Un-Menschliche Tiefe

Wenn wir von der Erde sprechen, meinen wir meist nur die äußerste, hauchdünne Hülle. In einem Zeitalter, das wir selbstherrlich „Anthropozän“ taufen wollen, stellt sich die Frage: Wie tief hinunter reicht unser Einfluss auf den Planeten?

Skript

Was im Intro zu hören war, ist nicht der normale Morgenverkehr einer Großstadt. Wenn es nach religiösen Fundamentalisten geht, dann ist das eine Aufnahme aus der Hölle. So klingt die Hölle.

Als die Russen einen Versuch unternahmen, ein wirklich tiefes Loch zu bohren, haben sie aus Versehen die Hölle angebohrt. So die Erklärung dieses Soundschnipsels, der Atheisten so viel Angst machen soll, dass sie in ihrer Superchurch der Wahl noch mehr Geld spenden, damit der Pastor sich einen zweiten Learjet leisten kann. Oder, so in der Art. Natürlich handelt es sich um einen Fake.

Aber so kam ich zum heutigen Thema. Wie tief haben wir schon gebohrt? Wie wirkt sich der Einfluss des Menschen auf die Erde auf das Erdinnere aus? Und ich bin auf ein interessantes Essay gestoßen.

Es beginnt mit dem Aralsee. Das war der viertgrößte See der Welt. Größer als der Lake Michigan. In den 60ern begannen die Sowjets die beiden Flüsse, die ihn speisten, umzuleiten, um so in den Wüsten Usbekistans und Kasachstans Baumwolle anbauen zu können.

Es war nicht die Absicht, den See zu leeren. Aber genau das geschah. Momentan sind gerade noch zehn Prozent der gigantischen Seefläche übrig. Forschende der fernen Zukunft werden sich vielleicht wundern, warum verrostende Fischkutter mitten in der Wüste liegen.

Ohne den Druck von rund tausend Kubik-KILO-metern an Wasser, begann sich nun die Kruste zu bewegen. Sie hebt sich. Der Geophysiker Teng Wang von der Universität Peking maß 2025 per Satellit, wie schnell: gut sieben Millimeter im Jahr. Damit das funktioniert, muss zäher Fels im oberen Erdmantel nachfließen, in den frei werdenden Raum hinein – aus einer Tiefe von bis zu 190 Kilometern.

Soweit der Autor des Essays, der Wissenschaftsjournalist James Dinneen, es ermitteln konnte, ist das der tiefste Effekt, den eine einzelne menschliche Handlung je auf der Erde hatte.

Unsere absichtlichen Vorstöße in die Tiefe bleiben lächerlich flach dagegen. Das tiefste Bergwerk, in Südafrika, reicht keine vier Kilometer hinab. Das tiefste je gebohrte Loch, die Kola-Bohrung im Norden Russlands kommt auf zwölf. Dann hatte man ja aus Versehen die Hölle erreicht.

Aber es gibt andere Eingriffe, die sogar weiter reichen, als wir das ahnen. Denn wir pumpen unablässig Grundwasser aus dem Boden. Tatsächlich ungefähr einen Aralsee im Jahr. Damit waschen wir uns, gießen unsere Gärten oder speisen unsere Springbrunnen. Das Wasser fließt in Flüsse und am Ende in die Meere. Dadurch steigt der Wasserspiegel. Sogar stärker als durch das Abschmelzen der Eisflächen durch die Klimaerwärmung.

Das Umverteilen von so viel Masse von unten nach oben hat natürlich Auswirkungen auf einen Himmelskörper, der sich wie ein Kreisel um sich selbst dreht. So hat sich die Lage der Erdachse zwischen 1993 und 2010 um fast einen Meter verschoben hat. Das ist nicht dramatisch genug, dass es spürbar wäre. Es hat auch, soweit wir bisher wissen, keine weiteren Konsequenzen, aber es ist messbar.

Das könnte man alles so bewerten: Der Mensch ist eine geologische Kraft, er reicht der Erde inzwischen bis ins Eingeweide. Genau das meint ja der Begriff Anthropozän – das Zeitalter, in dem wir die bestimmende Kraft auf diesem Planeten sind.

