Was ist eigentlich bitteschön ein „Gral“? Gibt’s den wirklich und, falls ja, wo ist er? Die Suche führt von einem römischen Senfglas über einen französischen Dichter mit Schreibblockade zu Papst Benedikt, den Sechzehnten. Der Explikator sucht den Heiligen Gral und, siehe da …
Skript
Manche Dinge im Leben geschehen zu spät und manche zu früh. „Monty Python und der Heilige Gral“ geschah zu früh in meinem Leben. Ich kannte Monty Python noch nicht und die Artus-Legende war mir sehr ans Herz gewachsen durch meine Prinz-Eisenherz-Comics.
Das Geschehen auf der Kinoleinwand war verwirrend. Referenzhumor funktioniert am besten, wenn man die Referenzen kennt. Und wieso wurde ein „Heiliger Gral“ gesucht? Was, zum Teufel, ist denn überhaupt ein Gral? Gibt’s den wirklich? Und, falls ja, wo ist er denn?
Auch nach „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, in dem es um den Gral geht, war ich nicht schlauer. Ein schäbiges Weinglas, das Unsterblichkeit bringt. Warum heißt das „Gral“? Wissenschaftlicher als dieser Film war meine Beschäftigung allerdings nicht. Aber jetzt will ich’s genau wissen.
Fangen wir mit der Etymologie an. „Gral“ war im Altfranzösischen ein seltenes Wort, aber kein unbekanntes. Es bezeichnet … eine Servierplatte. Die so groß ist, dass man einen ganzen Lachs damit servieren kann. Geschirr.
Wahrscheinlich kommt es von „cratalis“, Latein, entlehnt vom griechischen „krater“, in dem der Wein gemischt wurde. Oder es kommt von „gradalis“ und dieses wiederum von „gardalis“, dann bezieht es sich auf einen Topf, in dem der Römer „Garum“ aufbewahrte. Das ist jene fermentierte Fischpaste, die das Salz ersetzte. Ein Gral wäre dann so etwas wie ein Senfglas.
[KI:] Aus der Datenbank für sakrale Reliquien: null Treffer. Aus der Datenbank für Küchenutensilien: 1 Treffer. Empfehlung: Spülmaschine.
Wie macht man aus einem Senfglas etwas Heiliges? Dazu nehme man einen Chrétien de Troyes und lasse ihn „Perceval ou le Conte du Graal“ schreiben. Parzival, oder die Erzählung vom Gral.
Der gute Parzival wächst bei seiner Mama auf, weil sein Papa und seine Brüder alle Ritter sind und nicht da. Nicht, weil gerade die Jahreszeit für Kreuzzüge wäre, sondern, weil sie bei der Berufsausübung gestorben sind. Also sieht Parzivals Mama Ritter nicht als möglichen Beruf für ihren letzten Sohn, was dem aber egal ist und schon zieht er los. Viel weiß er nicht übers Rittersein, bloß, dass man besser die Klappe hält und keine dummen Fragen stellt.
Eines Tages gelangt er an einen Fluss, wo er einem Fischer begegnet – dem Fischerkönig. Der weist ihm den Weg zu einer Burg, die wie aus dem Nichts auftaucht. Drinnen liegt ein verwundeter alter Mann auf einem Sofa. Und dann beginnt eine der surrealistischsten Szenen der mittelalterlichen Literatur: Ein Junge trägt eine blutende Lanze herein. Dann kommen Kerzenträger. Dann eine wunderschöne junge Frau, die einen Gral trägt. Die Servierplatte strahlt so hell, dass alle Kerzen daneben verblassen und sie serviert auf magische Weise das Essen.
Parzival hält die Klappe und erfährt später, dass der Gral etwas Heiliges ist und hätte er danach gefragt, wäre der verwundete König nicht gestorben. Jetzt wäre reichlich Platz für die große Erklärung, aber an der Stelle hat Chrétien die Schreibfeder beiseitegelegt.
Der Roman wird trotzdem ein Bestseller und zahllose Autoren schreiben die Geschichte zu Ende. Bei Robert de Boron wird aus der Servierplatte der Kelch, mit dem Joseph von Arimatäa das Blut Jesus bei der Kreuzigung eingefangen habe. Das ist die eine Hälfte der Version von Indiana Jones.
Bei Wolfram von Eschenbach wird aus dem Gral ein Stein namens „lapsit exillis“, der seinen Hütern das ewige Leben schenkt. Da ist die andere Hälfte der Indie-Version.
