marleen. Ungeliebt von Mama und Papa.
Dann lag sie in den Musikalienhandlungen und Kaufhäusern. Wie Blei lag sie da. Keiner wollte sie haben. In ihren ersten beiden Jahren wurden genau 700 Stück verkauft.
Im April dieses Jahres 1941 nahmen deutsche Truppen auch Belgrad ein. Damals die Hauptstadt von Jugoslawien. Mit einem Radiosender mit besonders großer Reichweite. Der in der Lage war, Nazi-Propaganda weit in den Äther zu senden.
Leutnant Karl-Heinz-Reintgen wurde befehligt, von Belgrad aus ein richtig teutsches Programm zu senden. Doch die Anfänge waren sehr dürftig. Das Dach war kaputt, das Studio unter Wasser und die Vorgänger hatten bei der Flucht doch glatt alle Platten mitgenommen.
Also ließ sich Reintgen vom Reichssender Wien eine neue Plattensammlung schicken. Und die entledigten sich bei der Gelegenheit 60 ihrer Ladenhüter. In einer der zwei Holzkisten verstaubte auch unsere Lili Marleen.
Leutnant Reintgen verliebte sich ein bisschen in die Gemüsehändlerin und die Krankenschwester. Er machte sie zur Erkennungsmelodie seines Senders. Trotzdem nahm er sie Ende Juli aus dem Programm, er hatte etwas Schnittigeres in den Kisten entdeckt.
Bis die ersten Briefe und Karten von Soldaten eintrafen, die darum baten, Lili Marleen bitte wieder zu spielen. Jeden Tag wurden es mehr und mehr Bittgesuche, bis zu 12.000 Stück. Am Tag! Eines der Bittgesuche war wichtiger als andere. Generalfeldmarschall Rommel persönlich setzte sich für unsere Lili ein. Und so tauchte sie bald bis zu vier Mal am Tag im Programm auf.
Aber egal, wie oft tagsüber diese eine, arme Platte abgespielt wurde, eines wussten deutsche Soldaten genau: Jeden Tag um 21:57 h kam sie! Jeden Tag! Verlässlich. Egal, welche Gräuel man an diesem Tag gesehen hatte. Lili Marleen wartete an der Laterne. Jeden Tag.
Auch in Nordafrika standen damals deutsche Soldaten. Und ihnen gegenüber standen britische Soldaten. Jede Nacht, kurz vor zehn Uhr abends, erschall im deutschen Lager dieses eine, kleine wehmütige Lied.
Bis eines Abends von britischer Seite ein Ruf kam: „Comrades, make it louder!“ Und das taten die Deutschen. Was, historisch belegbar, an jedem Tag zu drei Minuten Kampfpause führte, so verliebt waren die Briten in das sentimentale Lied.
„Überall in der Wüste“, so schrieb ein Kriegsberichterstatter zurück nach London, „…singen und pfeifen unsere Soldaten dieses deutsche Lied!“
Das störte die britische Militärführung sehr. Die Generalität erließ Befehle, dass dieser deutsche Unfug aufzuhören habe. Doch die Soldaten ließen sich nicht von ihrer liebgewonnenen Lili-Marleen-Feuerpause abhalten. Drei Minuten herrschte Musik und nicht Krieg.
„Wenn es euch stört, dass wir ein deutsches Lied singen, dann gebt uns doch einen englischen Text dazu!“
Daheim in Berlin aber schäumte Goebbels wütend vor sich hin. So ein unberechenbarer Propagandasieg, das gefiel ihm gar nicht! Und diese Andersen, die hatte eine Liebschaft zu einem Juden in der Schweiz! Und der Text, der war „wehrkraftzersetzend“! Pessimistisch und undeutsch ist dieses Machwerk und „…eine Schnulze mit Leichengeruch“.
Lale Andersen, die Stimme der Lili Marleen bekam Auftrittsverbot und ihr Name verschwand von heute auf morgen aus allen Presseberichten. Auch zur Einjahresfeier des Reichssenders Belgrad durfte sie nicht fahren, um die Lili Marleen für die Soldaten live einzusingen. Goebbels wollte sie vergessen machen. Sie bekam Hausarrest.
Und das Lied ließ er gleich auch noch verbieten! So! Basta! Wäre ja gelacht!
Doch die Berichte vom Erfolg des Schlagers im Ausland brachten ihn vielleicht doch ins Grübeln. Oder war es der begeisterte Ausspruch des Führers: „Dieser Schlager wird nicht nur den deutschen Landser begeistern, sondern möglicherweise uns alle überdauern.“?
Nach kurzer Zeit nur wurde das übereilte Verbot wieder aufgehoben. Es gab eben schon damals Dinge, denen sich auch der ganze braune Propaganda-Apparat nicht entgegenstellen konnte. Wie dieses unbedeutende Stückchen Musik. Erzählt von einem kleinen, unwichtigen Soldaten. Gesungen aber von einer Frau.
1942 gab es in Großbritannien schon die zweite Version, dieses Mal eingesungen von Vera Lynn. 1943 sang Marlene Dietrich diese Version vor amerikanischen Soldaten und wahrscheinlich war ihnen nicht klar, dass das Stück vom Feind geschrieben worden war.
1943, nach der Niederlage in Stalingrad war allen Militärs, inklusive der deutschen, klar, dass der Krieg für die Deutschen verloren war. Der britischen Spionage war nicht entgangen, dass Lale Andersen irgendwie verschwunden war, während ihr Lied immer und immer populärer wurde.
Sie setzten das Gerücht in Umlauf, dass Goebbels sie ins KZ gesteckt hätte und sie dort verstorben sei. Das nannte man damals Propaganda, heute nennen wir das Fake News, ist aber genau das Gleiche.
Entsetzen unter allen Soldaten aller Nationen: Die Nazis hatten ihr erotische Sehnsuchtsobjekt genommen! Sie hatten das Mädchen unter der Laterne getötet! Wenn wir, nach dem Krieg, zur Laterne zurückkehren, wartet Lili Marleen nicht mehr auf uns!
Für die alliierte Seite war das ein weiterer Beleg für die Unmenschlichkeit der Deutschen. Und auch auf deutscher Seite durfte dies weit wehrkraftzersetzender gewesen sein, als das Lied es selber je hätte sein können.
Im Endeffekt hatte Hitler mit seiner Analyse recht behalten. Denn 1945 brachten er und Goebbels sich um, während die Alliierten immer noch Lili Marleen trällerten. Mit dem Sieg über Deutschland und das Nazi-Regime war für die Überlebenden die Wahrscheinlichkeit stark gestiegen, dass sie ihre persönliche Lili Marleen tatsächlich wiedersehen würden.