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Knöpfe können aus allen möglichen Materialien sein. Besonders viel Geld verdienten amerikanische Knopfmacher vor 100 Jahren mit Perlmuttknöpfen. Doch das Muschel-Wirtschaftswunder ging genauso schnell zu Ende, wie es begonnen hatte.
Skript
Eine Kindheitserinnerung ist unser Nähkästchen. Keine Kindheitserinnerung ist, dass meine Mutter oder mein Vater jemals etwas genäht hätten. Darum herrschte in dem aufklappbaren Holzkistchen komplettes Chaos.
Mich persönlich interessierten sowieso nur die Knöpfe. Es gab sie in allen Größen und in allen Farben; man konnte sie stundenlang sortieren. Einige der Knöpfe waren aus einem besonderen Material und ihre Farbe changierte, wenn man sie drehte.
„Das ist Perlmutt“, erklärte man mir. Das sei etwas Besonderes. Die würden aus Muscheln gemacht.
Und beim Recherchieren bin ich auf die Geschichte von Johann Böpple gestoßen, was irgendwie ein passender Name für einen Knopfmacher ist, finde ich. Es ist eine Geschichte über Schutzzölle, über Süßwassermuscheln und natürlich eine Geschichte über Knöpfe.
Der eigentliche Anfang ist eine mysteriöse Kiste mit Muschelschalen, die sein Vater irgendwann Mitte des 19. Jahrhundert aus Amerika gesendet bekam. Warum und von wem hat die Geschichte leider vergessen. Darin waren die Schalen von amerikanischen Süßwassermuscheln. Als erfahrener Knopfmacher erkannte Johanns Vater sofort das Potenzial.
Damals wurden Knöpfe aus vielen verschiedenen Materialien gefertigt. Holz, Knochen, Horn oder sogar aus Hufen. Besonders gewinnbringend waren aber Perlmuttknöpfe, die Johanns Vater und danach auch Johann in ihrer Werkstatt in Ottensen bei Hamburg aus Seemuscheln frästen, polierten und bohrten. Doch die Süßwassermuscheln aus der Kiste würden sich auch gut eignen. Aber bis auf weiteres verschwindet sie in einem Regal.
Das ändert sich 1879, als Reichskanzler Otto von Bismarck mit dem Zolltarifgesetz den Freihandel für beendet erklärte und Schutzzölle auf Importwaren und Rohstoffe erhob. Damit wurden die meist aus Übersee importierten Seemuschelschalen für Johann so teuer, dass seine Knöpfe keinen Gewinn mehr abwarfen.
Er musste sein Geschäft aufgeben und wanderte 1887 nach Amerika aus, um nach diesen seltsamen Süßwassermuscheln aus dieser seltsamen Kiste zu suchen. Er wusste, dass die Absenderadresse irgendwo 300 Kilometer westlich von Chicago lag.
Die Legende will, dass der künftige Knopfkönig 1888 im Fluss Sangamon gebadet habe und sich den Fuß an etwas Scharfem aufschnitt. Und, siehe da, der Flussboden war komplett mit Süßwassermuscheln bedeckt! Sein Rohstoff, kostenlos von Mutter Natur angeliefert.
Die Suche nach einem Investor und nach dem perfekten Standort nahm einige Zeit in Anspruch, aber 1891 hatte er in Muscatine, Iowa nicht nur eine Werkstatt, sondern eine kleine Fabrik für Perlmuttknöpfe.
Das Geschäft brummte, was einem zweiten Schutzzoll zu verdanken war, dem berüchtigten McKinley-Tariff von 1890. Nicht USA-Fertigware wurde in Trumpscher Manier mit hohen Einfuhrgebühren belegt. Darunter auch Perlmuttknöpfe. Was auch die Preise der amerikanischen Knöpfe in die Höhe trieb und damit Johanns Einnahmen.
1905, vierzehn Jahre nach der Einweihung seiner Fabrik, gab es in Muscatine Dutzende Knopf-Fabriken, denn natürlich waren die Süßwassermuscheln auch für die Konkurrenz kostenlos. Zusammen produzierten sie in diesem Jahr 1,5 Milliarden Perlmuttknöpfe. Könnte man sie stapeln, ergäben sie einen Turm von 4.600 Kilometer Höhe.
Die Fabriken wurden meistens auf Stelzen mitten in den Fluss gestellt. Von dort wurde der Flussboden mit sogenannten „Krähenfuß“-Haken abgesucht. Landete der Haken in einer geöffneten Muschel, klappte diese zu und konnte in die Fabrik gezogen werden.