Aber es stellt sich die Frage, ob das nicht wieder genau die menschliche Hybris ist, die das Problem erst geschaffen hat. Wenn wir dieses Zeitalter tatsächlich Anthropozän taufen wollen, dann muss man auch anmerken, dass es ein verdammt junges Zeitalter ist. Wo wollen wir es anfangen lassen? Die „Anthropocene Working Group“ schlägt das Jahr 1952 vor, weil sich seit damals, bedingt durch Atombombentests, radioaktiver Staub abgelagert hat, der sich in Gesteinsschichten ablagern wird.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Aktivierung der Gesteinsschichten durch die Leerung des Aralsees tatsächlich 190 Kilometer tief in den Erdmantel reicht, dann ist das immer noch nicht besonders viel. Bis zum Erdmittelpunkt sind es knapp 6.400 Kilometer – da wären wir bei drei Prozent.

Der ganze Rest – der untere Mantel, der flüssige äußere Kern, der feste innere Kern, der allergrößte Teil des Planeten – hat keine Ahnung, dass es uns gibt. Und wird es vermutlich nie haben.

Man könnte sagen: Wir machen die Tiefe nicht kaputt. Aber sie hält uns am Leben. Das Magnetfeld, das uns vor dem Sonnenwind schützt, entsteht aus strömendem Eisen im äußeren Kern, dreitausend Kilometer unter uns. Der langsame Kohlenstoffkreislauf zwischen Gestein, Ozean und Vulkanen wirkt seit Jahrmilliarden als Thermostat, der das Klima stabil hielt. Und die Plattentektonik, angetrieben von der Hitze im Mantel, baut überhaupt erst die Kontinente, auf denen Landleben möglich wurde.

Die Tiefe lässt sich hier in Italien besser spüren als in Deutschland. Denn Italien ist im Prinzip, wenn wir den Norden ausnehmen, ein einziges Gebirge mit etwas Strand am Rand. Die Apenninen entstanden und entstehen noch aus der Kollision der afrikanischen mit der eurasischen Kontinentalplatte.

Die afrikanische Platte bewegt sich seit Jahrmillionen auf die eurasische zu – irgendwann ist das Mittelmeer weg. Ein abgebrochener Teil Afrikas, die sogenannte Adriaplatte schob sich unter die europäische. Die schwere ozeanische Erdkruste sinkt dabei tief in den Erdmantel ab. Dabei werden die Sedimente des ehemaligen Seebodens wie von einem Schneepflug abgeschabt.

Diese abgetragenen Gesteinsschichten werden dabei gestaucht und falten sich, während sie an die Oberfläche gedrückt werden. Wir nennen sie Apenninen. Sie bestehen aus hellem Kalkstein und den Tonen des alten Meeres. Der Großteil der Hebung fand vor nur 20 Mio. Jahren statt, der Vorgang ist aber nicht abgeschlossen, sondern findet immer noch statt. Das ganze Gebirge wandert langsam wie eine Welle Richtung Osten, Richtung Adria.

Darum gibt es in Italien mit Ätna und Vesuv zwei beeindruckende aktive Vulkane. Und darum gibt es dauernd Erdbeben. So wie in jedem Jahr mehrere davon. Wir zahlen 68 Euro im Jahr für unsere Erdbebenversicherung, wobei der Agent zwinkernd meinte: „Wo es wirklich zu Erdbeben kommt, versichern wir das gar nicht. Wo wir gegen Erdbeben versichern, da gibt es nur kleine.“ Gutes Geschäftsmodell.

Die Beziehung zwischen Mensch und Tiefe ist nicht gegenseitig. Wir hängen von der Tiefe ab, aber sie nicht von uns. Und vielleicht ist das die nüchternere, brauchbarere Lesart des Anthropozäns: nicht die, in der wir im Zentrum von allem stehen und auch noch das Erdinnere auf dem Gewissen haben. Der ach so mächtige Mensch hat bislang nur ein paar Kratzer an der Oberfläche gelassen. Der Planet trägt uns, ohne uns zu kennen.

Wir sind nur ein kleiner Teil etwas Größerem. Was uns nicht von der Verantwortung befreit, nachhaltig und zum Wohle dieses Größeren zu handeln. Aber weniger Selbstüberheblichkeit schadet uns auch nicht.

Quellen:

Aeon: Beneath our human shallows

Basler Zeitung: Der Untergrund unter dem Apennin ist ein Pulverfass

Wikipedia (it): Apennini