Ballett: Pappe, Leim und 32 Drehungen

Warum Ballettschuhe aus Zeitungspapier und Leim gebaut werden, was Pierina Legnani mit 32 Drehungen anrichtete – und weshalb Anna Pavlova des Betrugs bezichtigt wurde. Eine Hommage an ein absurdes Handwerk.

Skript

Ich gebe es zu: Ich bin ein Tanzmuffel. Genauer: Auf Parties oder in Clubs tanze ich selber so viel und so leidenschaftlich, dass ich am nächsten Tag Muskelkater hab‘. Ich meine eher: Ich schaue Anderen nicht gerne beim Tanzen zu. Egal ob es Olympiaden, Reality-Shows oder aber das klassische Ballett sind – mir fehlt irgendwie der Sinn, das zu bewundern.

Ich weiß die Körperbeherrschung und die Tradition und die Musik und die Eleganz und das ganze Drumherum durchaus zu bewundern. Aber, ich langweile mich im klassischen Ballett. So, jetzt ist es raus.

Ich habe es durchaus versucht. „Schwanensee“ hat mir gut gefallen. Auch der „Nussknacker“. Aber das lag ganz allein an der Musik. Tut mir wirklich leid.

KI: Schon gut. Es reicht langsam an bildungsbürgerlicher Selbstbezichtigung!

Ich habe es wirklich versucht. Vor kurzem habe ich aus dem Augenwinkel gelesen, wie teuer Ballettschuhe so sind und wie viele eine Ballerina oder ein Ballerino – das ist die korrekte Vokabel, zumindest im Italienischen – so verbrauchen. Es sind im Durchschnitt 100 Paar pro Saison. Und die kosten so um die hundert Euro pro Paar, Zehenpolster, Gummis und Bänder kosten noch obendrauf.

In unseren gewinnorientierten Gesellschaften würde man nicht erwarten, dass wir uns so einen Luxus leisten. Für die Kultur. Für die Tradition. Für die Kunst. Das ist eine tolle Sache, auch wenn ich Banause das nicht verstehen.

Aber bleiben wir doch einmal bei den Ballettschuhen – das ist eine faszinierende Angelegenheit!

KI: Gut. Auf zum Tanz beim Explikator!

Stell dir vor: Du hast Satin, Pappe, Leim und ein bisschen Leder und musst daraus einen Schuh bauen, der es einem Menschen ermöglichen soll, auf den Zehenspitzen zu tanzen. Nicht nur zu stehen, sondern sich auch zu drehen, zu springen und elegant auszusehen dabei.

Der Ballettschuh ist ein perfektes Beispiel dafür, wie hochkomplex eine Ballettvorstellung ist, wie aufwendig unsere klassischen Kunstformen sind und wie erfindungsreich Tänzerinnen und Schuhmacherinnen sein mussten, um das Ballett zu dem zu machen, was es heute ist. Aber fangen wir ganz von vorne an.

KI: Mist, doch wieder eine Geschichtsfolge!

Es ist eine Kulturfolge. Alles fing Ende des 18. Jahrhunderts an, als Charles Didelot auf die Idee kam, Tänzerinnen an Drähten in die Höhe zu liften. Eine sogenannte „Flugmaschine“, die es ihnen ermöglichte, kurz auf den Zehenspitzen zu stehen, bevor sie abhoben. Das Publikum war begeistert von dieser Leichtigkeit, dieser schwebenden Eleganz.

KI: Moment. Die haben Tänzerinnen an Drähten aufgehängt? Das ist ja wie bei Superheldenfilmen, bloß ohne CGI.

Natürlich wollte man irgendwann die Drähte weglassen. Marie Taglioni tanzte 1832 in „La Sylphide“ als eine der Ersten ohne technische Hilfe „en pointe“ – also auf den Zehenspitzen. Ihre Schuhe waren damals die üblichen verstärkten Satin-Pantoffeln. Die Sohlen aus Leder, etwas Baumwolle als Polsterung, die Zehen mit Faden verstärkt, damit die Schuhe ihre Form hielten. Echte Unterstützung für den Fuß gab es nicht.

Dann, in den 1860ern, begannen Tänzerinnen damit, Leim und Nähte zu verwenden, um die Zehenpartie zu versteifen – das nannte man „blocken“. Ein erster Schritt in Richtung Stabilität. Aber die wichtigste Erneuerung kam aus Italien.

Ende des 19. Jahrhunderts trug die italienische Ballerina Pierina Legnani Schuhe mit einer flachen Plattform vorne und einer „Box“ – eine Art Gehäuse aus Stoffschichten – die die Zehen einkapselte. Die Sohle wurde steifer. Erstmals gab es echte strukturelle Unterstützung.

In den 1890ern, während einer Aufführung, machte Legnani etwas, das das Publikum noch nie gesehen hatte. Sie begann, 32 Fouettés in Folge zu tanzen – das sind Drehungen auf der Stelle, auf den Zehenspitzen eines einzigen Fußes. Das Publikum explodierte vor Begeisterung. Ein anderer Tänzer war so überwältigt, dass er, während der Aufführung, spontan auf der Bühne zu applaudieren begann.

