Hat Verschlafen Dir (vielleicht) das Leben gerettet?

Es gibt unzählige Geschichten von Menschen, die verschlafen haben und dadurch einer Katastrophe entkommen sind – von der Titanic bis zum 11. September. Aber wie wahrscheinlich ist das wirklich? Eine statistische Annäherung mit überraschendem Ergebnis.

Skript

Wahrscheinlich ist der Zwist zwischen Frühaufstehern und Spätinsbettgehern so alt wie die Menschheit. Mittlerweile geht die Wissenschaft davon aus, dass spezifische Gene verschiedene Taktschläge vorgeben. Chronotypen nennt sich das.

Die Lerchen, also die Frühaufsteher, haben einen Zyklus, der unter 24 Stunden liegt und die Eulen einen, der über 24 Stunden lang ist. Das hätte evolutionäre Vorteile gehabt, denn dann schlafen nicht alle in der Steinzeitsippe, wenn der Säbelzahntiger vorbeischaut.

Dem widerspricht allerdings meine Beobachtung, dass alle Babys Lerchen sind, alle Teenies Eulen und alte Menschen scheinbar wieder lerchiger werden.

Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber der frühe Wurm wird gefressen.

Die Toleranz einer Gesellschaft gegenüber diesen verschiedenen Chronotypen lässt sich vielleicht daran erkennen, mit welchem moralischen Gewicht das „Verschlafen“ behandelt wird. Wie sagte mein Physiklehrer einst treffend: „Das ist zwar ehrlich von Dir, Oliver, aber nachdem Du schon drei Mal „verschlafen“ hast, bekommst Du jetzt trotzdem einen Verweis.“

KI: Einen Verweis? Durftest Du dann nicht mehr in die Schule? Das ist eine paradoxe Strafe!

Der Verweis ist oder war, glaube ich, eine bayerische Geschichte. Drei Verweise sind ein verschärfter Verweis, danach gibt es noch den Direktoratsverweis, der in der Schülerakte landet und schließlich, als schlimmste Strafe, eine zeitweiser Schulausschluss.

KI: Schülerakte? Das klingt gefährlich. Kriegt man dann keinen Job mehr und wird in der Verzweiflung Explikator?

So weit ich weiß, dürfen nur Lehrkräfte und Eltern die Schülerakte sehen. Aber natürlich klang das wie „polizeiliches Führungszeugnis“.

Zurück zum Verschlafen: Es gibt ja ein interessantes Katastrophen-Stereotyp in den Medien. Das geht so: „Zum Glück habe ich verschlafen und hab’s nicht mehr auf die Titanic geschafft!“. Statt der Titanic kann man jede andere Katastrophe einsetzen, von Blitzeis bis zum 11. September – immer finden sich Eulen, die gerade noch einmal davongekommen sind.

So viele dieser Erzählungen gibt es, dass sich die Frage stellt: Hat mir oder Dir das Verschlafen schon einmal das Leben gerettet? Das können wir ja nicht sicher wissen, denn man bekommt ja beispielsweise von der Mitfahrzentrale keine Benachrichtigung, wenn die verpasste Fahrt in einem Crash geendet hat.

Also sollten wir uns dem Problem einmal statistisch nähern.

KI: Statistik? Das ist eine Deiner besonderen Stärken, oder?

Nein. Lass‘ es mich mal versuchen.

Gesucht wird also, sagen wir einmal, P und P bedeutet, dass man durch Verschlafen von einem tödlichen Ereignis bewahrt wurde. Und wir gehen von einer Lebenserwartung von 75 Jahren aus, was ungefähr der Durchschnitt in industrialisierten Ländern ist.

Verschlafen definieren wir als eine Abweichung von den eigenen Plänen von 30 bis 120 Minuten.

Dann müssen wir wissen, wie oft der Durchschnittsmensch verschläft. Gefunden habe ich deutsche Zahlen und da liegt der Wert bei zwei bis drei Mal im Jahr.

Das Risiko für einen Unfall in den industrialisierten Ländern beträgt pro Person ungefähr zwischen 1:2.000 und 1:3.000 pro Jahr. In den meisten Statistiken sind Unfälle auch einigermaßen ähnlich definiert. Verkehr, Arbeit und Haushalt sind immer mit dabei und das macht mehr als 98 Prozent aus – den Rest vergessen wir großzügig.

Aber wir fragen ja nicht nach dem Gesamtjahresrisiko, sondern nach einem spezifischen Zeitfenster, sagen wir eine Stunde. Ein Jahr hat 8.760 Stunden. Wir multiplizieren das Risiko 2.500 mit den Stunden und kommen bei 21 Millionen 900.000 raus.

