Da hat man einmal eine Lieblingsserie gefunden, sich in die Charaktere verknallt, kennt jedes Bühnenbild auswendig und – zack – wird sie nicht fortgesetzt. Wie in den USA Serien entstehen und produziert und vermarktet werden, ist ein hochkomplexer Prozess. Den wir uns einmal anschauen. Am Beispiel meiner Fernsehserie.
Skript
Also ich hab‘ da ja eine tolle Idee für eine Sitcom. Da ist diese junge Frau, die ist voll der Computernerd. Mit weißem Hemd und Kulis in der Brusttasche. Und da ist dieser reiche Banker, der aber auch ein Zombie ist. Und da ist ein Geist. Eine Geistin. Die war Sklavin im amerikanischen Bürgerkrieg und ist immer stinksauer. Und zuletzt ein Androide von einem anderen Planeten. Der hält sich für abwechselnd für James Bond oder Garfield. Die teilen sich eine WG in Los Angeles.
Voll witzig, oder? Das muss unbedingt ins Fernsehen, oder? Wird besser als Big Bang Theory, oder? Heißt, Arbeitstitel: „Bag Bing Hypothesis“. Wie läuft das jetzt ab, bis die Millionen auf mein Konto kommen?
Es scheint ein guter Rat zu sein, sich erst einmal einen Agenten oder eine Agentin zu suchen. Meine hast Du ja schon im Intro gehört. Wie viel sie verdient, ist geregelt, es sind zehn Prozent meiner Millionen. Der habe ich mein Exposé geschickt. Welches die tolle Idee in ganz wenigen Sätzen zusammenfasst.
Die müssen echt gut sein, denn das ist der Text, den alle lesen. Alles andere lesen nur Spezialistinnen und Spezialisten. Was ist das Ziel des Piloten, was ist das Ziel der Serie? Welche Art von Humor wird bedient, welche Zielgruppe angesprochen? Das muss da rein.
Das Exposè fand die Agentin überzeugend und sie hat angefangen, für mich rumzutelefonieren, um ein Studio zu suchen. Das ist heutzutage wieder üblich. Also bei den großen Sendern, aber die Streamer halten das mittlerweile auch wieder so. Die Pilot-Season is back, Baby. Aber ich will ja eh zu NBC. Während sie sucht, schreibe ich die allererste Folge. Die Pilotfolge.
Das folgt stark standardisierten Regeln. Drehbücher sind mehr durchformatiert wie Masterarbeiten an der Uni. Es gibt ein Haufen Fachbegriffe und Abkürzungen zu kennen. Und eine Seite Drehbuch muss einer Minute Fernsehen entsprechen. Sitcoms sind Halbstünder. Also eigentlich 22-Minüter. Also sollte mein Pilot 22 Seiten umfassen. Aber: Ich will ja Multicam, da brauche ich wahrscheinlich doppelt so viel, da muss man noch detaillierter sein.
Und ich muss schon die Breaks für die Werbepausen einbauen. Mittlerweile auch bei Amazon Prime und Netflix. Wenn der Werbebreak kommt, muss es gerade interessant sein. Oder sehr lustig. Damit die Leute vor dem Fernseher auch die Werbung kucken. Denn Geld ist alles, worauf es ankommt.
Das Studio schlägt meine Serie jetzt einem Network vor. Das alles kann Wochen gehen. Und findet alles rituell im Juni und Juli statt. Aber ich habe Glück und darf vor der Führungsetage von CBS pitchen. Die sind Studio und Network. Gehören zu Paramount, was leider jetzt den Ellisons gehört. Unsere Präsentation dauert zehn Minuten und ich muss dort verkaufen, verkaufen, verkaufen. Aber es läuft prima.
Jetzt kommt das Notening. Die Phase, an der jeder an meinem Drehbuch rumschrauben darf. Und ich muss das in einer Tour immer neu schreiben. Denn das CBS Studio und das CBS Television Network haben verschiedene Interessen. Für das Studio ist mein Humor nicht schwarz genug. Aber das Network will mehr familienfreundliche Gags – das lässt sich besser international verkaufen. Im Endeffekt entscheidet aber das Network. Die zahlen ja schließlich. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.
Das hat jetzt alles bis Ende September gedauert. Ein Outlining musste ich auch noch schreiben – interessiert laut meiner Agentin keinen, aber wenn die Serie ein Erfolg wird, hat man wenigstens Grundlagen zum Streiten.
Im November bekomme ich ein Go: CBS, das Network, bestellt das Drehbuch. Das heißt, dass ich es noch einmal schreiben muss. Auf die Notes und das Outlining eingehen muss. Und auf die neuen Notes auch noch. Aber immerhin: Wir kriegen wenigstens Geld dafür.
