Da ist das mythische Atlantis, aber haben wir nicht selber Städte, oder zumindest Dörfer überflutet? Da war doch diese Kirche, die aus dem Stausee ragt? Wo war das? Recherchieren wir gemeinsam.
Skript
Das war natürlich der Songtext von Donovans „Atlantis“. Das ist genau einer dieser Hippie-Songs, wie ich sie geliebt habe. Und, weil damals Recherche nicht so einfach war wie heute, habe ich folgerichtig irgendwie auch an Atlantis geglaubt.
Die Wahrscheinlichkeit für dessen Existenz ist aber eher im Promillebereich. Es gibt im Prinzip nur Platon als Quelle und das in einem Text, der sehr offensichtlich als Allegorie gedacht ist. Schade.
Untergegangene Städte oder Dörfer? Gibt’s schon. Alexandria, zum Beispiel.
Und: Wie hieß noch einmal das Dorf in dem Stausee, wo bei niedrigem Wasserstand der Kirchturm auftaucht? Da war doch was. War das ein Don-Camillo-Film? Schauen wir einmal. Siehe da, solche Dörfer gibt es hundertfach auf der Welt.
Hunderte Male auf der Welt gibt es Mini-Atlantis und wir wissen genau, warum diese Orte untergegangen sind. Denn wir haben sie geflutet. Aber welches Dorf habe ich gemeint? Recherchieren wir einmal gemeinsam.
Ich habe erst vor kurzem von diesem Schweizer Dorf gehört. Also, der erste Verdacht:
Innerthal
Innerthal, im Wägitalersee, in der Schweiz. Dort baute man im Jahr 1924 mit 111 Metern die damals höchste Staumauer in ganz Europa. Das alte Dorf Innerthal musste sich anpassen, über 100 von 368 Menschen mussten die Gemeinde verlassen. Im tiefblauen Bergsee kann man bei Tauchgängen immer noch auf alte Grundmauern stoßen. Aber, da steht: Die Kirche wurde vor der Flutung gesprengt. Damit eben nicht der Turm noch aus dem See ragt. Das war’s also nicht.
Vielleicht suche ich lieber überall. Was haben wir denn da? Venezuela? Na, vielleicht Venezuela. Schauen wir einmal
Potosi
Im, mit 1.200 Einwohnern, quicklebendigen Dörfchen Potosi landete im Jahr 1985 ein Hubschrauber. Carlos Andres Perez stieg aus und ließ alle Einwohner zusammentrommeln. Er war der Präsident von Venezuela und so kamen auch alle, einige zum ersten Mal in ihrem Leben.
„Es ist so: Wir bauen einen Staudamm und werden hier alles fluten. Ihr seid alle enteignet und müsst woanders leben. Wie? Ach, noch diesen Sommer! Und tschüssokowski!“ – und weg flog er. Tschüssikowski hat er wahrscheinlich nicht gesagt.
Fast 20 Jahre lang ragte nur das einsame Kreuz der Kirchturmspitze aus dem Wasser, das Boote zur Orientierung nutzten. Durch das Wetterphänomen El Niño trocknete der Stausee 2010 aber so massiv aus, dass die gesamte gotische Kirchenruine wieder im Trockenen stand. Totenbleich, aber stolz in einer kargen, menschenverlassenen Landschaft.
Aber die war’s, glaube ich, auch nicht. Da ragte ja wirklich nur das Dach des Turms und das Kreuz aus dem Wasser. Suchen wir noch einmal nach Kirche.
Oh. Brasilien?
Petrolândia
Petrolandia hat 36.000 Einwohner und das größte Pro-Kopf-Einkommen der Provinz – ist wohl doch nicht untergegangen. Ach, doch. Teilweise. Wegen des Wasserkraftwerks. Na, dann schauen wir einmal weiter.
Gegründet 1909. In den 70ern begann man den Itaparica-Staudamm zu bauen, und zwischen 1987 und 1988 zwang man 10.000 Familien umzusiedeln.
Okay, da schaut wirklich das Betonskelett einer Kirche aus dem Wasser. Die Kirche hieß Igreja Sagrado Coracao de Jesus. Schaut aus wie ein Stück Godzilla-Skelett. Oder das einer mythischen Riesenschlange, bloß aus Beton und Ziegelsteinen. Klar gibt’s da Boots- und Tauchtouren, schaut auch toll aus.
Aber: Kein Kirchturm. Das war’s auch nicht. Wir sollten wieder nach Europa zurück, glaube ich.
