Turisti!

Nerven Touristen in Italien? Was sind typische Formen des Fehlverhaltens? Was stört Italiener*innen wirklich an den Besuchern? Wer reist überhaupt nach Italien – und: Wer führt die berühmten Handtuchkriege an der Adria?

Skript

Okay, ich weiß. Das Intro ist in Italienisch. Es behandelt eine Reihe von Fragen, die Touristen in Italien gestellt haben. Einige Beispiele? Um welche Uhrzeit schließt Venedig? Wo ist das Kolosseum in Verona? Wo fährt in Rom der Bus zum Turm von Pisa? Hat Raffael die Raffaello erfunden? Wann findet denn die Aufführung mit den Löwen im Kolosseum statt? Wo sind denn die Mumien, hier in Pompeji? Wann bricht denn der Vulkan endlich aus? Wie weit ist es von Florenz in die Toskana? Und so weiter und so fort.

Wo es Touristen gibt, gibt es auch solche Geschichten. Ich habe mich für diese Folge lange auf Reddit rumgeschlagen. In Polen findet man es nicht so toll, wenn Touristinnen in Auschwitz Selfies machen, Deutsche sind – in der Regel – nicht begeistert, wenn sie mit dem Hitlergruß begrüßt werden und Schwedinnen brechen nicht in Begeisterung aus, wenn Turisti den Baum einer öffentlichen Allee fällen, weil sie denken, das wäre durch die Erlaubnis des Wildcampens mit im Angebot.

Ich habe Italienisch mit einer Reihe von Apps erlernen wollen. Und mit einer Online-Sprachschule. Und mit Podcasts. Die geben alle gerne Hinweise auf Dinge, die man in Italien auf gar keinen Fall machen darf. Hier die Top Ten, gemittelt durch alle Quellen:

Cappuccino nach elf Uhr bestellen. Pasta mit dem Messer schneiden. Ketchup verwenden, egal ob auf Pasta oder Pizza. Käse auf Fischgerichte streuen. Ananas auf der Pizza. Ungepflegt das Haus verlassen. Jogging-Anzüge in der Stadt. Flip-Flops in der Stadt. Die falschen Handgesten benutzen. Pünktlich sein. Die Mamma beleidigen.

In Italien werden Milchprodukte als etwas verstanden, das die Verdauung beansprucht. Man trinkt mittags keinen Cappuccino mehr, weil der zu stark sättigt. Weil Milch in der Hitze im Bauch schlecht wird, meint die Nonna. Handelt man anders, erregt das nicht sittlichen Widerspruch, sondern verdauungstechnisches Unverständnis.

Warum Spaghetti klein schneiden, wenn sie absichtlich lang produziert werden? Man kann ja auch kurze Nudelsorten bestellen. Ketchup gehört an nichts anderes als an Pommes. Es ist eine Tomatensauce mit extra viel Essig und noch mehr Zucker. Warum sollte sich ein Koch bemühen, das Aroma von Trüffeln auf deine Nudeln zu zaubern, wenn Du dann zwei Löffel Zucker und einen Löffel Essig draufhaust? Eben. Warum stundenlang Baccala einweichen und vorsichtig einkochen, wenn Du dann Parmiggiano draufstreust?

Dann die Hinweise zur Bella figura: Keine kurzen Hosen, Flip-Flops, verschwitzte T-Shirts und Jogging-Hosen. Das ist vielleicht in den Städten wichtig, hier gibt es genug Eingeborene, die in kurzen Hosen und Flip-Flops auftauchen.

Ich würde auch davon abraten, Handgesten zu imitieren. Die werden generell anders angewandt, als man glaubt. Und warum solltest Du irgendeine Mutter beleidigen? Was soll dieser Hinweis?

Fahren wir das Ganze noch einmal herunter. Ich war, bevor wir ausgewandert sind, über Jahrzehnte ein deutscher Tourist in Italien. Von München aus bietet sich das einfach an. Ich bin durch Florenz, Rom, Mailand, Verona und unzählige andere Städte als Tourist gestapft.

That said: Ich lebe jetzt seit fünf Jahren in Italien und nehme Touristen jetzt etwas anders wahr. Ich begegne meinem alten Alter Ego. Mein altes Alter Ego gab sich seine liebe Mühe, als Tourist nicht allzu belastend aufzufallen.

Es stellt sich die Frage, was Italienerinnen wirklich an Touristinnen stört, oder? Könnte man ja mal fragen, oder? Hat auch schon jemand gefragt.