Die Lebewesen in den Schalen wurden ausgeschält und im Fluss entsorgt. An Stellen, die dick genug für Knöpfe waren, fräste man Scheiben heraus, die geschliffen, poliert und mit Knopflöchern versehen wurden. Die fertigen Knöpfe wurden danach nach Farben, Größe und Qualität sortiert, verpackt und in ganz Amerika verkauft. Die Schalen mit den Löchern landeten natürlich auch wieder im Fluss.
Man muss nicht viel darüber nachdenken, um zu erkennen, dass diese Ausbeutung natürlicher Ressourcen nicht nachhaltig ist. Es war sogar eine ökologische Katastrophe.
Wenn die Bestände an einer Stelle erschöpft waren, wanderten die Fabriken zur nächsten weiter. Die Muschelpopulationen brachen ein, aber, durch die verdreckten Flüsse, auch die Fischbestände. Süßwassermuscheln sind verletzlich: Ihre Larven müssen sich als Parasiten an Fische heften, um zu überleben, und wenn die Fischbestände schwinden, schwinden auch die Muscheln. Dazu wachsen sie quälend langsam. Es dauert viele Jahre, bis eine Schale dick genug für Knöpfe ist.
Das Problem war schon damals offensichtlich und die Bedrohung für Natur und Industrie wurde sogar vom Kongress erkannt. 1908 richtete man die „Fairport Biological Station“ in Iowa ein, wo Fachleute die Süßwassermuschel erforschen und wieder anzusiedeln versuchten. 1910 bekam sie einen neuen Mitarbeiter. Der konnte zwar immer noch kaum Englisch, aber keiner kannte sich besser mit Perlmuttknöpfen aus. John Boepple. Johann Böpple.
Man nannte ihn zwar den Knopfkönig Amerikas, aber er hatte nie wirklich verkraftet, dass seine Idee einfach zahllos geklaut wurde. Es heißt, er habe viel Geld in Maschinen und Chemikalien investiert, die gar nicht benötigt wurden, nur um seine Konkurrenten zu verwirren.
Denn in Wirklichkeit war er immer noch der kleine Knopfmacher aus Ottensen bei Hamburg, der Zeit seines Lebens jegliche Automatisierung abgelehnt hat, weil er an die Überlegenheit der handwerklichen Arbeit glaubte. Als er 1912 starb, hinterließ er kein Vermögen. Den Gewinn hatten seine Geschäftspartner abgeschöpft. Außer seinem Gehalt von der Forschungsstation hatte er zwei Jahre keine Einnahmen.
Doch der Perlmuttknopf-Industrie drohte auch das baldige Ende. Schuld war nicht einmal das Aussterben der Süßwassermuschel in Iowa, sondern – ganz banal – Plastik. Plastikknöpfe waren nicht von höherer Qualität, aber mit viel weniger Personal viel billiger herzustellen. Und der ökologische Schaden, der dadurch entstand, dass man Plastik aus fossilen Rohstoffen herstellt, den zahlen wir erst jetzt.
Jede Fabrik, die sich nicht an Kunststoff und Automatisierung anpasste, musste ab den 1920ern schließen. Der letzte Perlmuttknopf in Muscatine wurde in den 1960ern poliert und einsortiert.
Übrigens erging es den europäischen Verwandten der amerikanischen Süßwassermuscheln nicht viel besser. Wenn wir Perlenbach Monschau als Vergleich zu Muscatine wählen, dann war dort der Bestand vor 200 Jahren bei 50.000 Muscheln, sank bis 1980 auf ca. 700, bis zwischen 2009 und 2015 die letzte Generation ausstarb. Auch dort versucht man, mit Nachzuchtprogrammen wieder junge Muscheln nachzuziehen.
Wenn ich jetzt so darüber nachdenke … Da gab es im Nähkästchen meiner Eltern auch zwei riesengroße Knöpfe, die mit bunten psychedelischen Motiven bemalt und glanzlackiert waren. Sehr Seventies. Die waren aus dem umweltfreundlichen Rohstoff Pappmaché. Doch, doch, das waren meine Lieblingsknöpfe. Ganz sicher.
Quellen:
Smithsonian Magazine (tolle Fotos): How One German Button Maker Searched the Rivers of the American Midwest for the Shells That Could Make Him a Fortune
Wir. Bewegen. NRW: Flussperlmuschel
Visit Muscatine: John Boepple
Piecework Magazine: The Pearl-Button Fever: Fishing Fortunes from the Mississippi River Bend