Die Oddballs hatten nicht den Plan, sich zu treffen und auch nicht die Absicht, ein Dorf zu gründen. Aber, nachdem sie das Ende der Hippie-Bewegung verschlafen hatten, blieben sie zusammen, mitten in Nebraska und kümmerten sich um ihr wichtigstes Problem: Die Dürre.
Skript
Das Dorf der Spinner hat kein Gründungsdatum, so wie ein echtes Dorf. Es gibt keine Statue des Entdeckers oder Legenden, wie die Siedler das Land den ersten Amerikanern abschwatzten.
Die meisten Oddballs waren der Meinung, dass Dick der Erste war. Irgendwann, Anfang der Siebziger, als die großen Experimente der Hippie-Generation scheiterten, hatte er sein Wohnmobil mitten im Nirgendwo geparkt. Wenn diese Geschichte stimmte, dann war Jane wohl die Zweite, die sich hier niederließ.
Mit der Zeit sammelten sich weitere moderne Nomaden, Tramps und Aussteiger an dem Fleckchen in Nebraska und tatsächlich entstand ein Dorf dort, wo Dick ursprünglich nur eine Pinkelpause machen wollte.
Die Bewohner begannen, Landwirtschaft zu betreiben, nach streng ökologischen Kriterien. Das verlangte die Kundschaft. Bei Mais und Getreide waren die Ansprüche niedriger als bei Cannabis, dem Verkaufsschlager des Dorfs.
Es gab auch ein Pärchen Schweine, ein Dutzend Kühe und einen wöchentlichen Tauschmarkt. Man versammelte sich regelmäßig und eine Bürgermeisterin wurde gewählt. Von außen betrachtet hatte man alles, was jedes normale Dorf ausmachte. Vor allem eine Vielzahl an abweichenden Meinungen zu jedem Punkt der Tagesordnung.
Das wurde offensichtlich, als der Landstrich von der zweiten Dürre in Folge heimgesucht wurde. Der kleine Seitenarm des Platte-Rivers war vertrocknet und der Brunnen wurde vertieft. Man hatte sich geeinigt, dass alle ihr Trinkwasser im Supermarkt kaufen mussten und Duschen oder Baden als unsoziale Tätigkeiten galten. Doch Sparsamkeit macht keinen Regen. Man war ratlos.
Keith erzählte, dass es in Wyoming, wo seine Familie lebte, einen Regenmacher gab. Sein Großvater hielt große Dinge auf dessen Fähigkeiten. Das war genug. Keith wurde dazu verdonnert, zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder mit seinem Vater zu telefonieren, und keine Woche später war der Regenmacher vor Ort.
„Eine schwierige Sache. Das hier“, meinte er fachmännisch, nachdem er in alle vier Himmelsrichtungen gespuckt, den Finger in den nichtvorhandenen Wind gesteckt und mit einem kleinen Löffel von der Erde gekostet hatte. „Sehr schwierig, aber machbar“, verkündete er. Oder anders ausgedrückt: 1200 Dollar, die Hälfte vorab. Morgen würde er ans Werk gehen. Aber am Morgen waren er und die 600 Dollar nicht mehr da. Auch ein Geschäftsmodell, meinte Keith. Es klang anerkennend.
Laura berichtete, dass sie an der Universität mit einem jungen Mann namens Kamon befreundet war. Der hätte gemeint, dass in Thailand der König den Regen macht. Ausgiebige Recherchen im Internet ergaben, dass diese Geschichte sogar einen naturwissenschaftlichen Kern hat. Es gibt den Fon luang – auf Deutsch: Den königlichen Regen tatsächlich.
Man verwendet dabei Flugzeuge, die Wolken mit einer Mischung aus Natrium-, Magnesium- und Calciumchlorid besprühen, damit sie sich dort abregnen, wo man das wünscht.
Und, noch praktischer: Es gab auch in den Staaten Piloten, die diesen Service an Landwirte verkauften. Doug war einer dieser Piloten, der nach einigen Emails eines Tages neben den Wohnmobilen landete. „Ihr habt hier ein Problem“, erklärte er den Anwohnern. Zumindest war das die Botschaft, die zwischen den Schmatzgeräuschen des Kaugummis zu verstehen war.
„Ich kann Wolken regnen lassen, sicher. Aber ich kann sie nicht herzaubern. Und hier ist weit und breit keine Wolke zu sehen. Und der Wetterbericht kündigt auch keine an. Tut mir leid!“. Sprach’s, stieg in sein Flugzeug und schon war der nächste Regenmacher weg. Wenigstens hatte dieser keinen Vorschuss kassiert.
