Heute zum ersten Mal eine Kurzgeschichte im Explikator. Geschrieben an die Person, die ich als kleiner Junge war. Sie handelt von Obi Wan und warum es nichts macht, dass das Universum so verdammt riesengroß und kalt und leer ist.
Skript
Paul will Obi-Wan-Kenobi genannt werden, nachdem er zum ersten Mal „Star Wars“ schauen durfte. Danach will Paul nicht mehr Paul sein, sondern lieber der Jedi mit dem Bart. Seine Eltern sind ein bisschen verwirrt, aber spielen mit.
Nach drei Monaten fragt seine Mutter: „Du, Obi-Wan, ich vermisse meinen Sohn Paul. Hast Du den gesehen?“
Obi-Wan schüttelt den Kopf.
Sein Vater sagt: „Ein Jedi sollte alles über das Universum wissen, oder?“
Obi-Wan nickt.
Und so beginnt ein Crashkurs in Astronomie. Die Erde ist nicht der einzige Planet im Sonnensystem, lernt Obi-Wan. Da sind noch Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Die großen Planeten bestehen aber nur aus Gas, nicht aus Erde, wie die Erde.
Merkur ist zu heiß für Jedis, die Venus ist zu giftig für Ewoks und auf dem Mars gibt es keine Luft zu atmen. Da wohnen nicht einmal Sandmenschen oder Jawas.
Doch das Universum ist noch viel größer als das solare Sternensystem. In der Milchstraße gibt es noch hundert Milliarden andere Sterne, um die meisten kreisen auch Planeten. Die Milchstraße ist eine Galaxie und im Universum gibt es noch einmal eine Billion anderer Galaxien, die wieder Milliarden Sterne haben, die wieder Abermilliarden Planeten haben.
Außer Sonnen wie der unseren gibt es noch rote Riesen, blaue Zwerge, Supernovae, Neutronensterne und schwarze Löcher. Oder waren es gelbe Zwerge und blaue Riesen?
Beinahe unendlich groß ist das Universum, lernt Obi-Wan, und es wird mit jeder Sekunde noch größer. Zwischen den einzelnen Sonnen ist es furchtbar dunkel und furchtbar kalt. Es riecht nach Steak, sagen die Astronauten, Kosmonauten, Taikonauten.
Seit 14 Milliarden existiert es, vorher gab es nichts, einfach nur das Nichts. Dann gab es auf einmal alles und noch 100 Mal mehr, doch das meiste ist verbrannt. Auch wenn es ein Ende hat, so hat es doch keine Grenze, und – nein – niemand weiß, was hinter dem Universum ist. Könnten es noch einmal eine Billion Mal eine Billion Mal andere Universen sein?
„Das wäre möglich“, sagt Obi-Wans Vater.
Am Wochenende ist Obi-Wan bei Oma und Opa. Beide weigern sich, ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen und sagen hartnäckig nur „Paul“.
Das Bett ist so hoch, dass er darauf klettern muss, die Bettwäsche ist steif und riecht nach Omablumen. Er wacht mitten in der Nacht schreiend auf – ganz alleine war er durch das Weltall getrieben, winzig und verletzlich. Egal, wie er auch zappelte und wie laut er um Hilfe rief, langsam trieb sein Körper auf die Grenze des Universums zu.
Er wollte aber gar nicht wissen, was hinter der Grenze ist! Er wollte nicht im Weltall sein! Er will lieber zuhause sein, in seinem Zimmer und das ganze Weltall nicht sehen müssen!
Mitten in der Nacht trägt Opa ihn in die Küche und macht ihm eine Tasse heiße Schokolade. Er darf so viele Butterkekse dazu essen, wie er will und muss sich nicht die Zähne danach putzen.
Dann erzählt Obi-Wan Opa von seiner Angst. Dass er glaubt, dass er völlig egal ist. Dass er nichts machen kann. Dass es sich anfühlt, als würde ihn die Unendlichkeit auffressen.
Weil er so winzig ist, auf einem riesigen Planeten. Und der Planet ist so winzig im Sonnensystem und das Sonnensystem so winzig in der Galaxie und die Galaxie so winzig im Universum und das alles unwichtig ist und alles tödlich kalt und böse und dass er nicht mehr Obi-Wan sein will, sondern lieber wieder Paul.
„Morgen, lieber Paul, gehen wir an das Ufer der Elbe. Da zeige ich Dir ein Geheimnis über das Universum, das nicht einmal Dein Papa weiß, obwohl er wirklich schlau ist. Einverstanden?“
Es nieselt leicht, als sie nach dem Frühstück zur Elbe gehen.
„Du, Paul, erklär mir noch einmal: Was ist das Universum noch einmal?“, sagt Opa.
„Na, einfach alles. Das Universum ist alles. Alle Galaxien, alle Sonnensysteme, alle Planeten. Das ist das Universum.“
„Und der gelbe Ball, der da durch die Wolken leuchtet, was ist das?“
„Das ist die Sonne. Also unsere Sonne.“
„Die gehört auch zum Universum?“
„Na klar.“
„Und der Planet hier, der gehört zur Sonne. Zum Sonnensystem, oder?“
„Genau.“
„Also gehört der Planet zum Universum?“
„Ja.“
„Und Hamburg? Gehört Hamburg zum Planeten?“
„Opa, frag‘ doch nicht so dumm. Hamburg gehört auch zum Universum!“
„Und die Elbe hier?“
„Die natürlich auch!“
„Und das Ufer hier?“
„Das Ufer auch!“
„Und die Kieselsteine, die hier liegen: Gehören die etwa auch zum Universum?“
„Ja, auch die Kieselsteine gehören zum Universum!“
„So so“, sagt Opa und lächelt verschmitzt.
„Und? Was soll das Ganze?“
„Paul, könntest Du mal einen Kiesel aufheben für mich?“
„Klar. Welchen? Den großen Schwarzen hier?“
„Ja. Der schaut sehr schön aus.“
„So. Und jetzt?“
„Und jetzt wirfst Du den Kiesel, so weit Du nur kannst, in die Elbe rein!“
Und Paul nimmt Anlauf, holt aus und der schöne schwarze Kiesel fliegt seine Bahn und ploppt in die Elbe. Weg ist er.
„Was hast Du da gerade gemacht, Paul?“
„Ich habe den Kiesel in die Elbe geworfen. Hast Du doch gesagt!“
„Schon. Und vielen Dank. Aber der Kiesel gehört zum Universum, oder?“
„Klar. Das hatten wir doch schon.“
„Also, was hast Du gerade gemacht?“
„Ich … ich habe das Universum verändert.“
„Wie bitte? Ich habe nicht verstanden, was Du gesagt hast.“
„Ich habe das Universum verändert!“
„Noch einmal. Damit es die Schiffer da drüben auch hören können.“
Und Paul ruft, so laut er nur kann:
„Ich habe das Universum verändert!“
Und Opa klatscht und freut sich.
„Du Opa?“, fragt Paul.
„Was ist?“
„Kannst Du mich bitte Obi-Wan nennen?“
„Mach‘ ich. Versprochen, Obi Wan!“.