Vor der Erfindung des Telegrafierens waren Nachrichten nicht schneller als Pferde und hatten sich meistens schon erledigt. Dann nahm ein Kunstprofessor eine alte Staffelei, einen Elektromagneten und eine Uhr und das Zeitalter der Gleichzeitigkeit begann.
Skript
Das im Intro ist die Musik zu einem 8-Bit-Game, dass ich viel besser in Erinnerung hatte, als es wirklich aussieht. Das Spiel heißt „Zeppelin“ und stammt – wie die Musik – von der fabelhaften Cathryn Mataga, die sich damals „William“ nannte.
Und der Start des Songs ist der vielleicht bekannteste Morsecode der Welt. Das weltberühmte „SOS“ – „Save Our Souls“. Wobei es das nicht bedeutet. Es bedeutet, genau genommen, gar nichts. Es wird nur verwendet, weil es so cool klingt.
Entwickelt wurde es von Funk-Experten der kaiserlichen Marine 1905 und müsste also, wenn überhaupt, eine deutsche Bedeutung haben: „Sehr offensichtliche Seenot“, wäre eine Möglichkeit.
In einer Zeit, als Nachrichten noch sehr, sehr langsam waren, 1791, empfing Samuel Finley Bresse Morse sein erstes Signal. Ich meine, kam er auf die Welt.
1810, als er mit seinem Studium fertig war, brauchten Meldungen von Napoleons Feldzügen in Europa noch schlappe zwei Wochen, bis man bei den Yankees in Connecticut in den Rauchsalons darüber diskutierte.
Morse war Maler. Und Bildhauer. Und Zeichner. Sein Studium hatte er sich mit kleinen Bildern, die er für fünf Dollar verkaufte, finanziert. Bald fand er einen großzügigen Mäzen, reiste nach London und wurde als Amerikaner Mitglied der Royal Academy of Art. Und gewann dort auch wichtige Preise.
Zurück in Amerika konnte er aber mit seiner Kunst keinen Blumentopf gewinnen. Zu klein war damals der Markt. Also ging er in den Staatsdienst und wurde Professor. Obwohl er einige Werke nach Europa verkaufte, legte er 1837 die Palette weg – vor allem, weil er die Nase voll hatte von seinem Job.
Stattdessen nahm er sich Drahtreste, Blechabfälle und eine Wanduhr und begann zu basteln. Ein einfacher Schalter, eine alte Staffelei und ein Elektromagnet und fertig war das erste Morsegerät.
Die umgebaute Uhr zog gleichmäßig einen Papierstreifen über die Staffelei. An einem Pendel war ein Stift befestigt. Wenn der Elektromagnet an war, wurde das Pendel angezogen und der Stift hinterließ auf dem Papier einen Strich. So konnte Morse bald Zahlencodes von einem Raum in den anderen senden.
Mit Hilfe eines bastelfreudigen Studenten namens Alfred Vail und eines Chemie-Professors namens Leonard Gale perfektionierte Morse seinen Apparat immer weiter.
Mithilfe von Relais konnte er den Gleichstrom auch auf längeren Strecken so verstärken, dass man mit seinem Apparat auch von einem Ende des Landes zum anderen senden konnte.
1840 bekam er sein Patent. Und dann begann er sich die Füße wundzulaufen, bis jemand seine Erfindung ernst nahm. Der Kongress war zwar beeindruckt, aber nicht bereit, Geld zu investieren.
Bei einer Tour durch Europa erntete er viel Applaus und Anerkennung, aber keinen Auftrag. In jedem Land waren eigene Bastler mit der Lösung der Probleme der Telegrafie beschäftigt. Jede Nation wollte die Erste sein, die Erfindung lag in der Luft.
Erst vier Jahre später, 1844, begann dann doch die Ära der Gleichzeitigkeit. Der Kongress hatte sich letzten Endes überzeugen lassen. Nach haarsträubenden Schwierigkeiten stand die Leitung zwischen einem Raum im Kapitol und dem Bahnhof in Baltimore. 40 Meilen.
