Die Forschung rund um unsere Lebenserwartung hat mehrere Probleme. Die Datenlage bei den blauen Inseln der Hundertjährigen ist im A…. Und auch Telomere und epigenetische Uhren hängen irgendwo zwischen Korrelation und Kausalität fest. Was wissen wir also?
Skript
Hallihallo und willkommen beim alten Explikator! So alt, dass sich die Frage stellt: Wie alt werden Explikatoren im Schnitt, oder, da es wenige Fallbeispiele gibt: Wie alt werden Menschen eigentlich und kann man da was machen?
Was uns in ein umstrittenes Feld der Wissenschaft führt, dass im Moment von Influencern und Tech-Milliardären überschattet wird. Warum sollten Menschen nicht 150 werden?, kann man als Schlagzeile lesen, aber auch: Ist Sterblichkeit heilbar?, was noch einen Ticken provokanter ist.
Die Tipps und Tricks, um die hypothetische innere Uhr des Körpers zu überlisten, sind zahllos. Wobei, im statistischen Mittel, die meisten Menschen schon daran scheitern, auf Alkohol, Zigaretten, rotfleischiges Grillgut oder Autofahren zu verzichten, um einige der häufigeren Todesursachen zu nennen.
Langes Leben, ja – aber bitte am liebsten in Form einer Pille, ohne den Zwang gleich ein gesundes Leben führen zu müssen. Ich gehöre genau in diese Gruppe.
Die gängige Vorstellung ist ja, dass Menschen früher nur dreißig Jahre alt wurden und mit Vierzig eigentlich schon zum alten Eisen gehörten. Dann kam die Moderne und Medizin und bessere Ernährung und jetzt werden wir an die achtzig Jahre alt.
Dem kann ich als Bibelleser gerne den Psalm 90, Vers 10 entgegenhalten, in dem steht: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre […]“. Wenn man fundamentalistischer Christ ist, dann hat dieser Vers dreitausendfünfhundert Jahre auf dem Buckel. Wenn man der wissenschaftlichen Methode auch bei der Bibelauslegung nicht fremd ist, dann sind es tausend Jahre weniger, aber immerhin: 500 vor Christus. Israel. Ohne moderne Medizin.
Die Kindersterblichkeit und Kriege und Seuchen haben über Jahrtausende dazu geführt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung deutlich niedriger war. Aber nur die durchschnittliche. Eine statistische Fehlwahrnehmung: War man erst einmal erwachsen, wurde man ähnlich alt wie heute.
Über Jahrzehnte durften wir über die blauen Zonen lesen und hören, wo – aus ungeklärten Gründen – die Menschen alle viel älter werden. Alles voller Hundertjähriger in diesen kleinen Flecken, wo oft besonders arme Menschen lebten.
Die haben sich teilweise vor Interviewern nicht retten können, weil jeder das Geheimnis des langen Lebens erfahren wollte. Ist es das Olivenöl? Ist es der Rotwein? Oder der frische Fisch? Oft wird die Mittelmeerdiät genannt – auch wenn viele der blauen Zonen nicht am Mittelmeer liegen. Als Wahlitaliener bin ich etwas skeptisch. So viel frischen Fisch und so viel frisches Gemüse wird hier auch nicht gegessen. Dafür viele Kohlenhydrate und viel Zucker – aber das nur am Rande. Umbrien liegt ja gar nicht am Meer.
Es ist aber nicht die Diät, es ist auch nicht das umfangreiche soziale Netz oder die vielen Kontakte zur Familie. Der Hauptgrund, dass in manchen Gegenden so viele Hundertjährige zu leben scheinen, ist die Rente.
Darum verliert man seine Dokumente und lässt sich neue ausstellen, was auch eine Methode ist, schon mit fünfzig Jahren eine Rente zu bekommen. Darum meldet man nicht, dass Opa oder Oma schon das Zeitige gesegnet haben, damit man deren Rente kassieren kann.
Das ist kein blödes Vorurteil: 72 Prozent der Griechen und Griechinnen, die auf dem Papier über hundert Jahre alt sind, sind in Wirklichkeit tot oder aber viel jünger. Ungefähr ein Viertel der Weltbevölkerung besitzt nicht einmal ein Dokument, auf dem ein Geburtsjahr steht.
Und das Lustige an dieser Fehlwahrnehmung: Den Forschenden ist durchaus aufgefallen, dass die untersuchten Hunderter rein biologisch deutlich jünger wirkten – was aber sogar als Bestärkung der Vermutung verbucht wurde. In diesen blauen Wunderzonen alterten die Menschen eben nachweislich viel langsamer!
Dass die blauen Flecken meistens kleine Gemeinden sind, wo es wenig Beamte und wenig Einkommen gibt, war niemandem aufgefallen.
Es klingt jetzt, als wäre das mit den gefälschten Geburtstagen auf Dokumenten ein kleines Problem, aber es ist ein großes. Denn praktisch alle Studien haben als Basis eben diese Dokumente. Und niemand kann genau sagen, welche falsch sind und welche nicht. Man kann nicht sagen, es gäbe eine bestimmte Ungenauigkeit, die man in der Statistik berücksichten kann. Denn die Unterlagen der Hundertjährigen, die nicht wegen Dokumentenfälschung auffliegen, müssen trotzdem nicht wahr sein. Was die gesamte Ausgangslage wertlos macht.