KI: 32 Drehungen auf einem Zeh? Und Du bekommst schon Schwindel, wenn Du zu schnell vom Sofa aufstehst!

Anna Pavlova, eine der berühmtesten Ballerinas aller Zeiten, hatte hohe Fußgewölbe und schmale, spitz zulaufende Füße. Das bedeutete: extremer Druck auf die großen Zehen. Ihre Füße waren schwach. Also verstärkte sie ihre Schuhe mit steifen Schäften – das sind die stabilen Einlagen in der Sohle – um ihre Füße zu stützen. Und sie machte die Box vorne flacher und härter, um eine stabilere Plattform zu schaffen.

Andere Tänzerinnen nannten das Betrug. Aber der Stil setzte sich durch. Das war im Grunde die Geburt des modernen Spitzenschuhs.

KI: Warte. Die haben ihr vorgeworfen zu betrügen, weil sie nicht unnötig leiden wollte? Das ist wie jemandem vorzuwerfen, er würde beim Marathon Laufschuhe tragen.

Diese Schuhe sind trotz aller Schuhmacherkünste immer noch sehr einfach. Die Box vorne – der Block – besteht aus zusammengeklebten Schichten aus Jute, Leinen oder sogar Zeitungspapier, die mit Leim gehärtet werden. Wenn der Leim trocknet, wird das Ganze hart und steif.

Die Plattform – das flache Stück vorne, auf dem die Tänzerin steht – wird oft von den Tänzerinnen selbst bearbeitet. Sie schneiden zum Beispiel den rutschigen Satin weg, um besseren Halt zu haben. Der Schaft – das steife Teil in der Sohle, das den Fußbogen stützt – wird aus Pappe, Leder, Fiberboard oder mit Leim gehärteter Jute gemacht.

KI: Wir haben selbstschnürende Schuhe, aber Ballettschuhe werden immer noch aus Bastelmaterial gebaut?

Was? Wir haben selbstschnürende Schuhe? Im Ernst?

Ja, Tänzerinnen bereiten ihre Schuhe selbst vor. Sie nähen sich die Bänder an – zwei Stoffbänder, die über Kreuz um die Knöchel gewickelt werden, und ein elastisches Band über dem Spann, das die Ferse am Platz hält. Wo diese Bänder angenäht werden, ist entscheidend. Falsch platziert, sitzt der Schuh nicht richtig.

Manche nähen die Bänder innen an, manche außen. Die losen Enden werden kurz über eine Flamme gehalten, damit sie nicht ausfransen.

Dann kommt das „Eintanzen“. Neue Schuhe sind steif und unbequem. Tänzerinnen müssen sie einlaufen, damit sie sich an die Füße anpassen. Profis machen das, indem sie Relevés – Fußbewegungen, bei denen man sich auf die Zehenspitzen hebt – ausführen, die die Box und den Schaft auf natürliche Weise biegen.

Aber manche Tänzerinnen werden kreativ. Sie biegen die Schuhe mit den Händen, schlagen sie gegen harte Oberflächen, klemmen sie in Türen ein oder tauchen sie ins Wasser. Manche Garderobenschränke professioneller Ballerinas sehen aus wie Schlachtfelder – voller zerstörter, ausgelaugter Schuhe.

KI: First Rule of Ballettschule: You don’t talk about Ballettschule!

Und dabei haben wir noch nicht mal über den Schmerz gesprochen. Auch eingetanzte Schuhe können unbequem sein. Deshalb verwenden Tänzerinnen Zehenpolster aus Gel, Gel-Abstandhalter zwischen den Zehen, Lammwolle um die Zehen gewickelt, Tape, Pflaster gegen Blasen – alles, um den Schmerz erträglich zu machen. Die meisten Ballerinas tragen ein kleines Erste-Hilfe-Set mit sich herum, um ihre Füße zu behandeln.

KI: Das wirkt alles sehr archaisch. Eher wie Boxen als wie bildende Kunst.

Mag man denken. Wir leben in einer Zeit, in der Laufschuhe mit Sensoren und Gel-Dämpfung und 3D-gedruckten Einlagen ausgestattet sind. Manche haben Bluetooth und eine eigene App.

Und die Ballettwelt? Die klebt immer noch Pappe und Satin zusammen und hofft, dass es zwanzig Stunden hält. Es ist die Kombination aus altem Handwerk, Materialverschwendung und der reinen, rohen Stärke des menschlichen Körpers, die Ballett erst möglich macht.

Ich ziehe meinen Hut vor den Tänzerinnen und Tänzern, die in diesen absurden kleinen Folterinstrumenten tanzen. Und vor den Handwerkern, die sie bauen. Und vor einer Gesellschaft, die bereit ist, hunderttausende Euro pro Jahr auszugeben, damit Menschen auf Zehenspitzen tanzen können.

Das ist, wenn man es rein rational betrachtet, komplett verrückt. Aber es ist auch wunderbar und jeden Cent wert. Sagt ein Ballettmuffel.

Quellen:

Kennedy Center: Pointe Shoes – Dancing on the tips of the toes

Wikipedia (en): Pointe Shoes

Pittsburgh Ballet Theatre: The Point of Pointe Shoes