Scheint es nur so, oder sind Nobelpreisträger nach ihrer Auszeichnung tatsächlich besonders anfällig für Pseudowissenschaften und Verschwörungstheorien? Gibt es eine Krankheit mit Namen „Nobelitis“ wirklich?
Skript
Es gibt ein Allheilmittel gegen Erkältung, Schnupfen, Grippe und sogar Schizophrenie, das natürlich auch dem Krebs vorbeugt. Und es ist auch nicht schwierig, zu finden, oder unbezahlbar. Denn es handelt sich um Vitamin C. Sagt zumindest der Nobelpreisträger Linus Pauling, der leider an Krebs verstorben ist – aber keine Häme, bitte. Immerhin ist er 93 Jahre alt geworden.
Seine Methode der Vorbeugung hat eigentlich nur zwei Nachteile. Da ist zum Beispiel die Menge an Vitamin C, die man zu sich nehmen muss. In einem Interview aus den 90ern empfiehlt er täglich 18 Gramm.
Nehmen wir die Acerola-Kirsche als Rechenbeispiel, die mit 1.700 mg pro Kilo den höchsten Vitamin-C-Gehalt hat, müssten wir davon täglich 1,06 Kilogramm verdrücken. Bei roter Paprika steigt die Menge auf 12,9 Kilogramm und bei Zitrusfrüchten wären es im Durchschnitt 36 Kilogramm. Klar, man könnte auch Ascorbinsäure schlucken. Das wäre bestimmt einfacher.
Was uns zum zweiten Problem mit Linus Paulings Theorie führt: Sie ist wissenschaftlich gesehen Quatsch. Der Darm kann nicht mehr als ein Gramm Ascorbinsäure aufnehmen, der Rest wird ausgeschieden. Schreibt das Linus-Pauling-Institut heute selber.
Aber, wenn ein Nobelpreisträger für Chemie so eine schräge Theorie behauptet, dann hat das natürlich ein anderes Gewicht als bei Otto Normalverbraucherin.
Kary Mullis war an der Entwicklung der PCR-Methode beteiligt und hat dafür auch einen Nobelpreis eingeheimst. Mit dieser Polymerase-Kettenreaktion kann man winzige Mengen von DNA oder RNA in kürzester Zeit vervielfältigen. Das war während der Covid-Epidemie enorm wichtig, besonders bevor die Antigen-Tests für den Hausgebrauch entwickelt waren, und hat so unzählige Leben gerettet.
Darum ist es auch problematisch, wenn ein Nobelpreisträger wie Mullis einfach behauptet, dass der HI-Virus überhaupt nichts mit AIDS zu tun hat. Ohne in diesem Gebiet geforscht zu haben. Um dann noch ein Buch darüber zu schreiben.
Ach, wenn wir schon bei AIDS sind: Den Virus überhaupt erst nachgewiesen hat – unter anderen auch Luc Montagnier. Der später ein Paper mit einer interessanten Theorie veröffentlichte: Lösungen, die DNA von krankheitserregenden Bakterien oder Viren enthielten, würden niederfrequente Radiowellen aussenden, die dazu führten, dass sich die Wassermoleküle zu „Nanostrukturen“ anordnen.
Und, Du ahnst es: Das Wasser behalte diese Strukturen auch, wenn es so stark verdünnt wurde, dass die ursprüngliche DNA nicht mehr nachweisbar ist. Montagnier hat also die Homöopathie bewiesen. Übrigens erschien das nicht peer-reviewte Paper in einem von ihm persönlich ins Leben gerufenen Journal.
Ohne zu sehr abzuschweifen: Bei Montagnier wird es noch abenteuerlicher: Er glaubte auch, dass man DNA mit Radiowellen teleportieren kann und bemühte dafür – natürlich – die Quantenfeldtheorie.
Und die Doppelhelix-Struktur belegt hat wer? Rosalind Franklin. Richtig. Zumindest hat sie das berühmte Röntgenfoto gemacht, ohne die James Watson und Francis Crick noch heute mit Holzkügelchen basteln würden. So haben die Männer den Nobelpreis und die Frau war lange vergessen.
Jener James Watson also, der seit dem Jahr 2000 wiederholt und nachdrücklich behauptet, dass Schwarze weniger intelligent sind als Weiße. Und dass die Sonneneinstrahlung und damit das mehr produzierte Melanin dazu führe, dass: Je dunkelhäutig, desto mehr Libido.
Diese kuriose Liste ließe sich noch länger fortführen. Es stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Verleihung des Nobelpreises und der Tendenz gibt, ab dann bevorzugt wissenschaftlichen Quatsch zu veröffentlichen.
Vielleicht ist es eine Krankheit? Nobelitis könnte man sie nennen. Das hat zumindest Eleftherios Diamandis so vorgeschlagen.