Und? Tada! Mit 69 Prozent stören sich die meisten, wenn die historischen Monumente nicht respektiert werden. Wenn, wie 2025, ein amerikanischer Tourist seine Initialen ins Kolosseum einritzen muss. Es ist auch nicht in Ordnung, sich ein Stückchen Kolosseum in die Tasche zu stecken – die Strafen sind schmerzhaft. 2025 wurden Besuchern insgesamt 14 Tonnen Adriasand abgenommen.

Es gibt hier Orte, die ihre Monumente einzäunen müssen, damit keiner hineinpisst oder hineinkotzt oder darin nachts laute Parties feiert. Für Menschen, für die ihr kulturelles Erbe ein Leben lang ganz selbstverständlich zugänglich war, für Einheimische, bdeutet das aber eine Einschränkung der Freiheit.

Mit weitem Abstand folgt Punkt zwei, 24 Prozent: „Sie sind laut und hinterlassen überall ihren Müll!“. Was soll man sagen? Das Forum Romanum ist nicht Disneyland, vielleicht? Besonders, weil in Rom überall Papierkörbe rumstehen.

Mit 19 Prozent, also ungefähr jede fünfte befragte Person, folgt: Sie bestellen im Restaurant Spezialitäten aus ihrem Land, obwohl sie nicht auf der Karte stehen.

18 Prozent stören sich am Schneiden der Pasta, 12 Prozent am verspäteten Cappuccino – aber genauso viele waren genervt, wenn Turis selbstverständlich davon ausgehen, dass man ihre Sprache versteht.

Zehn Prozent können nicht damit umgehen, wenn sie mit Unbekannten Small Talk führen müssen. Es ist hier nicht üblich, zum Beispiel Verkäufer*innen danach zu fragen, wie es ihnen denn heute so geht.

Sieben Prozent ärgern sich, wenn Turisti sich im Restaurant einfach an einen freien Tisch setzen und fünf Prozent meinen, dass „Ciao“ und „Grazie“ zum Mindestwortschatz zu gehören hätten, wenn man in Italien unterwegs ist. Finde ich eine angemessene Kritik.

Die meisten Touristen in Italien, nämlich 34 Mio., kommen aus? Aus Italien! Davon verreist wiederum der größte Teil rund um Ferragosto. Ein Feiertag, den übrigens Kaiser Augustus eingeführt hat. Für viele Italiener ist es Ritus, mindestens einmal im Jahr ans Meer zu fahren und „das Bad“ zu machen.

Die Nicht-Italiener sind aber auch über 40 Mio. Menschen. Ein gutes Drittel, 13. Mio, kommen aus Deutschland, 5,6 Mio. aus den USA, 4,6 Mio. aus Frankreich, 3,3 Mio. aus der Schweiz, 3,1 aus dem Vereinigten Königreich, 2,8 Mio. aus Österreich, 2,3 Mio. aus den Niederlanden, 1,9 Mio. aus Spanien, 1,5 Mio. aus Polen und 1,3 Mio. aus Belgien.

Ein Beispiel für den Clash of Civiliations sind die berühmten Handtuchkriege an der Adria. 51 Prozent der Deutschen und 46 Prozent der Briten glauben, dass besonders Deutsche dazu neigen, sich ihre Liegen schon bei Sonnenaufgang mit einem Handtuch zu reservieren. Beide Nationen sind sich einig, dass die Briten beim Schummeln die Silbermedaille verdient haben.

Tatsächlich sind es aber – gleichauf – die Italiener und die Franzosen, die heimlich die Nase vorn haben. An den wenigen öffentlichen Stränden der Adria gibt es auch die Sitte, den Sonnenschirm über Nacht stehen zu lassen, um sich die besten Plätze zu reservieren. Furbetti dell’ombrellone nennt man solche Menschen. Die „Schlaumeier der Sonnenschirme“ könnte man übersetzen.

Sicher gibt es ernsthafte Probleme durch den Massentourismus, aber der Cappuccino gehört sicher nicht dazu.

Quellen:

Preply: Italia, una calamita per i turisti: i comportamenti che infastidiscono particolarmente gli italiani

The Guardian: Germans hogging the sunloungers? Poll finds Italians and French are worse

Reddit: Qual è la nazionalità dei peggiori turisti?

Reddit: Che opinione hanno generalmente gli italiani sul turismo in Italia e sui turisti?

Youtube: Intro: Absurd questions from tourists