Das ist aber zu hoch, denn in Wirklichkeit befindet sich niemand 24 Stunden am Tag in unfallträchtigen Situationen. Weil Verkehr und Arbeitsweg wichtiger sind als Haushaltsunfälle, aber man auch acht Stunden schläft, teilen wir das konservativ durch Fünf. Das ist wahrscheinlich immer noch riskanter als ein Durchschnittsleben. Wir kommen auf 4.380.000. Sagen wir vier Millionen.

Das teilen wir durch die 150 Verschlafereignisse im Leben – nein, umgekehrt: Das Verschlafen wird durch die vier Millionen geteilt und wir landen bei 26.700.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Dir, wenn Du einmal 75 Jahre alt bist, das Verschlafen einmal das Leben gerettet hat ist also 1:25.000. Meine Laien-Statistik, mit einer ganzen Reihe von Annahmen, die eigentlich problematisch sind. Take it with a Spoon, not only a grain of Salt.

Aber 1:25.000 wäre ungefähr die Wahrscheinlichkeit, mit Albinismus geboren zu werden, oder als Durchschnittsgolfer ein Hole-In-One zu erzielen. Aber, wenn wir jetzt die industrialisierten Länder mit einer Milliarde Menschen beziffern, sind das immerhin rund 40.000 Menschen, denen das Verschlafen das Leben gerettet hat. In Deutschland 3.000.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Du jemanden dieser Verschläfer kennst, ist genauso hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass Du jemanden kennst, der Mitglied im ATSV Stockelsdorf ist.

KI: Ich sage das ja öfters – vielleicht sogar zu oft – aber: Gibt es vielleicht auch etwas Interessantes, das man in einem Podcast erzählen könnte?

3.000 ist genug, um regelmäßig in den Medien aufzutauchen und den Eindruck zu erwecken, es sei ein häufiges Phänomen. Klassischer Survivor Bias – die Geschichten sind so dramatisch, dass jede Einzelne erzählt wird, während die Milliarden langweiligen Morgen, an denen Verschlafen nur zu einem verpassten Meeting oder einem Verweis geführt hat, nicht erzählt werden. Aus verständlichen Gründen.

Aber: Das Ganze hat ja auch eine Kehrseite. Denn in Wirklichkeit ist das Verschlafen oder Schlafmangel statistisch gesehen, das größere Risiko für das Leben.

Übermüdung ist für 20 Prozent aller schweren Verkehrsunfälle verantwortlich. Wer also vom Wecker aus seinem Rhythmus gerissen wird und sich dann schlaftrunken ans Steuer setzt, um den Termin doch noch zu schaffen, lebt gefährlich.

Das gilt auch für die häufigste Ursache unfallbedingter Todesfälle bei über 65-Jährigen: Der Sturz. Schläfrigkeit und Orientierungslosigkeit nach dem Aufwachen (Schlaftrunkenheit) erhöhen dieses Risiko signifikant.

KI: Das Urteil fällt also ganz klar für die Lerchen und gegen die Eulen?

Nein, ganz und gar nicht! Übrigens, habe ich vorhin nicht erwähnt: Mehr als 50 Prozent der Menschen sind weder das eine noch das andere. Die Mehrheit sind „Tauben“.

Es ist eher so, dass wir unsere Termingestaltung vielleicht physiologischer gestalten sollten. Schulbeginn um 9:00 Uhr ist zum Beispiel nachgewiesenermaßen physiologischer und führt nicht nur zu weniger Unfällen, sondern auch zu einer besseren Aufnahmefähigkeit der Schüler.

Die Tugend „Pünktlichkeit“ ist immer noch ein überschätztes Gut, finde ich. Wir sollten alle etwas lernen von – der Deutschen Bahn. Da sind die Ankunftszeiten von Fernverbindungen ja auch mehr Richtwerte. Das bedeutet nicht Ankunft 12:45, sondern: Ab 12:45 steigt die Ankunftswahrscheinlichkeit langsam. Das ist die richtige Einstellung!

Quellen:

PubMed: The Interplay Between Sleep and Safety Outcomes in the Workplace

Dorchester Reporter: Remembering 9/11: Clam Point man overslept, and missed

Sleep Foundation: Chronotypes: Definition, Types, & Effect on Sleep

Swiss Info: Müdigkeit ist Grund von 10 bis 20 Prozent aller Verkehrsunfälle