Diamandis argumentiert, dass der Gewinn des Nobelpreises bei einigen Forschern eine Art psychologische Veränderung auslöst. Sie entwickeln die Überzeugung, dass ihre Genialität universell ist. Dies führt dazu, dass sie sich zu Themen weit außerhalb ihrer eigenen Kernkompetenz äußern und dabei Pseudowissenschaften, Verschwörungstheorien oder längst widerlegte Behauptungen verteidigen.
Er schlägt folgende Diagnosekriterien vor:
- Hybris und Allwissenheit: Die Betroffenen glauben, nach dem Gewinn des Preises auf jedem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gebiet ein Experte zu sein.
- Immunität gegen Kritik: Sie ignorieren fundierte Gegenargumente von Kollegen, da sie sich aufgrund ihres Status über die normale wissenschaftliche Debatte erhaben fühlen.
- Unterstützung von Außenseitertheorien: Sie nutzen ihren Ruhm, um Theorien zu verbreiten, die von der Fachwelt als unhaltbar eingestuft werden.
Diese „Nobelitis“ ist natürlich keine Erkrankung im wissenschaftlichen Sinne, sondern mehr eine satirische Beobachtung – doch man mag sich fragen, ob es nicht tatsächlich so eine statistische Häufung gibt. Hat aber noch keiner wirklich untersucht.
Zumindest sind die Beispiele haarsträubend genug, um sich das einmal genauer anzuschauen. Und tatsächlich listet der Wikipedia-Eintrag noch 16 andere Beispiele auf, von denen einige sogar noch problematischer sind. Alles Männer, btw.
Ich habe auch keine Ahnung, ob es noch eine umfangreichere Liste gibt.
Diese Beispiele stammen alle aus den Sparten Physik, Chemie sowie Medizin und Physiologie. In diesen Fachgebieten wurden bis heute zusammen über 650 Preise verliehen. Das bedeutet: 2,44 Prozent stecken sich an.
Das ist so häufig wie Diabetes Typ 2 bei jungen Menschen. Gibt es, aber nicht oft. Oder, da die Preisträger*innen ja alle nicht mehr die Jüngsten sind: Das ist ungefähr die Prävalenz von Demenzerkrankungen bei 65 bis 69 Jahre alten Menschen.
Ich denke aber, das Problem hat einen ganz anderen Grund: Der Nobelpreis steht auf einem so hohen Podest und wird von allen einfach viel zu wichtig genommen. Siehe Donald Trump aus dem Intro.
Darum werden die Preisträger*innen einfach jeden Mist gefragt und halten sich aus Versehen auch für kompetent genug, auf jeden Mist zu antworten. Das macht etwas mit einem Menschen. Irgendwann traut man auf einmal eigenen Ideen so sehr, dass man die wissenschaftliche Methode gar nicht mehr so dringend braucht.
Hey, wir fragen ja sogar Popstars und Fußballerinnen nach ihrer politischen Meinung. Doch bei denen wundern wir uns nicht, wenn sie nur Scheiße reden, oder? Aber bei Nobelpreisträgerinnen, da hören wir dafür zu genau hin.
Milton Friedman hat das so zusammengefasst:
„Ich selbst wurde schon zu allem Möglichen um meine Meinung gebeten, von einem Heilmittel gegen die Erkältung bis hin zum Marktwert eines von John F. Kennedy unterzeichneten Briefes.
Es versteht sich von selbst, dass die Aufmerksamkeit [die mit dem Erhalt eines Nobelpreises einhergeht] schmeichelhaft, aber auch verderblich ist. Irgendwie brauchen wir dringend ein Gegenmittel sowohl gegen die übertriebene Aufmerksamkeit, die einem Nobelpreisträger in Bereichen außerhalb seiner Kompetenz zuteilwird, als auch gegen das aufgeblasene Ego, das jeder von uns zu entwickeln droht.
Mein eigenes Fachgebiet legt ein naheliegendes Gegenmittel nahe: Wettbewerb durch die Einrichtung vieler weiterer Auszeichnungen. Aber ein Produkt, das so erfolgreich war, lässt sich nicht leicht ersetzen. Daher vermute ich, dass unsere aufgeblasenen Egos noch für lange Zeit sicher sind.“
Milton Friedmans Meinung sollten wir unbedingt trauen. Der hatte zwar auch einen Nobelpreis, aber in den Wirtschaftswissenschaften scheint das Ansteckungsrisiko für Nobilitis statistisch nicht besonders ausgeprägt zu sein.
Wenn man meiner persönlichen Statistik, die übrigens wissenschaftlich auch völliger Humbug ist, trauen will.
Quellen:
Youtube: Dr Linus Pauling interview – Vitamin C
Linus-Pauling-Institut: The Bioavailability of different Forms of Vitamin C (Ascorbic Acid)
Berkeley.edu: Intolerable Genius: Berkeley’s Most Controversial Nobel Laureate
De Gruyter Brill: Nobelitis: a common disease among Nobel laureates?
Wikipedia (en): Nobel disease
Youtube: Intro: No Nobel Peace Prize??? #PUPPETREGIME