Am 24. Mai sendete Morse die Nachricht „Welch ein Werk hat Gott getan!“ nach Baltimore. Und sein Student sendete umgehend die Bestätigung zurück, dass er eben diese Nachricht empfangen habe. Eine Sache von Minuten.
Ein Vorgang, der noch die fähigsten Pony-Expressreiter mindestens acht Stunden gekostet hätte. Eine Sensation, eine Revolution. Nachrichten wurden auf einmal wertvoll.
Dabei war die Technik nur ein Teil des Erfolgs. Morsen setzte sich durch, weil es als Ein-Draht-System superbilllig war – das System des deutschen Konkurrenten von Sömmerring benötigte 35 Drähte.
Aber vor allem war der Morsecode eine geniale Vereinfachung.
Der basiert ja auf zwei Zeichen. Auf Punkt und Strich. Auf Dit und Dah. Auf lang und kurz. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn die Pause gehört auch noch dazu. Der Morsecode basiert also auf drei Zeichen.
Weswegen auch das Morsen mit einem Stein an eine Wasserleitung echt sehr schwierig ist. Wie die das in den Katastrophenfilmen immer machen. Oder wenn irgendjemand in finstern Verliessen mit seinen Nachbarn kommuniziert. Hat ja immer die gleiche Länge, so ein Dotz! Man kann ja nicht lange und kurz steineklopfen. Nur, wenn beide den typischen Klang des Morsecodes so verinnerlicht haben, dass sie zwischen kurzen und langen Pausen unterscheiden können, könnte das klappen.
Das wirklich Geniale am Morsecode ist aber, wie Alfred Vail die Buchstaben sortiert hat. Der, nebenbei erwähnt, ganz schön von Samuel Morse über’s Ohr gehauen wurde. Andere Sendung.
Es ist nicht A = dit und B = dah und C = dit dah. Sondern der Code sortiert die Buchstaben nach ihrer Häufigkeit.
Am häufigsten ist der Buchstabe „E“, der ist also dit und das „T“, der zweithäufigste Buchstabe, ist das einfach dah.
Wenn jetzt eine Pause kommt, dann haben wir den Buchstaben fertig erkannt. Folgt auf das dit noch ein dit, ist es ein „I“. Folgt ein dah, ist es ein „A“.
Wenn man morst, dann lernt man nicht unbedingt Wörter auswendig, sondern man verinnerlicht einfach den Entscheidungsbaum der Zeichen. Man hangelt sich von Zeichen zu Zeichen. Das lernt man sehr schnell. In einer Stunde kann man sehr, sehr langsamen Morsecode verstehen.
Dann braucht man noch eine Zeit pro Wort, weil man im Kopf immer wieder die Tabelle durchgeht. Aber mit Übung merkt man sich wirklich Worte, wie Melodien. Eine richtig gute Geschwindigkeit ist 20 Wörter die Minute. Da hat dann ein Dit nur noch 60 Millisekunden.
Heute hat das Morsen natürlich nicht mehr die gleiche Bedeutung, wie jedem aufgefallen sein mag, der ein Smartphone – ach was, ein Telefon gesehen hat.
Marinefunker erlernen das Morsen mit Signallampen immer noch, in der Luftfahrt senden Bodenstationen ihre Drei-Buchstaben-Kennung als Morsecode und natürlich gibt es CW-Funker, die aus Spaß Morsen.
Und, sagen wir mal so: Wenn unser digitales Seenot-Funksystem GMDSS ausfällt, oder das Satellitensystem gehackt wird, kann man sich über eine gewisse Entfernung, nur mit einer Taschenlampe, immer noch unterhalten, wenn man Morsen kann.
Keine Technologie verschwindet ganz.
Quellen:
Wikipedia (en): Cathryn Mataga
Youtube: Intro: C64 Game – Zeppelin