Bei der nächsten Versammlung war also guter Rat teuer, denn die Angst vor einem Totalausfall der wertvollen Ernte war groß. Man saß dieses Mal weiter auseinander als sonst, das Dusch- und Badeverbot war mit olfaktorischen Nebenwirkungen verbunden. Die Person, die den Sprechball zugeworfen bekam, musste laut und deutlich sprechen.
Plötzlich landete der alte Baseball zum ersten Mal in der Hand von Jerry. Alle waren erstaunt, doch Laura versicherte, dass er sich regelkonform gemeldet hatte. Um die Verwunderung zu verstehen, muss man wissen, dass im Dorf der Spinner Jerry die Person war, die die Spinner einen Spinner nannten.
Zu viele Drogen, war eine Theorie, Demenz war eine andere, aber selbst hier war der Umgang mit jemandem, der laut eigener Aussage jeden Tag mit den Engeln diskutierte, nicht selbstverständlich.
„Wir könnten den Pfarrer aus Lexington kommen lassen. Don Felipe kommt aus Mexiko und hat schon viel für Regen gebetet“, schlug Jerry vor und der Versammlung entwich ein kollektives Stöhnen. Nicht nur ein Christ, nicht nur ein Katholik, nicht nur ein Pfarrer, nein – es musste jemand sein, der kein Englisch sprach – so der Wortlaut der meisten Meldungen.
Doch die Lage war verzweifelt. Gemeinsam entwickelte man eine Strategie. Eine Abordnung der Oddballs würde nach Lexington fahren und das gemeinsame Anliegen Don Felipe vortragen. Man sollte im Gespräch herausarbeiten, dass die meisten Bewohner spirituellen Ideen nicht abgeneigt waren, ohne zu erwähnen, dass niemand einer Kirche angehörte. Nicht lügen, nur anders priorisieren, das war die Methode. Betonen, dass man Landwirtschaft betrieb, nicht betonen, dass man Hanf anbaute – in der Art.
Vier Tage später war Don Felipe vor Ort und besah sich das Dorf der Spinner mit eigenen Augen. Er ließ sich von Maria, die auch aus Mexiko stammte, alle bisher unternommenen Maßnahmen schildern und schüttelte dabei weise sein ergrautes Haupt.
Dann versammelte er alle Bewohner in den Feldern und begann eine Predigt zu halten. Leidenschaftlich erzählte er eine Geschichte aus dem Alten Testament – Maria kam mit dem Simultanübersetzen kaum hinterher.
Don Felipe verordnete den Dorfbewohnern eine Wallfahrt auf die nächste Erhebung, die man hier in Ermangelung von Gebirgen, großzügig Berg nannte. Und mit einer eindringlichen Mahnung beendete er seine Worte. Maria brauchte noch gut fünf Minuten, um die angestauten Worte zu übersetzen.
Da lauschten die Oddballs in ihren T-Shirts, kurzen Hosen und Flipflops und ließen sich von Maria erklären, dass der Erfolg der Wallfahrt nur von ihrem Glauben abhing. Nur, wenn ihr Glaube stark genug sei, würden ihre Nöte Gottes Ohr erreichen. Es wäre jetzt für alle der richtige Zeitpunkt, die Sünden zu bekennen und umzukehren. Alle drehten sich zu den Wohnmobilen um – Maria erklärte hastig, dass die Umkehr bildlich gemeint gewesen sei.
Schweigen. Hier der Pfarrer, dort das Dorf der Spinner. War alles schon gesagt?
Da meldete sich Jerry zu Wort: „Das ist ja alles schön und gut. Aber können wir endlich los? Ich schwitze mich noch kaputt hier!“
Nun drehten sich alle Köpfe zu Jerry. Der stand in der Menge mit Gummistiefeln, einem Regenmantel und hatte einen riesigen, knallroten Coca-Cola-Regenschirm aufgespannt.
„Kein Wunder, dass Du schwitzt – warum bist Du denn auch so angezogen, Jerry?“, fragte die Bürgermeisterin.
„Na, wir beten doch jetzt um Regen, oder? Und ich will mir doch keinen Schnupfen holen!“, erklärte er.
Allgemeines Gelächter, aber man zieht los zu der Erhebung, die die Rolle des Bergs verkörpern soll. Und kaum waren die ersten Meter gegangen, donnerte es in der Ferne. Ein Sturm kam auf und nicht einmal eine Viertelstunde später regnete es zum ersten Mal diesen Sommer. Die Oddballs schauten aus ihren Wohnmobilen dem Wunder die ganze Nacht zu. Nicht, dass jemand spontan katholisch geworden wäre, aber nachdenklich, das wurde man im Dorf der Spinner. Sehr nachdenklich.
Zumindest für die Dauer des Wolkenbruchs.