Der Gral und seine Geschichte bewegen das mittelalterliche Herz, weil es gleichzeitig dem Rittertum an sich eine mystische Bedeutung gibt. Das ist der katholischen Kirche ganz recht, denn sie braucht Kämpfer, um die Heiden und die Häretiker zu bekämpfen.
Mit der Reformation schwindet das Interesse an Mystik und über Jahrhunderte interessiert sich niemand für den Gral,
Trotzdem gibt es allein in Europa über 200 Orte, die beanspruchen, ihn zu besitzen. Hier die vier wichtigsten:
Valencia. In der Kathedrale von Valencia steht in einer eigenen Kapelle der „Santo Cáliz“ – ein Kelch aus Achat, der tatsächlich aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert vor Christus stammt. Mehrere Päpste haben aus diesem Kelch die Messe gefeiert, zuletzt Benedikt XVI. im Jahr 2006. Unsterblich ist er aber nicht geworden, was man daran erkennen kann, dass er 2022 gestorben ist.
Genua. Im Dom von Genua liegt das „Sacro Catino“ – eine sechseckige Schale aus grünem Glas, die man jahrhundertelang für einen Smaragd hielt. Kreuzfahrer hatten sie 1101 aus Caesarea mitgebracht. Napoleon gab sie seinen Wissenschaftlern, die es in zehn Teile zerbrachen. Ergebnis der Untersuchung: Byzantinische Handwerkskunst. Neuntes Oder zehntes Jahrhundert. Kein Abendmahlskelch. Und jetzt auch noch kaputt.
Glastonbury. Im Südwesten Englands, auf dem Glastonbury Tor, soll Joseph von Arimathäa gelandet sein und den Gral vergraben haben. Als Beweis wird angeführt, dass das Wasser in der Gegend rot fließt. Eisenoxid im Boden, wie wir heute wissen.
Die Mönche von Glastonbury Abbey haben diese Legende im 15. Jahrhundert kräftig befeuert – sie brauchten Pilger und Geld für Renovierungen. Ungefähr zur gleichen Zeit entdeckten sie übrigens auch die Knochen von König Artus und Ginevevra.
Montségur. Die Bergfestung der Katharer in Südfrankreich. Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Teilzeit-Mystiker, war überzeugt, dass Montségur das Gralschloss „Munsalvaesche“ aus Wolframs Parzival sei – die Namen klingen ja auch fast gleich, wenn man nur ganz dolle dran glaubt. Er schickte den Archäologen Otto Rahn auf eine Gralssuche quer durch Europa. Rahn fand nichts. Aber Steven Spielberg hatte eine Drehbuchidee.
KI: Aber die Frage bleibt: Wo ist der Gral?
Aber die Frage bleibt: Wo ist der Gral? Und die offensichtliche Antwort ist: Nirgends. Denn natürlich gibt es ihn nicht. Wenn es eine wundertätige Servierplatte oder ein wundertätiges Senfglas oder einen Kelch oder einen Stein gegeben hätte, warum kommen sie nicht schon in der Bibel vor?
Aber, besonders schwerwiegend: Vor Chrétien des Troyes gibt es keine Erwähnung des Heiligen Grals. So wie es vor Plato auch kein Atlantis gab. Alles, was danach kam – der Abendmahlskelch, Joseph von Arimathäa, die Gralshüter, die blutende Lanze – wurde von späteren Autoren dazugedichtet. Und das schließt Steven Spielberg, Richard Wagner und Dan Brown ein. Ein nie beendeter Roman und ein Haufen Fanfiction. Mehr nicht.
In der Filmtheorie gibt es einen Begriff für einen Gegenstand, der die Handlung antreibt, dessen konkrete Beschaffenheit aber eigentlich egal ist. Alfred Hitchcock hat ihn geprägt: der McGuffin. Es spielt keine Rolle, was der McGuffin genau ist. Wichtig ist nur, dass alle Figuren ihn unbedingt haben wollen.
Der Heilige Gral ist nicht nur bei Indiana Jones ein McGuffin. Er ist es in der gesamten Kulturgeschichte. Mal ist er ein Kelch, mal ein Stein, mal eine Schüssel, mal eine Blutlinie. Er ist alles und nichts. Er ist das, was du brauchst, dass er ist. Aber er ist auch egal. Darum ist es auch nicht wichtig, dass es ihn nicht gibt.
Denn wir interessieren uns ja gar nicht für Wunder.
Wir interessieren uns in Wirklichkeit nur für die Suche.
Quellen:
Podcast (Empfehlung) Tom Holland & Dominic Sandbrook: „The Holy Grail“
Wikipedia (en): Holy Grail
Wikipedia (en): Holy Chalice
Youtube: Intro: Monty Python and the Holy Grail – The Insulting Frenchman