Aceredo
Das spanische Grenzdorf Aceredo in Spanien wurde 1992 für den Bau des portugiesischen Lindoso-Staudamms überflutet. Hatten wir ja jetzt schon oft, die Zahl der umgesiedelten Familien suche ich jetzt mal nicht.
Okay. Durch extreme Dürreperioden in Südeuropa tauchte das Dorf in den letzten Jahren fast vollständig wieder auf. Und, was soll ich sagen: Die Kulisse ist gespenstisch, wie in einem dystopischen Film. Wie nach dem Atomkrieg, oder der Zombie-Katastrophe: Autowracks rosten in den Straßen, da stehen noch Flaschen auf den Tresen der alten Cafés und hier steht: „Aus einem alten Brunnen fließt sogar noch Wasser“.
Spooky, but no Kirchturm. Gut. Dann gehen wir halt nach Deutschland. Vielleicht war es nicht Don Camillo, sondern Pfarrer Braun, gespielt von Heinz Rühmann. Gleiche Epoche. „Edersee-Atlantis“ steht da. Ist ja schon einmal vielversprechend.
Edersee-Atlantis
„Für den Bau der Edertalsperre mussten zwischen 1908 und 1914 die drei Dörfer Asel, Berich und Bringhausen weichen“, steht da. Wird es noch nicht viele Proteste gegeben haben, unter dem Kaiser.
Da steht noch: „In heißen Sommern sinkt der Pegel des Edersees so stark, dass das ‚Edersee-Atlantis‘ aufersteht. Besucher können dann über die alte, vollkommen erhaltene Aseler Sandsteinbrücke spazieren, Fundamente von Häusern besichtigen und sogar die Grabsteine der alten Friedhöfe sehen“.
Ja, nee. Ist schön für die Besucher. Aber das ist es auch nicht, kein Kirchturm, der aus dem Wasser ragt. Zurück zu Don Camillo.
Fabbriche di Careggine
Das mittelalterliche Dorf Fabbriche di Careggine, das ist beim Lago di Vagil, wurde im Jahr 1946 durch die Errichtung einer Staumauer im Fluss Edron geflutet. Ob das nötig war? Ist jetzt kein Riesen-Stausee.
Alle paar Jahrzehnte wird er für Wartungsarbeiten komplett abgelassen und dann taucht das mittelalterliche Dorf als steinerne Geisterstadt wieder aus den Fluten auf. Wohnhäuser, Brücke und die Kirche St. Theodoro. Schaut ein bisschen schlammig aus, alles.
Ach, man plant scheinbar, den See regelmäßiger abzulassen, um den Tourismus anzukurbeln. Das passt auch nicht zu Mini-Atlantis, oder?
Aber, hier: „Der einsame Kirchturm“
Curon / Graun
Im Jahr 1950 wurde das Dorf Graun, italienisch Curon, für die Zusammenlegung zweier Seen aufgestaut. Hier kam es allerdings zu heftigen Protesten. Das Dorf ist in Südtirol und war, kurz nach dem Krieg, allgemein nicht so glücklich mit der Politik der italienischen Regierung. Das hat gute Gründe, denn tatsächlich hat Rom versucht, die deutschsprachige Bevölkerung zu einer Minderheit zu machen. Das kann man durchaus objektiv so sagen. Egal: Im Winter friert der See zu, und man kann zu Fuß zu diesem Wahrzeichen wandern.
Das meinte ich! Das ist der Kirchturm! Ach, und das mit Don Camillo war ein Missverständnis. Dessen Dorf in der Po-Ebene wird in „Don Camillos Rückkehr“ überflutet und er weigert sich, Brescello zu verlassen und ist dann mit einem Boot unterwegs. Da habe ich etwas durcheinandergebracht, sorry!
Okay. Also, was haben wir: Graun = Mini-Atlantis. Nee, das ist keine gute Hypothese. Daraus kann ich nicht wirklich eine Episode machen. Schade.
Quellen, dieses Mal weniger textlich, sondern bildlich:
Innerthal, Nationalmuseum: The sunken village
Potosi, Artour: Potosi
Petrolândia, Empetur: Igreja Sagrado Coracao de Jesus
Aceredo, Getty Images: Aceredo Village, Spain’s Submerged Atlantis Resurfaces
Edersee, Edersee-Marketing: Stroll over sunken bridges
Fabbriche di Careggine, My Travel in Tuscany: The Submerged Village underneath Lake Vagli, Tuscany
Graun, Imago: South Tyrol, sunken village of Graun on Lake