Und wir brauchen verlässliche Dokumente, weil wir eben keine eingebaute biologische Uhr haben, die unser wahres Alter verrät. Es gab die Theorie, dass Telomere uns dabei helfen können.
Telomere sind so etwas wie die Sicherheitsknoten der DNS, wenn die DNS ein Strickschal wäre. Sie verhindern sozusagen, dass die ganze Struktur aufribbelt. Und im Alter nimmt die Länge der Telomere ab. Wenn aber die DNS nicht mehr so gut geschützt ist, dann kommt es häufiger zu Fehlern.
Schöne Theorie, aber leider funktioniert das nicht so. Man kann durch die Aktivierung des Enzyms Telomerase, die Telomere tatsächlich künstlich extrem lang halten. Damit ist ein Zelle potenziell unsterblich. Wie eine Krebszelle.
Und tatsächlich haben Menschen mit genetisch bedingten unnatürlich langen Telomeren zwar viel später graue Haare, aber ein massiv erhöhtes Risiko für Krebs und Tumor – warum, weiß man nicht. Es widerspricht auf jeden Fall der Ursprungstheorie. Deswegen sind die Telomere sang- und klanglos vor ca. drei Jahren wieder aus der Lebensverlängerungsforschung verschwunden.
Der momentane Hype sind die epigenetischen Uhren. Die funktionieren so: In jeder Zelle befindet sich die gleiche DNS. Die Epigenetik steuert, welche Enzyme abgelesen werden und welche nicht. Das macht sie über Methylgruppen, die quasi wie ein Stoppschild wirken. Im Laufe des Lebens verändert sich dieses Muster aus Millionen von Methylierungen. Manche Stellen gewinnen Methylgruppen hinzu, andere verlieren sie.
Der Biostatistiker Steve Horvath hat eine Uhr mit 353 verschiedenen Indikatoren entwickelt, die anhand der Methylisierung bestimmter Stellen der DNS das biologische Alter des Menschen verraten. Genauer gesagt macht das ein Machine-Learning-Algorithmus.
Und da ist das Problem. Auch Steve Horvath kann nicht sagen, warum sein Algorithmus ein bestimmtes Alter ausspuckt. Oder, anders ausgedrückt: Verursachen diese Veränderungen das Altern oder sind es einfach nur etwas wie … Narben?
Ist es eine tolle Korrelation, aber ohne jeglichen Kausalzusammenhang? So wie es zum Beispiel die Anzahl der Lachfältchen wäre oder die Anzahl der grauen Haare.
Alles, was die epigenetischen Uhren bisher belegt haben, ist, dass eine auffallende Beschleunigung der Alterung ein Hinweis auf ernsthafte gesundheitliche Probleme ist. Ein umgekehrter Effekt – eine Verjüngung durch gesünderes Leben – lässt sich nicht beobachten.
Wenn wir aber den Dokumenten nicht trauen können und auch keine wissenschaftliche Methode zum Bestimmen des Alters haben: Wie viel ist die ganze Altersforschung wert?
Oder, um es positiv auszudrücken: Gelänge der Altersforschung wirklich, unsere Lebenserwartung durch irgendwelche Methoden – und sei es, Buttermilch im Handstand zu trinken – durch irgendwelche Methoden um, sagen wir einmal fünf Jahre zu verlängern – dann hätten wir das sicher mitbekommen.
Wir wissen nicht, wie alt Menschen werden können. Wir können nicht genau sagen, wie alt ein Mensch wirklich ist. Wir wissen nicht, warum Menschen so alt werden, wie sie werden.
Wir haben statistische Erkenntnisse. Wie zum Beispiel, dass Raucher nicht so alt werden wie Nichtraucher. Dass die Lebenserwartung von Köchinnen schlechter ist als die von Podcasterinnen. Okay, das habe ich mir ausgedacht – aber die Lebenserwartung von Köch*innen ist wirklich bedenklich.
Wir haben keine innere biologische Uhr gefunden und wir haben bisher an den falschen Stellen gesucht. Unterwegs haben wir gelernt, dass unser Datenmaterial falsch ist. Wissenschaft bedeutet, dass anzuerkennen und zu publizieren. Und das findet ja auch statt.
Keiner kann sagen, wie alt ein Explikator – oder Du – werden. Aber Du und ich, wir werden’s ganz, ganz sicher rausbekommen.
Quellen:
Nature: How long can humans live? We simply don’t know
Nature: Unraveling the causal genes and transcriptomic determinants of human telomere length
Science Direct: Questioning causal involvement of telomeres in aging
Medical News Today: Are telomeres really the key to living longer, youthful lives?
PubMed: Exploring the potential of epigenetic clocks in aging research
Nature: Do we actually need aging clocks?
Aging US: Why Epigenetic Clocks May Fail to Measure Anti-Aging Effects