Es ist Ende Januar, da kommt die SMS. CBS bestellt die Produktion der Pilotfolge! Hurra!
Für meinen Pilot berechnet die Produktionsfirma, wahrscheinlich eine Million. Was für einen Sitcom-Piloten eher knapp unter dem Durchschnitt ist. Aber alles ist teuer, Beispiel: Jede Kamera – wir brauchen drei – werden uns mit 1500 Dollar berechnet. Am Tag.
Jetzt muss ich nicht nur den Piloten noch einmal schreiben, das Studio ist auch am Casten wie doof. Ich habe auf einmal drei Autorinnen und Autoren in einem Raum sitzen, die auch Episoden für meine Serie schreiben werden. Das war mir neu. Aber sind alles nette Menschen und man hat viel Spaß. Bei den 10 bis 14 Stunden, die wir vielleicht bald werktäglich in einem Raum verbringen werden, ist das auch ganz gut.
Meine Agentin hat gefragt, ob ich noch einen anderen Piloten in der Tasche hätte. Komische Frage.
Mein Traum wird wahr! Das Filmen fängt an! Einige bekannte Gesichter sind unter den Schauspielenden, das ist superwichtig. Denn das gefällt den Werbekund*innen. Und die haben das Geld und Geld ist alles, worauf es ankommt. Der Pilot wird fertig. Mal schauen, ob CBS das zum Angeben hernehmen wird.
Und auch hier haben wir Glück! Das Telefon klingelt, es ist mittlerweile Mitte Mai: Wir dürfen zum Upfrontening! D.h. in New York hat sich jemand für uns interessiert. Und da müssen wir in 12 Stunden auch alle sein. Hauptrollen, Showrunner, Produktion, meine Agentin und ich. Das bedeutet vor allem auch, dass unsere Pilotfolge ausgestrahlt werden wird!
Da sitzen wir also alle an einem Tisch und vor uns die Werbeagenturen New Yorks. Mit ihren wichtigsten Kund*innen. Und ausgewählten Pressemenschen. Wir werden ganz schön ausgequetscht. Es geht darum, zu erklären, warum die Serie ausgerechnet bei den solventen Zielgruppen erfolgreich sein wird. Damit das Geld der Leute vor dem Fernseher zu den Werbetreibenden und in die Industrie fließt. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.
CBS ordert dreizehn Episoden, die jetzt ruckizucki von meinem Team und mir geschrieben werden müssen. Es werden noch einmal einige Schauspielende und die Regie ausgetauscht. Und auch Schreibende gefeuert und neue an Bord geholt. Alle sind sehr aufgeregt! Und arbeiten wie die Bienen.
Mitte Juli haben wir eine Präsentation auf der Comic-Con. Die Fans haben den Piloten gesehen und löchern uns mit Fragen. Aber wir wissen nicht viel zu sagen – die zweite Folge wird ja gerade erst gedreht. Es gilt also, sich geschickt durchzulavieren. Vor allem dem Studio ist wichtig, dass wir hier gut verkaufen. Denn diese Fans, das sind die Leute, die dann das Merchandise kaufen. Und Geld ist alles, worauf es ankommt.
Jetzt ist schon Anfang August. Ich bin schon anderthalb Jahre in diesem Karussell. Und während wir gerade die dritte Folge drehen, ruft meine Agentin an. CBS hat die Order widerrufen. Nein, das sei durchaus normal. Zu wenig Agenturen haben Sendeplätze gekauft. Ich hätte wohl nicht sagen sollen, dass die Serie eine Kapitalismus-Satire sei, meint sie.
Und sie fragt, ob ich noch einen Piloten habe. Dann könnte ich nächstes Jahr noch einmal mein Glück versuchen. Denn eigentlich ist es für den Anfang supergut gelaufen. Und die Fans hätten’s ja auch gemocht. Und sie würde mich auch lieben – also beruflich. Nicht romantisch, heißt das wohl. Ich frag‘ aber nicht. Sie meint, ich hätte supergute Karten für die nächste Runde.
Na ja. Alles schön und gut. Ich bin aber trotzdem ein bisschen traurig. Auf der anderen Seite: Ich hatte meine Idee ja gar nicht mehr wieder erkannt. Am Ende war die Show über drei männliche Quantenphysiker, die aus Versehen als Cheerleader bei einer zweitklassigen Basketballmannschaft angestellt werden.
Bleibe ich lieber Podcaster!
Quellen:
Variety: „Why NBC Is Reviving Pilot Season“
The Ankler: „Is Pilot Season Taking Off Again?“
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